CINEMASCHINE
Leben in Bildern
Wie „wir” in medialen Bildern, zumal Kino-Bildern, leben, und wer dieses Wir ist (wenn nicht „wir”), und was für Leben da in was für Bildern abläuft (oder umgekehrt) – darum geht es in dieser Glosse. Sie heißt Cinemaschine und beginnt mit der Spinne – nicht nur des hatscherten Reims wegen. Wie so manche heutige Blockbuster macht „Spider-Man 3” prägnante Erfahrungsangebote; der Film bietet an, das Alltagsleben in Konsumkulturen, Postdemokratien und FlexWorkWelten im Bild durchzuspielen, durchzuempfinden, mit Sinn und Intensität aufzuladen.
Ein Blockbuster macht eher über Logos, Sounds und Texturen Sinn als über Storys oder Psychologien. So treten auch bei „Spider-Man 1 bis 3” zwei Bild-Formen oder -Diagramme hervor, die sich zur Interpretation anbieten. Diese sind –gemäß den Verhaltensmustern von Spinnen– das Netz und der Sturz. Netz heißt, dass in „Spider-Man”-Filmen alles eingewoben ist in ein komplexes Beziehungsnetz (das in Teil 3 von der Überbelastung mit Erzählmaterial bis zum Zerreißengespannt ist). Jede Figur hat ihre Doubles und Rivalen, jede intensiv erlebte Gegenwart verweist auf Vergangenheit und Herkunft: Zum einen kehrt Filmhistorisches im Detail wieder: die Physiognomie des traurigen Gangsterfilmstars Paul Muni im Gesicht des Sandmanns, ein Ton-Effekt aus einem alten „Body Snatchers”-Film im Sound des schwarzen „Venom”-Gespinsts, Bruce Campbell, Jugend-Splatterfilmspezi von Regisseur Sam Raimi, in der Kurzrolle des französischen Kellners. Zum anderen spinnt sich, wie bei Superhelden üblich, Vergangenheit in Form von Traumata, Identitätszweifeln, Rache- und Schuldgefühlen in die Gegenwart fort. Es geht ums Netz und um Spinnen; das heißt auch, dass hier alle Figuren mehr oder weniger spinnen, im Netz ihrer Neurosen zappeln, die sie zu voll eingebundenen Mitgliedern einer unsolidarischen Hochleistungsgesellschaft machen.
Das andere Diagramm ist der Sturz. Wenn früher Filmfiguren in die Tiefe stürzten, in Hitchcock- oder Abenteuerfilmen, dann waren das Momente des Herausfallens aus der Struktur von sozial vermittelter Identität. Noch 1991, in „Thelma & Louise”, markierte der Sturz/Sprung in den Abgrund die pathetische Wahrheit von Unzugehörigkeit und Bruch mit der (patriarchalen) Ordnung. Das ist heute anders. In „JurassicPark”-, „Matrix”-, „Star Wars”- oder eben „Spider-Man”-Filmen werden Stürze und Sprünge in Abgründe zu paradoxen Zonen eines dauerhaft vorübergehenden Aufenthalts: Im Sturz wird gekämpft, auf einem abstürzenden Mauerteil geklettert, flexibles Multitasking betrieben. Der endlos erlebte und komplex gegliederte Sturz entspricht verschiedenen Formen unbegrenzter Prekarität heutiger Arbeits-, Aufenthalts- und Zugehörigkeitsverhältnisse. Der Sturz wird als Welt bewohnbar, und die Welt ist alles, was der freie Fall ist.
