SCHAU MICH AN, DAMIT ICH EXISTIERE!
NACH DER INTERNET-REVOLUTION UND DEM HANDYBOOM RUFT DIE BRANCHE MIT DER ZUKUNFT, DIE ANGEBLICH IM WEB 2.0 LIEGT, EINEN NEUEN HYPE AUS. MEIST DOMINIEREN IM DISKURS FRAGEN DER TECHNIK, EVENTUELL NOCH DER SICHERHEIT. WELCHE SOZIALEN PRAXEN MIT DER NUTZUNG ALL DIESER NICHT MEHR GANZ SO NEUEN MEDIEN VERBUNDEN SIND, BLEIBT OFT UNBEACHTET.
Nahezu alles aus dem Bereich der Informations- und Kommunikationstechnik (IKT) scheint die Möglichkeit in sich zu tragen, als Beginn einer neuen Ära verkauft zu werden. Davon profitiert zunächst einmal die Wirtschaft. In Wissenschaft und Journalismus kann das Neue daraufhin bejubelt, etikettiert oder als drohendes Unheil dargestellt werden. Mit einiger Verspätung lässt sich solch einThema dann jeweils auch politisch nutzen. Neu ist dabei zunächst – abgesehen von technischen Programmierungen – meist gar nicht so viel. Selbst wenn sich die BenutzerInnen die betreffenden Medien im Laufe der Zeit zu eigen machen und dadurch verändern, läutet das nicht jedes Mal ein neues Zeitalter ein, sondern bedeutet eine konsequente, meist auch logische Weiterentwicklung. Die wird häufig verknüpft mit der Hoffnung, eine „andere Welt“ zu kreieren, die letztlich den Menschen an sich verändern soll.Wir sind also noch immer dabei, Science Fiction zu träumen, mit moralischen Einsprengseln wie eh und je. Aufrufe zur Zensur gehören daher ebenso zum Alltag wie die Versuche, neueren Kommunikationsmedien das Mäntelchen des Kriminellen umzuhängen.
Überwachung mit System
Selbstverständlich nutzen „gewöhnliche“ sowie organisierte Kriminelle und TerroristInnen Medien wie Mobiltelefon und Internet, doch von Zensur und Überwachung betroffen und eingeschränkt sind meist die NormaluserInnen, wie nahezu jede halbwegs unabhängige Studie belegt. Wirtschaft und Staat arbeiten hier eng zusammen. Unternehmen sammeln Daten um sie für Geschäfte zu nutzen. Der Staat sichert sich durch Gesetze Zugriffsrechte – und nutzt diese je nach Interesse. Zufällig in einem bestimmten Umfeld gewesen zu sein, digitale Spuren zu einem zunächst unverfänglich wirkenden Stichwort hinterlassen zu haben, kann schon genügen, um in die Fänge der Datenfahnder zu geraten. Fest steht, dass jedes System der Überwachung Fehler macht – stets trifft es auch und vor allem Unschuldige. Das anzuprangern wird meist als Angstmache abgetan, die Sensibilität dafür als Verschwörungstheorie bezeichnet. Sich allerdings der Möglichkeit von Überwachung durch neue Kommunikationsmedien wirklich bewusst zu sein, bedeutet in der Folge das Setzen von Abwehrmaßnahmen. Sich zu sagen, dass es ohnehin egal sei, weil man nichts zuverbergen habe, funktioniert dann nicht mehr. Man beginnt manche Dinge einfach nicht mehr zu tun: z.B. gewöhnt man sich an, auf manche Informationen im Web lieber zuverzichten, als dafür die eigenen Kreditkarten- oder andere Daten preiszugeben. Man verzichtet weiters darauf, manches laut zu sagen oder zu schreiben. Das schränkt ein, auch demokratiepolitisch gesehen: Dadurch wird Freiheit genommen und Vielfalt in der Meinungsäußerung verhindert. Demokratie braucht aber gerade im Zeitalter der Informationstechnologien ganz dringend Meinungsfreiheit und QuerdenkerInnen, da die massenhafte Verbreitung von Nachrichten letztlich zur Gleichschaltung derselben führt. Dieser Vorgang ist geradezu absurd, doch zeigt sich immer häufiger, dass es ein und dieselben Informationen sind, die um die Welt gehen. Die Unterbrechung dieser Tendenz durch das Aufflammen einer Neuigkeit aus Weblogs heraus ist zwar spannend, macht aber noch immer den geringsten Teil des Nachrichtenwesens aus – nicht zuletzt deswegen, weil es für die UserInnen gar nicht so einfach ist, die spannendsten und dabei auch glaubwürdigen Blogs zu finden oder für sich selbst zu definieren, was man suchen möchte.
Alle online
So begnügen sich viele Studien mit Meldungen über Statistiken zur Nutzung der IKTs: Laut Daten der StatistikAustria vom Oktober 2006 etwa nutzen 61% der 16- bis 74-Jährigen das Internet regelmäßig. Davon nutzen es 64%(fast) täglich. 34% hingegen haben das Internet noch nie verwendet. Und 84% der 65- bis 74-Jährigen nutzen das Internet nicht, während – wie erwartet – 16- bis 25-Jährige die intensivsten NutzerInnen sind. (www.statistik.at/fachbereich_forschung/ikt_txt.shtml) Die Zahlen der meisten Studien zur Internetnutzung variieren leicht, mehr allerdings unterscheiden sich die Ausgangsfragen, weshalb sich Vergleiche als schwierig darstellen. Zudem dienen die meisten Statistiken dazu, Jubelmeldungen über die immer noch stärker gewachsene Community zu verbreiten. Durch Weiterentwicklungen wird nie die 100%-Marke erreicht werden, sodass es stets Raum für diesbezügliche Euphorie geben wird. Hinweise auf den nach wie vor bestehenden DigitalDivide, die Kluft zwischen UserInnengruppen und jenen, die keinen Internetzugang haben, gehen unter. Zugang für alle wäre nach wie vor ein wesentliches Ziel, würde politisch und rechtlich eine Verbesserung bedeuten, doch sollte man nicht so naiv sein zu glauben, dass der Zugang allein alles verbessert. Nutzung mit Reflexion zu verknüpfen wäre notwendig. Nicht mehr alles zu glauben, was man liest – ein in Österreich wiederum statistisch gesehen recht ausgeprägtes Phänomen– oder mit Informationen vorsichtig umzugehen, müsste gelehrt werden.
Kritische Nutzung
So lästig Textinterpretationen in der Schule gewesen sein mögen, die Auseinandersetzung mit dem, was man liest, die Hinterfragung der Information ebenso wie des Stils und der dahinter liegenden Absichten fehlen bei der Nutzung des Internets sehr oft. Daraus resultiert das Wiederkäuen falscher Informationen. Erinnerungen an das Kinderspiel „Stille Post“ tauchen auf, hindern aber nicht daran, das im Netz Gelesene kurzfristig zu glauben und unhinterfragt und mit eigenen Worten gleich selbst zu verbreiten. Quellenangaben? Ach, nein!
Alle sind kreativ, alle sind Teil der Informationsgesellschaft? Alle haben etwas beizutragen und tun das auch gleich. Davon profitieren die markantesten Vertreter des Web 2.0: Flickr – ich habe ein neues Foto, schau es dir an! YouTube – hier ist mein neuester Film. Falls du ihn für banal genug hältst, empfehle ihn doch bitte weiter. Oder: Hast du bereits die neueste Peinlichkeit von XY gesehen? Ich habe sie aufgenommen, als sie ... – und schon holen sich Online-Zeitungen das Material und fügen dem Ganzen ein wenig Anschein von Seriosität hinzu. Mag zwar die Glaubwürdigkeit dadurch nicht steigen, die Nachricht ist reingewaschen und bereit, von Information zu Wissen zu werden. Wissen, so wurde schon in den 1990er-Jahren festgestellt, verändert sich zunehmend. Dabei bleibt die Vorstellung, durch das Medium Internet jederzeit Zugriff auf alles Wissen zu haben – auch in Zeiten der online-Plattformen ein Trugschluss. Suchmaschinen prägen heute das, was als Wissen gilt. Was in einer Suchmaschine nicht gefunden wird, existiert quasi nicht. Wer nicht zu finden ist, gilt als wenig vertrauenswürdig – das gilt inzwischen auch für Jobbewerbungen. Die IKTs sind nicht bloß Werkzeug, die dahinter steckenden Medien entscheiden über den Schein von Existenz. Nicht nur, dass man sie selbst nutzen muss, man sollte auch darin vorkommen.
Wir sind im Netz
Das ist es letztlich, was das Web 2.0 ausmacht: Plattformen nicht nur zu besuchen sondern mitzugestalten und auf diese Weise auffindbar zu sein, gleichgültig ob mit privaten Details oder als Gestalter von Wissen, wie bei Wiki-Tools. Und plötzlich gibt es doch ein „wir“, heute heißt es nur anders: social software – all das, was im Internet dazu verhilft sich auszutauschen, sich zu vernetzen, sich den anderen näher zu bringen, Weblogs, Foren, MySpace, letztlich auch MMS und SMS. Wir, das sind die, die als Teil der Community auftreten. Was die Community bedeutet oder will, ist von Minute zu Minute etwas anderes. Die SchöpferInnen von Trends sichern sich Warhols viel zitierten 15 Minuten Berühmtheit. Wie aber verändert sich eine Gesellschaft, in der jede/rständig beobachtet wird? Und das nur allzu gerne freiwillig, wie Millionen von Beiträgen auf Plattformen zeigen. Das Lamentieren darüber, dass das Mittelmaß dadurch zum Standard wird, ist lediglich eine elitäre Diskussion, die die Diskutierenden über die Diskutierten stellen soll. Jene, die die Medien nutzen und sich darüber lustig machen, haben die Chance sich als besser oder klüger einzustufen. Auch das ist ein Effekt der Medien.
Eitelkeit und Exhibitionismus
Wesentlich interessanter ist allerdings der Aspekt der ständigen Beobachtung. Woher das Bedürfnis, sich preiszugeben? Reicht es nicht, dass wir ohnehin ständig und überall im Namen der Sicherheit überwacht werden? Kaum ein Gebäude ohne Videokameras, jedes E-Mail gespeichert, jedes Mobiltelefon zu orten. Gläsern ist nicht nur der Mensch sondern jede seiner Handlungen. Reicht das nicht? Vielleicht ist es sogar umgekehrt: Die ständige Beobachtung kann nur so ad absurdum geführt werden. Spiele wie Second Life, die derzeit überall zitiert werden, gehören durchaus zu dieser neuen Form des Exhibitionismus. Und sind gepaart mit Eitelkeit. Letztere zeigt sich auchin Netzwerken wie Wikipedia. Gemeinsam an Texten zu schreiben heißt gerade dort auch gegeneinander zu schreiben. So korrigiert man sich gegenseitig und teilt dadurch mit, dass man dabei ist. Vielleicht geht es um das Recht behalten. Immer aber steckt dahinter auch ein Mitteilungsbedürfnis –und das ist letztlich der Beginn von Kommunikation. Also kann Zynismus über die Qualität solcher Online-Foren getrost unterbleiben. Es lebe der Pluralismus!
Eine weitere aktuelle Jubelmeldung belebt den Pluralismus auf ganz andere Art: Im Jahr 2007 dürften eine Milliarde Mobiltelefone verkauft werden; und das, obwohl es in Europa, den USA und Teilen Asiens (wie Japan) bereits gleich viele Handys wie Menschen gibt. Ärmere Schichten in Ländern des Südens ziehen nach. Der Grund ist einfach und verrät viel über Kommunikation heute: Die Investition in ein Mobiltelefon rentiert sich meist, weil man es sich nicht mehr leisten kann, fernab vom raschen Informationsfluss zu leben. So gelingt es mit Hilfe eines Handys manchmal, Zwischenhändler auszustechen und dadurch bessere Preise für eigene Produkte zu erreichen. So führt die Technik, wenn richtig genutzt, vielleicht doch zur Selbstermächtigung. Moral wäre bei all diesen Medien ohnehin schlichtweg der falsche Maßstab.
