WIEDERSEHEN IM FEGEFEUER
In Konstanz, am Ufer des Bodensees stehend, schaue ich hinüber auf das Land meiner Träume und Alpträume. Und wie immer bei Träumen, den guten wie schlechten, stellt sich die Frage, was sie bedeuten, inwieweit sie das Leben in verzerrter (oder vielmehr glasklarer) Weise kommentieren, oder ob sie, wie manche Schlafforscher meinen, bloß eine Art von „Müll“ darstellen, welcher nächtens entsorgt wird. Österreich nun als Müll zu bezeichnen, käme mir nicht in den Sinn, denn auch das Alptraumhafte dieses Landes besitzt eine sakrale Schönheit, eine gemäldeartige Verbindung von illusionistischer Tiefe und faktischer Zweidimensionalität. Österreich ist Trompe-l’OEil, ein großflächiges Tableau, auf dem in pathetischer Weise mal die Himmelfahrt, dann wieder der Höllensturz gezeigt wird, aber stets der Eindruck des Inszenierten erhalten bleibt, als sei beides, Himmel und Hölle, bloß eine Bühne, ein Hintergrund, vor welchem die Figuren um ausdrucksstarke Verrenkungen, eine sprechende Mimik, eine den Faltenwurf der Kleidung begünstigende Körperhaltung und eine auratische Wirkung ihrer selbst, eine erzengelhafte Präsenz bemüht sind. In einer Gemäldegalerie (und was wäre Österreich anderes als eine solche aus neun Sälen sowie einigen zusätzlichen, aber versperrten Räumen zusammengesetzte Galerie?) stehen Himmel und Hölle nicht übereinander, sondern nebeneinander. Ihre Positionen sind gleichwertig, da ihr jeweiliger Status kein moralischer, sondern ein kunsthistorischer ist. Die Bedeutung und der Wert eines Gemäldes (und eben auch eines Traums) ergeben sich ja nicht aus der Anständigkeit oder Verworfenheit der dargestellten Figuren, so wenig ein Kriminalroman darum schlecht zu nennen wäre, weil in ihm schlechte Menschen agieren.
Dieses „kunsthistorische“ Verständnis ist es, das so vieles, was in Österreich geschieht, aus den üblichen Kriterien der Beurteilung heraushebt. Österreich ist ein Gemälde, ein Theaterstück, ein Traum, sodass immer nur gefragt wird, ob es gut gemalt oder gut gespielt wurde oder ob der Traum aus traumanalytischer Sicht zu interessanten Erkenntnissen führt. Nicht zuletzt die österreichische Selbstkritik, das Sichreiben an den Kaskaden dieser aus acht Millionen Erzengel und einiger Obererzengel bestehenden Gesellschaft, bestätigt die theatralische, zur Übertreibung, zur Hybris und zur Süßigkeit neigende Struktur. Ja, die Verteidigung des Nestes nicht weniger als die Beschmutzung desselben bewegen sich im gleichen Rahmen, der naturgemäß von barocker Üppigkeit bestimmt ist und dem Bild erst sein „Gewicht“ und seine „Gewichtigkeit“ verleiht.
Bei alldem drängt sich natürlich die Frage nach der Wirklichkeit auf, zumindest dann, wenn man Österreich von außen betrachtet. Die, die sich im Inneren aufhalten, empfinden die eigene Existenz selbstredend als eine reale. So wie ein Träumender ja auch nicht auf die Idee kommt, sich in einem Traum zu wähnen. Doch vom Konstanzer Ufer aus möchte man fragen: Das Land dort, ist das wirklich echt? Oder ist Österreich nicht ähnlich jener Theorie zu begreifen, nach welcher das Mittelalter nie existiert hat und die meisten „Erinnerungsstücke“ aus dieser Zeit Fälschungen darstellen zu dem Zweck, eine historische Lücke zu schließen? Ist also auch Österreich eine solche Erfindung? Einmal geografisch, um schlichtweg die im Zuge all der Konflikte und Kriege und Umschichtungen in der Mitte Europas entstandene Leere zu füllen, und zum anderen, um im Herzen dieses Kontinents über eine Art Spielstätte zu verfügen. Eben ein Land unserer Träume und Alpträume, in welchem alles und jedes, was wir kennen, eine veränderte, scheinbar fantastische Form annimmt und eine wunderlandartige Übersteigerung der Dinge sich vollzieht. Selbst dort noch, wo die reine Natur ist. Auch die Natur verösterreichert.
Was aber, wenn ein Österreicher stirbt? Verblasst dann ein kleiner oder größerer Teil des Gemäldes? Verpufft ein Partikel des Traums? Können Österreicher überhaupt richtig sterben, wenn es sie doch gar nicht wirklich gibt? Zu dieser Unklarheit passt ganz gut die ausgesprochen kakanische Vorstellung, dass sich sämtliche ÖsterreicherInnen in einem kaffeehausartigen Fegefeuer wiederfinden, an einem Ort, der auch nicht sehr viel wärmer ist als die chronisch überheizten Wiener Kaffeehäuser mit ihrer fiebrigen Atmosphäre eines puren Intellektualismus (der quasi ohne Intellekt auskommt, wie auch Plankton nicht schwimmen können muss, um im Meer zu treiben).
Und so kann man sich vielleicht ausmalen, wie Thomas Bernhard an einem solchen Tisch sitzt und den auf eine tote Weise lebendigen Jörg Haider empfängt, der eine wie der andere nur mittels des Österreichischen überhaupt denkbar, der religiöse Mensch würde sagen, formbar. (Es ist mehr als eine ungewollte Ironie, wenn ein Weggefährte Haiders bei dessen Tod davon sprach, einen „Lebensmenschen“ verloren zu haben. Ein Terminus, der vom Misanthropen Bernhard stammt und seine verzweifelte Liebe zu den anderen bekundet.)
Natürlich, Rechtspopulisten bringt die Welt an allen Enden und Ecken hervor, aber wie blass und laienhaft muten sie neben der Haiderschen Erscheinung an, einem Mann, der nicht nur ein Magier war, der ein Kunststück vollbringt, sondern auch das Kunststück selbst verkörperte: das aus dem Zylinder springende Kaninchen, die auseinandergesägte Frau, den weißen Tiger, die im Raum schwebende Spielkarte. Haider hat sich selbst verzaubert und damit auch sein Publikum. Wie bei den meisten genialen Illusionisten balancierte er entlang einer Grenze zwischen bloßer Täuschung und echter Magie (dass selbige schwarz war – oder eben braun, wenn man so will – versteht sich von selbst, denn weiße Magie in der Politik ist ein Ding der Unmöglichkeit, sie ist ein Privileg der PrivatistInnen, der Kräuterweiblein und HobbyschamanInnen).
Haiders virtuoses Spiel mit dem Nazismus, der Veteranenverehrung sowie einer aus dem Antisemitismus kükenhaft geschlüpften Ausländerfeindlichkeit besaß stets die augenzwinkernde Note des Illusionisten, der weiß, was er tut. Und zwar als Einziger. Etwas, das man von seinen Gegnern nicht immer behaupten konnte, die sich oft darauf zurückzogen, die Bösartigkeit des Verführers herauszustellen und als Beweis – ausgerechnet! – die eigene Gutartigkeit zu behaupten. Etwas, was der Nichtpolitiker Bernhard freilich nie tat. Und genau so sind Bernhards Rundumschläge zu verstehen, als Verifizierung des Dämonischen in jeder Etage, jedem Bezirk der österreichischen Mentalität. Haiders perfekter Hintergrund für seine Illusionistentricks war eine Sozialdemokratie, die, in der Manier einer Verbindung aus Aristokratie und Kirche, das Volk zur Demut aufrief, sich selbst aber die höheren Weihen zugestand. Man könnte dies die Androschisierung Österreichs nennen. Der wahrscheinlich wahrhaftigste Ausspruch eines Sozialdemokraten war jener, dass die Leute gefälligst ihren Mund halten sollen. Besser auf den Punkt ist es nie wieder gebracht worden. In Bezug auf Haider soll hier – nur weil er möglicherweise jetzt mit Thomas Bernhard an einem himmlischhöllischen Kaffeehaustisch sitzt – keinesfalls die Zündelei eines Zündlers klein- oder schöngeredet werden, aber man muss seine obskure Heiligsprechung unter den Vorzeichen jenes Vakuums sehen, das er mit seiner Zauberei aufzufüllen verstand.
Denn was auch immer er in diesem Land verschuldet hat, das Vakuum war es nicht. Am Ufer des Bodensees stehend, vernehme ich ein Rauschen, das wie ein zu unendlicher Dichte zusammengepresstes Neujahrskonzert klingt, während der Geruch in meiner Nase an eine lebendig gewordene Mannerschnitte erinnert. Darum sind vielleicht die Mannerschnitten im Ausland so beliebt, weil sie den einzig handfesten Beweis für die Existenz eines Landes namens Österreich verkörpern.
Während ich so vor mich hin spintisiere, stoße ich unabsichtlich an einen Spaziergeher. Er fragt mich erbost: „Träumen Sie?“
Ja, genau das ist die Frage.
Heinrich Steinfest, geboren in Australien, aufgewachsen in Wien, lebt als Autor und Maler in Stuttgart. Seine Kriminalromane wurden mehrfach mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet.
