NICHT NUR NEUE SCHILDER
SCHULE. KOMMT NACH JAHRZEHNTEN DES STILLSTANDS ENDLICH BEWEGUNG IN ÖSTERREICHS SCHULPOLITIK? WIE SIEHT ES MIT DEM REALITÄTSGEHALT DER MINISTERIELLEN ANKÜNDIGUNGEN AUS? EINE NACHFRAGE BEIM BILDUNGSSPRECHER DER GRÜNEN, DIETER BROSZ.
Man könnte annehmen, die Grünen triumphieren, wenn Bildungsministerin Schmied zumindest in Modellregionen auf die Gesamtschule umstellen möchte. Somit hätte sich eine der wesentlichen Forderungen an einen Umbau des Bildungssystems erfüllt. Doch Dieter Brosz, Bildungssprecher der Grünen, der lieber von „Gemeinsamer Schule“ spricht, ist skeptisch: „In Kärnten hat man bloß damit begonnen, die Schilder auszutauschen. Wo Hauptschule stand, steht jetzt Gemeinsame Schule der Vielfalt. Verändert hat sich nichts. Die genauen Pläne sind unklar. Und der Bürgermeister von Traiskirchen hat angeboten, den geplanten Zubau zu einer Hauptschule als Gesamtschule zur Verfügung zu stellen. “
Vorlaufzeit nötig
Damit werde der Kern der Gemeinsamen Schule umgangen. „Es macht nur Sinn, wenn alle Schulen in einer Region dasselbe Schulsystem bekommen.“ Und Dieter Brosz fügt kopfschüttelnd hinzu, dass solch ein System Vorlaufzeit brauche, die sich die Ministerin nehmen solle, anstatt jedes abstruse Angebot anzunehmen und ins Leere hinein umzubauen. Schulmodelle aber seien für den Anfang durchaus sinnvoll, weil eine Gesetzesänderung auf Bundesebene mit der ÖVP derzeit noch undenkbar sei. Auf die Frage, welche Region besonders geeignet sei, die Gemeinsame Schule zu testen, antwortet der Bildungssprecher mit Wien und Steiermark. Letztere, weil dort weniger AHS existieren, sodass der Umbau auf das neue Schulsystem leichter fiele. Und zudem seien in der Steiermark alle wesentlichen Parteien einem solchen Modell gegenüber nicht abgeneigt, daher wäre dieses leichter sinnvoll umsetzbar.
Keine Leistungsgruppen
Wien hingegen bilde eine große Herausforderung mit seinem 50%-Anteil an AHS und der Migrationsproblematik, wobei gerade hier die Gemeinsame Schule der geeignete Ausweg sei, zeigt sich der Grüne Bildungssprecher überzeugt. Denn die Gemeinsame Schule solle individuell fördern, auf die Kinder und ihre Begabungen eingehen. LehrerInnen sollten in diesem Prozess als BegleiterInnen auftreten. Ein zentrales Missverständnis macht den Grünen dabei Sorgen: Die innere Differenzierung, wie sie eine Gemeinsame Schule bietet, werde oft mit Leistungsgruppen verwechselt. „Einfach nur eine vierte Leistungsgruppe einzuführen, wäre fatal!“ Man benötige für die Gemeinsame Schule mindestens 10% FörderlehrerInnen, um teilweise auch in Kleinstgruppen unterrichten zu können.
Freude am Lernen
So betrachtet Dieter Brosz die Nebenauswertungen der PISA Studie als das wirklich Interessante. Dort lautet der Vorwurf an Österreich, dass die soziale Fragmentierung in den Schulen viel zu hoch sei. Die Schere im Bildungszugang zwischen den Kindern von AkademikerInnenfamilien und Kindern von Eltern mit niedrigster Bildung sei in Österreich dreimal so hoch wie in Finnland. Internationale Vergleiche zeigen, dass gemeinsame Schulen mit integrierter Differenzierung wesentlich sozial ausgewogener fördern und damit allen ähnlichere Chancen geben. Und das Beurteilungssystem? „Das ist unzureichend“, fasst sich Brosz kurz. Interessant sei hier das Modell der Laborschule Bielefeld mit individuellen Beurteilungen, wo jede/r SchülerIn nach persönlichen Voraussetzungen beurteilt wird. Denn das System der Über- und Unterforderung beginne schon in der Volkschule – und nehme den Kindern damit die Lust am Lernen. Dieter Brosz aber geht davon aus, dass sich die meisten Kinder im Vorschulalter auf den Schulbeginn freuen – erst später gehe die Freude verloren. Das ließe sich ändern, ist der Grünpolitiker überzeugt. Schule müsste lebensnaher werden, dann würde sie den SchülerInnen auch mehr Spaß machen.
