GUT GESCHMIERT

KORRUPTION. SKANDALE WIE BEI SIEMENS ODER RUND UM DEN EUROFIGHTER-VERTRAG SIND NUR DIE SPITZE EINES EISBERGS AUS FREUNDERLWIRTSCHAFT UND BESTECHUNG. MAL IST ES DAS DISKRETE KUVERT, DANN DIE EINLADUNG ZUM JAGDAUSFLUG ODER INS BORDELL, DIE Auftraggeber GEWOGEN STIMMEN SOLLEN. TRANSPARENCY INTERNATIONAL (TI) ARBEITET AUF VERSCHIEDENEN EBENEN GEGEN DIESES SYSTEM DER KORRUPTION. PETER A. KROBATH SPRACH MIT PROF. EVA GEIBLINGER, DER VORSITZENDEN VON TRANSPARENCY INTERNATIONAL (TI) AUSTRIAN CHAPTER.

planet: Wenn man von Schmiergeldernim Zusammenhang mit großen Bauaufträgen oder öffentlichen Anschaffungen hört, lautet die Reaktion von vielen Leuten: Das wundert mich nicht. Heißt das, dass Korruption inmanchen Bereichen selbstverständlich ist?

Prof. Eva Geiblinger: Im Bewusstsein vieler Menschen ist Korruption, die von vielen als Kavaliersdelikt eingestuft wird, nicht einmal so schlimm wie Steuerhinterziehung. Und im österreichischen Bewusstsein ist es etwas, das abgetan wird unter dem Motto: Bestechung? Bei uns am Balkan eh klar.

Ab wann spricht man eigentlich von Korruption?
Korruption wird definiert als Missbrauch von anvertrauter Macht zu privatem Nutzen oder Vorteil. Das heißt, wenn Sie z. B. bei einer Behörde Geld in die Hand nehmen, um einen Beamten gewogener zu stimmen, dass die Baugenehmigung schneller geht, dass der Abwasserkanal nicht so teuer wird, dann ist das definitiv Korruption.

Wie sieht da die Arbeit von Transparency International (TI) aus ?
Transparency International (TI) wurde vor 17 Jahren als NGO gegründet und ist inzwischen in 100 Ländern vertreten. TI arbeitet inallen Ländern mit Regierungen, Behörden aber auch der Industrie zusammen, um Korruptionsystemisch zu bekämpfen. TI greift also keine Einzelfälle an. Uns geht es darum,bewusst zu machen, dass Korruption kein Kavaliersdelikt ist, sondern etwas, das manernst nehmen muss und wo man sehr genau hinschauen muss. Unsere Arbeit beginnt an Schulen und Universitäten und führt vom Coaching in Unternehmen bis zur Beratung von Ministerien und Behörden. Bei Unternehmen geht es darum, wie bekomme ich den Zuschlag für ein Projekt auch ohne Bestechung, wie sensibilisiere ich meine Mitarbeiter gegen Korruption, wie ermutige ich Mitarbeiter durch einen zur Verschwiegenheit verpflichteten Ombudsmann dazu, ihr Wissen über derartige Vorfälle offen zu legen.

Welche Bereiche sind besonders korruptionsanfällig?
Alle. Es beginnt bei kleinen Gefälligkeitenbis hinauf zu Millionenaufträgen. Nehmen wir z.B. die Bauindustrie. Viele Unternehmen sind der Überzeugung, bestechen zu müssen, weil sie sonst keinen Auftrag bekommen. Ein positives Beispiel gibt es aus Bayern, dort hat sich ein Verein der Bauindustrie Transparency International angeschlossen und einen Code of Conduct unterschrieben, dass sie bei ihren Geschäften nicht mehr mit Bestechungsgeldern arbeiten wollen.

Das heißt, praktisch läuft Korruption immernoch mit dem legendären Geldkuvert ab?
Die Geschichte mit dem Kuvert ist sehr beliebt.Aber es gibt selbstverständlich auch andereMethoden wie Einladungen, Sachgeschenke,wo man gut abwägen sollte, in welcherFunktion ich die annehme. Die Weltbankhat für ihre Angestellten eine Regel aufgestellt:Was ich bei einer Einladunginnerhalb eines Tages essen kann, ist erlaubt,das lässt sich noch nicht als Bestechung werten.Aber alles andere, Flüge, Kreuzfahrten,Luxusreisen, Einladungen zur Jagd, ist natürlichnicht mehr vertretbar. Wobei solche Einladungenoft gut überdeckt sind, zum Beispielals Fortbildungskurs, siehe Pharmaunternehmen,und da beginnt die Grauzone.

Ungereimtheiten und Skandale dieser Art gibtes auch in Österreich immer wieder, nur zustrafrechtlichen Konsequenzen führen dieFälle meistens nicht – fehlt es da an Mut aufSeiten der Staatsanwaltschaft oder anpassenden Gesetzen?
Auf dem gesetzlichen Sektor müsste bei unsnoch sehr viel geschehen. In Deutschland gibt es bereits Schwerpunkt-Staatsanwaltschaften,die sich ausschließlich mit Korruptionbeschäftigen, das wäre für Österreichsicher ein wichtiger Schritt für die Korruptions-Bekämpfung. Außerdem wären strafrechtlich schärfere Sanktionenwünschenswert. Auch sollte bei uns die Finanzierung von Parteien transparenter werden, zum Beispiel durch Offenlegung von Großspenden.

International wird gerne Afrika als Negativbeispiel angeführt. Trotz gewaltiger Summen, die in den letzten Jahrzehnten nach Afrika geflossen sind, ist es nicht gelungen, die Armut wirksam zu bekämpfen. Weshalb bekommt man dort die Korruption so schwer in den Griff?
Das fokussiert sich immer auf ein paarschwarze Schafe, die Fortschritte werdenhier leider kaum erwähnt. Gerade TI hat aufdiesem Sektor sehr früh viel bewegt. DerGründer von TI, Peter Eigen, hat bei derWeltbank viele Jahre lang Afrika betreut undwollte nicht einsehen, warum hier so vieleGelder versickern. Das war seine ursprünglicheMotivation, so eine NGO zu gründen.TI arbeitet heute in diesen Krisenherdensehr erfolgreich und zieht auf höchster Ebenedie notwendigen Strukturen ein. Es hatsich hier schon vieles geändert und es gibt inAfrika starke Bestrebungen, die so genannteBad Governance los zu werden.

Nimmt Korruption weltweit gesehen zu?
Wir publizieren ein jährlich durchgeführtes Korruptions-Wahrnehmungsbarometer, das in 163 Ländern untersucht wird. Finnland ist im Ranking das korruptionsärmste Land, wir in Österreich liegen dieses Jahr am 11. Platz, wobei hier Vorfälle wie BAWAG, Eurofighter und Fußballclubs noch nicht berücksichtigt sind.

Danke für das Gespräch.

 

Zur Person

PROF. EVA GEIBLINGER
Selbstständige Unternehmensberaterin in Wien, langjährige PR-Managerin in internationalenWirtschaftsunternehmen, ehemaliges Vorstandsmitglied von General Motors Austria, zuletzt Direktorin Konzernkommunikation Degussa AG, Vorlesungen an den Wirtschaftsuniversitäten Wien und Bratislava. Sie ist Vorstands-Vorsitzende von Transparency International (TI) Austrian Chapter