BRIEF AUS DER REDAKTION
Geschlossene Systeme
Markus Müller, Concordia-Preisträger 2007, ging am 16. Mai in einem Journal Panorama der Frage nach, ob in Österreich die Errichtung einer muslimischen Parallelgesellschaft drohe, gesteuert von Geheimgesellschaften mit Hasspredigern und Zwangsverheiratungen, oder ob ein europaweit vorbildliches System von Querulanten und Wichtigmachern schlechtgeredet werde. Er ging das Thema mit aller journalistischen Sorgfalt an, sprach mit allen Beteiligten (oder versuchte es zumindest) und brachte einiges zu Tage, was nicht gerade sympathisch wirkte. Da wird Druck auf Mitglieder der Community ausgeübt, ein islamozentrisches Weltbild verbreitet etc.
Nur, es sei als Gedankenspiel erlaubt, dieselben Fragen bezüglich der Katholischen Kirche zu stellen oder über die Rotarier oder die Parallelgesellschaft des österreichischen Adels. Geheimgesellschaften wie Opus Dei oder die Legio Maria spielen in der Katholischen Kirche seit vielen Jahren eine herausragende Rolle, moralischer Druck auf Kirchenmitglieder gibt es allenthalben und immer noch verzweifeln Menschen an der Unvereinbarkeit religiöser Dogmen mit der individuellen Lebensrealität. Von Demokratie in katholischen Institutionen zu sprechen ist, ob des den Papst mit absoluter Macht ausstattenden Unfehlbarkeitsdogmas, überhaupt obsolet.
Das beseitigt allerdings nicht das mulmige Gefühl, das mich nicht nur beim Anhören von Müllers Reportage bezüglich der Ausbreitung islamistischer Organisationen beschleicht. Ich habe kein Problem im Umgang mit gläubigen Menschen, ich wurde katholisch erzogen und kenne religiöse Denksysteme und finde es spannend, sich auf sie intellektuell einzulassen – gerade wegen ihrer Geschlossenheit. Auch ist die in Europa um sich greifende Islamophobie eine weitaus größere Gefahr als islamistische Gruppen. Aber in den letzten Jahren hat eine verhängnisvolle Entwicklung stattgefunden. Dadurch dass die Mehrheitsgesellschaft alle Menschen aus muslimischen Ländern in erster Linie über ihre Religion definiert, werden als legitime RepräsentantInnen dieser Minderheiten VertreterInnen islamischer Gruppierungen akzeptiert. Vor allem die SPÖ ist in ihrem Bestreben nach Stimmenmaximierung nicht sehr wählerisch mit wem sie zusammenarbeitet. Was Not tut ist daher eine breitere Diskussion über politische Repräsentanz von Minderheiten in der österreichischen Gesellschaft. Dann können VertreterInnen eines politischen Islam ihre Stimme in den vielstimmigen Chor einer pluralistischen Gesellschaft einbringen, ohne ständig als undemokratisch und als TerroristenunterstützerInnen diffamiert zu werden.

