VOR ORT. FAMILIENFEST.

SOZIALMARIE. ZUM DRITTEN MAL VERGAB DIE UNRUHEPRIVATSTIFTUNG HEUER DIE SOZIALMARIE-PREISE FÜR INNOVATIVESOZIALE PROJEKTE. MARION KREMLA WAR BEIDER PREISVERLEIHUNG IM RADIOKULTURHAUS DABEI.

Das Foyer des Radiokulturhauses brummt. Begrüßungen hier, Umarmungen dort. Man kennt und schätzt einander offensichtlich – und doch treffen hier eigentlich KonkurrentInnen aufeinander. Denn es ist der Abend des 1. Mai. Und das heißt seit drei Jahren: Sozialmarie-Preisverleihung. Ausgezeichnet werden insgesamt 15 Projekte mit dem„Oscar für innovative soziale Projekte“, so die Definition der dahinterstehenden Unruhe Privatstiftung.

Kurz nach 18 Uhr ist der große Sendesaal gesteckt voll mitpotentiellen PreisträgerInnen und Barbara van Melle eröffnetden Abend:Willkommen zur dritten Verleihung der Sozialmarie. Vorweg das Persönliche: Dieser Bericht ist notwendigerweisehöchst subjektiv. Denn ich zähle als Mitarbeiterindes Siegerprojekts 2005 zu den Alt-PreisträgerInnen.Aus dieser Perspektive hat die Sozialmarie etwas Familiäres –vielleicht ist das aber auch mehr als ein subjektiver Eindruck.Das Familiäre liegt in der Plauderstimmung vor undnach der Preisverleihung, in der Herzlichkeit, mit der Wanda Moser-Heindl und die Jurymitglieder alte, neue und zukünftige PreisträgerInnen begrüßen, befragen und ermuntern. „Probiert’s es ruhig noch einmal“ hören nicht nur diejenigen, die leer ausgegangen sind, sondern auch die Gewinner-Innen. Wer mitmacht, gehört schnell dazu. Wie in einer großen Familie werden die VertreterInnen der älteren Generation gewürdigt, also die PreisträgerInnen der vorangegangenen Jahre. Ihre Namen flimmern über die Projektionswand, im Foyer schenkt das Siegerprojekt des Vorjahres alkoholfreie Cocktails aus.

Und wie es sich für ein Familienfest gehört, gibt es auchTraditionen und Rituale: Barbara van Melle moderiert denAbend, interviewt wie immer zunächst die Jurymitgliederund die StifterInnen zur Idee der Sozialmarie im Allgemeinenund zur heurigen Vergabe im Besonderen, hernachMusik und die eigentliche Preisverleihung. Und doch istheuer etwas gravierend anders: denn Fritz Moser, Mitinitiatorder verleihenden Unruhe Privatstiftung und der Sozialmarieist vier Monate zuvor verstorben. „Seine Ideen und Visionenleben in der Sozialmarie fort“, sagt Wanda Moser-Heindl undgibt zu verstehen: es geht weiter. Der Preis soll noch bekannterwerden. Noch mehr Unternehmen sollen sich Sponsoringanregungenvon der Website holen. Noch mehr Projekte, insbesondereaus den Nachbarländern, sollen einreichen.

Reggaemusik live leitet den Beginn der Verleihung, aufsteigendvon den zwölf Anerkennungspreisen, ein. Je tausend Euro erhalten unterschiedlichste Initiativen, so etwa der Vorarlberger Finanzführerschein, die barrierefreien Nachrichten von Bizeps, die Demos von Ehe ohne Grenzen. Nochmals Reggaemusik, nochmals Spannungsaufbau vor den Hauptpreisen. Den dritten Preis erhält... nein, keine NGO, sondern die Erste Bank für Spezialgirokonten für völlig überschuldete Menschen. „Was braucht a Bank a Geld“ raunt es hinter mir. Aber so ist sie eben, die Sozialmarie, sehr offen.

Die Gruppe Black Austria landet mit ihrer ironischen Kampagnezu Schwarzen-Klischees auf dem zweiten Platz. „Besuchtwurden wir, das schon – aber den zweiten Platz?“ zeigt sich Simon Inou völlig überrascht über den unerwarteten Erfolg. Bei den MitarbeiterInnen der asylkoordination österreich gehen inzwischen die Emotionen hoch: sie erhalten den ersten Preis in der Höhe von 15.000 Euro für die Initiierung und Begleitung hunderter geglückter Beziehungen zwischen jugendlichen Flüchtlingen und ÖsterreicherInnen.

Die Sozialmarie hat auch objektiv etwas Familiäres, behaupte ich. So tummeln sich bei der Verleihung der ersten beiden Preise Babys auf den Armen ihrer Väter und zerpflücken friedlich-gelangweilt die Preisträgerblumensträuße. Und LiebhaberInnen offener Familiengeheimnisse sei verraten: das Baby auf dem Gewinnerfoto ist ein Kind zweier Sozialmarie-PreisträgerInnen. Es hat als einziges Familienmitglied noch kein Projekt eingereicht. Doch die Unruhe Privatstiftung ist auf 99 Jahre angelegt. Es bestehen also noch Chancen.