VORSICHT HANDY!
STATISTISCH GESEHEN GIBT ES IN ÖSTERREICH MEHR HANDYS ALS EINWOHNERINNEN. DABEI GEHTES LÄNGST NICHT MEHR NUR UMS TELEFONIEREN. ZAHLREICHE ZUSATZFUNKTIONEN MACHEN DIE GERÄTE ZU MOBILEN MULTIMEDIA-COMPUTERN. ÜBER SOZIALE GEFAHREN UND SICHERHEITSPROBLEME WIRD DABEI WENIG NACHGEDACHT.
Kamera im Handy ist längst Standard. Ein Klick und man kann die Fotos im Internet veröffentlichen. Die Bilder, die Menschen in kompromittierenden Situationen zeigen, können überraschende Folgen zeigen: Erst kürzlich verweigerte eine amerikanische Hochschule einer Lehramtsanwärterin die Abschlussprüfung. Ein Partyfoto auf der Kontaktplattform MySpace.com zeigte sie als „betrunkener Pirat“. Obwohl die Studentin das Bild sofort gelöscht hatte, tauchte es über die Archivfunktion der Suchmaschinen wieder im Internet auf. Immer wieder werden aber auch Fälle bekannt, in denen Jugendliche andere Jugendliche drangsalieren und quälen, um das Opfer anschließend über selbstgedrehte Handyvideos bloß zu stellen. Exzessive Gewaltvideos und -bilder werden aus dem Internet auf die Handys geladen, um sie auf dem Schulhof gegen anderes Material zu tauschen. In einzelnen Schulen führte das bereits zum Handyverbot.
Verräterische Daten
Aber digitale Fotos können auch auf andere Weise kompromittieren: Eine Fotografin der „Washington Post“ fotografierte einen Hacker, der im Interview zu gab, jeden Monat mehrere tausend Dollar mit der Verbreitung von Spionagesoftware zu verdienen. Zum Gespräch hatte er sich nur unter der Vorgabe bereit erklärt, dass sein Name und sein Wohnort ungenannt bleiben würden. Den Fotodaten konnte aber entnommen werden, dass es in einem Städtchen in Oklahoma aufgenommen worden war. So genannte BürgerjournalistInnen gehen mit ihren Kamerahandys auf Jagd und lichten Prominente in Alltagssituationen ab – in Deutschland führte das bereits zu Unterlassungsklagen der Betroffenen, die sich einen Rest an Privatsphäre bewahren wollen. Derzeit versucht die Forschungsabteilung des Suchdienstes Yahoo!, der den Fototauschdienst Flickr erwarb, die Möglichkeiten von Kamerahandys mit ortsbezogenen Bilderdiensten zusammenzuführen. Dabei ist die Frage der Privatsphäre eine der wichtigsten Fragen der Softwareentwickler: „Wo werden die Anwender die Grenzlinie für die Veröffentlichung ihrer ortsbezogenen Bilddaten ziehen? Wird das die Tageszeit sein oder der Ort? Werden sie falsche Ortsangaben machen?“ Wenn manche Bilder etwa während der Arbeitszeit aufgenommen wurden, könnten Angestellte Ärger mit dem Chef fürchten.
Automatisierte Kontaktsuche
Doch nicht nur die Fotos und der Umstand ihrer Entstehung können zuviel verraten. Das Handy selbst ist zu einem Ortungsinstrument geworden. Navigationsdienste zeigen die richtige Richtung, Ortungsdienste wie der Online-Dienst „World Tracker“ verraten, wo sich jemand befindet. Dafür muss man der Zielperson nur eine SMS schicken. Neuere Dienste wie etwa der britische Dienst Mamjam zeigen Gleichgesinnte: Wenn NutzerInnen ihren Standort eingeben, kreiert der Dienst Verbindungen zu anderen, die sich in derselben Gegend aufhalten. Die Software Peepsnation sucht sogar NutzerInnen mit ähnlichen Interessen aus, die sich an einem bestimmten Ort aufhalten. Aber auch SpieleentwicklerInnen setzen auf ortsbezogene Dienste: Die schwedische Firma „It’s Alive“ feierte unter anderem in Moskau einen großen Erfolg mit dem mobilen, ortsgebundenen Action-Rollenspiel Botfighters, das sich mit GSM-Handys durchführen lässt. Jede/r SpielerIn stellt einen Roboter dar, der andere Roboter ausschalten muss. Über die Funkzellen-ID der Handys wird festgestellt, ob sich die SpielerInnen überhaupt in 200 Meter Schussweite aufhalten. Auf der Botfighters-Website können die SpielerInnen ihre Roboter upgraden, Waffen kaufen, Spielstände ansehen und Informationen über ihre gegenwärtige Mission abrufen. In einer neueren Version zeigte eine Landkarte auf der Website des Netzbetreibers an, wo sich die SpielerInnen befanden. Dies führte bereits zu ernsten Konsequenzen: Ein Spieler verbrachte seinen Urlaub in Schweden. Er lokalisierte die örtlichen Spieler, um gleich fünf auf einmal zu töten. Die Opfer schlossen sich zusammen und schlugen ihn in einem Revancheakt zusammen – nicht virtuell, sondern im buchstäblichen Sinne körperlich. Inzwischen wird das Spiel nicht mehr angeboten – was jedoch andere Gründe haben soll.
Viren via SMS
Die Ortung wird schon bald über so genannte interaktive Telefonbücher zum Standarddienst eines Handys gehören. Das Telefonbuch speichert neben den Kontaktdaten einschließlich Telefonnummern und E-Mail-Adressen auch die Präsenz- und Standortdaten. Ein personalisierter Standortdienst ermittelt auf Basis des digitalen Telefonbuchs, welche Kontaktpersonen in der Nähe sind. Die neue Technik basiert auf IP-vermittelter Kommunikation. Damit erobern all die interaktiven Errungenschaften des Internets die bislang abgeschottete Welt der Telekommunikation. Je mehr Software in den Geräten steckt, desto anfälliger werden sie aber auch für Viren und Würmer. Smartphones und Blackberrys sind die Opfer. Der erste Schädling wurde Mitte 2004 entdeckt. Seither sind zahlreiche neue Schadprogramme aufgetaucht, die sich über eine SMS oder über die Datenübertragungsschnittstelle Bluetooth verbreiten können. Vier Prozent aller SMS sollen bereits virenverseucht sein.
Virenanalyst Magnus Kalkuhl berichtet: „Im Juni 2005 waren 40 Neuentwicklungen bekannt, im Juni 2006 insgesamt 162, im Januar 2007 waren es 200 Schadprogramme. “Einmal über den Bahnhofsvorplatz schlendern oder in der Wartehalle eines Flughafens die Zeit totschlagen, schon kann es passieren: Das schicke Handy zeigt statt der Adressliste nur noch Totenköpfe. Ein Virus hat sich über die Grafik hergemacht – es hätte aber auch schlimmer kommen können: Handyviren infizieren Dateien und erlauben den unbefugten Zugriff auf Smartphones. Sie rufen kostenpflichtige Telefonnummern an. Sie installieren neue Programme oder tauschen alte Programme aus. Sie sperren sogar Speicherkarten und stehlen Informationen. Sie setzen Handys mitunter sogar ganz außer Gefecht. Die Entwicklung in Skandinavien und Russland, wo der Mobilfunk bereits wesentlich weiter entwickelt ist, sollte alarmieren. Kalkuhl, der für den russischen Anti-Virenhersteller Kaspersky Lab arbeitet, weiß: „Am ehesten gefährdet sind Geschäftsreisende, die auf Reisen Opfer werden können und zurück zu Hause die Handys ihrer Kollegen infizieren können. “Sicherheitsexperten raten daher dazu, die Bluetooth-Funktion zu deaktivieren, wenn sie nicht benötigt wird.
Christiane Schulzki-Haddouti ist freie Journalistin und Buchautorinmit dem Schwerpunkt Informationstechnologien.
