WILLE ZUR SELEKTION
SCHULE. „SIE KÖNNTEN GENAUSO BEHAUPTEN DIE WELT SEI EINE SCHEIBE. “ SO CHARAKTERISIERTE KÜRZLICH EIN BILDUNGSWISSENSCHAFTER DIE HALTUNG EINES MASSGEBLICHEN TEILS DER ÖVP IN DER BILDUNGSPOLITISCHEN DEBATTE. KANN DER ÜBERHASTETE VORSTOSS DER SPÖ BEWEGUNG IN DIE VERFAHRENE SITUATION BRINGEN?
Es waren vor allem die Ergebnisse der in allen OECD-Staaten durchgeführten Vergleichstests, die unter dem Kürzel PISA (Programmefor International Student Assessment) die seit Jahren festgefahrene politische Diskussion um eine gemeinsame Schule für alle 10- bis14-jährigen – vulgo Gesamtschule – wieder in Gang gebracht haben. Diese bildungspolitische Frage ist der Spiegel einer speziellen österreichischen Mischung von politischer Ideologie, fehlender Aufarbeitung der Vergangenheitund Klassenkampf von oben.
Erbe des Ständestaats
Nicht überall verlaufen die ideologischen Gräben in der Schulpolitik so wie in Österreich. Ingo Erler, Herausgeber eines jüngst erschienenen Bands zur sozialen Ungleichheit im Bildungssystem, betont, dass Gesamtschulen meist von konservativen Regierungen eingeführt wurden. Obwohl die SPÖ seit Jahrzehnten diese Schulform propagiert, war eine Reform nie möglich, weil eine Zweidrittelmehrheit im Parlament für eine solche notwendig wäre. Das gehört zu den historisch nicht leicht zu erklärenden Seltsamkeiten der österreichischen Bildungspolitik. Die Ethnologin Barbara Herzog-Punzenberger verweist in diesem Zusammenhang auf das Erbe des Ständestaats, das in Österreich nicht nur in Gestalt des Dollfuß-Porträts im ÖVP-Club immer noch präsent ist. Wie stark das Bildungssystem daran beteiligt ist, dass möglichst viele Menschen in jener sozialen Schicht bleiben in die sie hineingeboren wurden, wurde beider Aufarbeitung der PISA-Daten wiedereinmal klar. Auch eine Reihe anderer vergleichender Studien sorgt dafür, dass die Position der GesamtschulverweigerInnen wissenschaftlich schlicht unhaltbar ist. Sofern das Ziel der Bildungspolitik optimale Ausbildung bei möglichst hoher Chancengleichheit und nicht eine Zementierung des gesellschaftlichen Status quo ist.
Angst vor Differenz
Ein wesentlicher Grund für die nach wievor starke Ablehnung der Gesamtschule in der österreichischen Bevölkerung dürfte in der Angst der Eltern liegen, dass ihre Sprösslinge schlechtere Leistungen bringen,wenn sie mit minderbegabten MitschülerInnen gemeinsam unterrichtet werden. Neben BildungswissenschafterInnen haben sich auch ÖkonomInnen dieses Themas angenommen, wie zuletzt Nicole Schneeweis von der Johannes Kepler Universität in Linz. Was Schneeweis mit ihrer Analyse der PISA-Daten zeigt, nämlich dass gute SchülerInnen schwächeren zu besseren Leistungen verhelfen ohne dabei selbst in ihren Leistungen abzufallen, wurde schon von den Pionieren des Kooperativen Lernens wie Johnson & Johnson erkannt. Auch der Pädagoge Rupert Vierlinger meint in einem Kommentar, dass das „peer-tutoring“ durch die besseren SchülerInnen „ihrem Denken deutlich anspruchsvollere Strategien abfordert als das bloße Lernen für die Prüfung“.
Struktureller Rassismus
Ein Aspekt der in der laufenden Diskussion seltsam unterbelichtet bleibt, ist die Situation von Kindern nichtdeutscher Muttersprach ein den städtischen Ballungszentren. Sie sind es, die am meisten unter der Selektion zu leiden haben und von der Mehrheit der eingeborenen ÖsterreicherInnen auch noch als Ursache für die Misere des Schulsystems angesehen werden. Laut einer aktuellen Umfrage fürchten über 80% der ÖsterreicherInnen, dass ihr Kind mit zu vielen „Ausländern“ in eine Klasse gehen muss. Die Rolle des strukturellen Rassismus zeigte die deutsche Bildungswissenschafterin Ursula Boos-Nünning Mitte Mai bei einer Tagung in Salzburg auf. Schuld an den Schulproblemen von MigrantInnenkindern seien nicht nur – wie ständig behauptet – Sprachprobleme, sondern vor allem das selektive Schulsystem in Österreich und Deutschland, das Unterschiede nach sozialer Schicht und Migrationshintergrund nicht kompensiere sondern verstärke. Boos-Nünning sprach aber auch ein weitgehend tabuisiertes Problem an: den latenten Rassismus der LehrerInnen. Diese haben, wie Studien zeigen,„relativ feste Bilder insbesondere über Schüler mit muslimischem Hintergrund.“ Dass dann die Vorstellung, dass sich muslimische Schüler nichts von weiblichen Lehrkräftensagen lassen, von diesen bereitwillig aufgenommen wird, dreht die Vorurteilsspirale nur eine Umdrehung weiter.
Taktischer Ausfall
Dass die SP-Ministerin Schmied im Verein mit der Wiener Stadträtin Grete Laska und dem Kärntner Landeshauptmann bei der Einführung der Gesamtschule ein verschärftes Tempo vorgibt, hat vorwiegend taktische Gründe. Man will den unwilligen Koalitionspartner mit Ankündigungen unter Druck setzen. Im Stadtschulrat steht man, wie Pressesprecher Matias Meissner betont, zur forschen Vorgangsweise. Ohne Zeitdruck wären auch im bildungspolitischen Musterland Finnland die Reformen nicht durchsetzbar gewesen. Grüne SchulexpertInnen wie Dieter Brosz und Susanne Jerusalem befürchten allerdings, dass ÖVP und LehrerInnengewerkschaft jetzt auf stur schalten könnten und dass ohne fundierte Modelle letztendlich nur gefährliche Kompromisse herauskommen. Rechnet man – abgesehen von der noch zu leistenden Überzeugungsarbeit – grundlegende Erarbeitung eines österreichischen Modells, organisatorische Maßnahmen, Umstellungen in der Ausbildung der LehrerInnen und die Erarbeitung von geeigneten Materialien ein, kommt man, rechnet Susanne Jerusalem vor, zu einem geeigneten Zeitpunkt um 2015.
Rolle der LehrerInnen
Wie die Anpassung der LehrerInnenausbildung an die Bedürfnisse einer Gesamtschule aussehen könnte, ist noch völlig unklar. Andrea Hallal-Wögerer, Direktorin einer Kooperative Mittelschule mit naturkundlichtechnischem Schwerpunkt, schwebt als Fernziel eine Ausbildung für alle PädagogInnen an Pädagogischen Universitäten vor. Ihre Schule pflegt einen LehrerInnenaustausch mit dem benachbarten Realgymnasium, mit guten Erfolgen. Ein System das ausbaufähig wäre. Dass AHS-LehrerInnen und ihre Gewerkschaft gegen Versuche, die längst überfällige Reform auf die Schiene zu bringen, opponieren, liegt wohl nicht daran, dass ihre Vertretung von den Plänen der Ministerin erst aus den Medien erfahren hat. Es geht um handfeste materielle Interessen. Immerhin übersteigt das Einstiegsgehalt eines/einer AHSLehrerIn jenes an der Hauptschule um über 300 € (1.616 € gegenüber 1.936 €) eine Differenz, die sich bis zum Ende der Dienstzeit fast verdreifacht (3.797 € gegenüber 4.672 €).
Wobei wir beim wohl größten Stolperstein angelangt wären, dem Geld. Der Anteil der Bildungsausgaben am BIP ist seit zehn Jahren rückläufig und wird 2008 mit einem Anteil von 2,37% einen Tiefststand erreichen. Gerade ambitionierte Schulen und Projekte, IntegrationslehrerInnen und Zusatzangebote waren in den letzten Jahren von Kürzungen betroffen.Wie viel ein neues, gerechteres Schulsystem kosten wird und woher das Geld dafür kommen soll, auch darüber brüten noch diverse Arbeitsgruppen.
