DAS ROLE MODEL
planet: Du bist seit 28. Oktober Nationalratsabgeordnete – wir gratulieren! Was willst Du erreichen, wie sieht Deine Prioritätenliste aus? Dein erster Initiativantrag war zum Thema binationale Ehen ...
Alev Korun: ... und zum Bleiberecht. Das ist uns die kommende Regierung auch schuldig, weil der Verfassungsgerichtshof gesagt hat: Bleiberecht darf kein willkürlicher Akt sein, sondern ein rechtsstaatliches Verfahren muss her. In Vorbereitung ist auch ein Antrag zur Novellierung des Staatsbürgerschaftsrechts. Die nächsten Projekte werden sich auf die Situation von Frauen beziehen. Derzeit sind eingewanderte Frauen sehr oft von ihren Ehepartnern rechtlich und faktisch total abhängig, was alles andere als ein emanzipatorischer Moment ist. Und wenn der Staat die ganze Zeit verkündet, hier, in der österreichischen Gesellschaft gelte Frauenemanzipation, dann hat das auch für eingewanderte Frauen zu gelten.
Eine zweite sehr wichtige Gruppe ist die „zweite“, „dritte“ Generation und deren Bildungschancen.Was heute nicht in Bildungspolitik investiert wird, kehrt zehn, 20 Jahre später als Sozialausgabe in doppelter, dreifacher Höhe wieder zurück.
Hast Du ein Lieblingsthema?
Wenn es gelingt, in den kommenden fünf Jahren im öffentlichen Bewusstsein stark zu verankern, dass von gelungener gesellschaftlicher Integration alle etwas haben und dass es dazu konkrete Programme braucht – dann sind wir schon ein schönes Stück weiter. Derzeit ist es ja eher so, dass es im Diskurs um Migration sehr viel um Sicherheit geht.
Um aus diesem Sicherheitsdiskurs herauszukommen, wurde immer wieder ein Integrationsstaatssekretariat gefordert. Wie siehst Du das?
Eigentlich wäre fast alles besser, als die Migrationsagenden im Innenministerium zu belassen. Nur das Verteidigungsministerium wäre schlimmer. Es gibt unterschiedliche Modelle, in vielen Ländern sind die Integrationsagenden im Sozialressort angesiedelt, oder im Justizministerium. Aber in Österreich gibt es sogar Integrationsforschung im Bereich der Sicherheitsakademie des Innenministeriums. Die Forschungen, die da gemacht werden, werden offenbar bewusst nicht an externe – und unabhängige – MigrationsexpertInnen vergeben, sondern man baut sich dazu einen eigenen Bereich in der Sicherheitsakademie auf.
Was wäre aus grüner Sicht noch möglich, um etwas gegen diese Angst zu tun, die so oft mit dem Thema Einwanderung einhergeht?
Man muss diese Angst ganz bewusst ansprechen, aber auch dazu stehen, dass Österreich ein Einwanderungsland war und ist. Wenn man sich die Zahlen anschaut: Seit 1950 sind über eine halbe Million Menschen eingebürgert worden. Und Österreich hat z.B. einen größeren Anteil von im Ausland geborenen Menschen an der Bevölkerung als die USA, die ja immer als klassisches Einwanderungsland gehandelt werden. Realistische Integrationspolitik bedeutet auch, der Bevölkerung zu sagen, dass Migration stattfindet und auch restriktive Gesetze sie faktisch kaum verhindern. Wir täten uns alle leichter, wenn wir anerkennen, dass Migration Faktum ist. Und uns dann überlegen, wie können wir das so gestalten, dass alle etwas davon haben.
Wie kann man der Bevölkerung punkto Migrationspolitik reinen Wein einschenken, etwa mit dem Satz „Österreich ist ein Einwanderungsland“, ohne die Leute total vor den Kopf zu stoßen?
Indem man die vielen positiven Beispiele, die das Einwanderungsland Österreich mit sich bringt, ins Bewusstsein ruft. Also z.B. eine Mirna Jukic, einen Ümit Korkmaz, einen Boris Nemsic. Das sind Leute, mit denen sich die Mehrheitsbevölkerung identifiziert, weil sie erfolgreich sind. Die Politik muss es möglich machen, dass es mehr Mirna Jukics gibt. Man muss aber auch der Mehrheitsbevölkerung sagen: Vielleicht ist deine Nachbarin eine potenzielle Mirna Jukic.
In der grünen Integrationsstrategie wird betont, dass Integration dann funktioniert, wenn eine positive Grundhaltung zur Integration besteht. Gibt es Programme, die diese positive Grundhaltung fördern?
Anerkennung von mitgebrachten Qualifikationen ist ein ganz wichtiger Bereich. Österreich hat sich bisher zu oft den „Luxus“ geleistet, mitgebrachte Qualifikationen von EinwanderInnen in den Mistkübel zu schmeißen. Einerseits braucht man Ermöglichung von gleichen Startchancen und andererseits braucht es Ermutigung durch Vorbilder. Da sehe ich auch eine wichtige Funktion von mir. Mein Ziel ist, dass junge Migrantinnen und Jugendliche aus der „2. und 3. Generation“ sagen: „Hej, wenn die das geschafft hat, kann ich das auch!“
Das ist auch ein wichtiges Signal für die sogenannte Mehrheitsbevölkerung. Je mehr EinwanderInnen an sichtbaren Stellen Verantwortung übernehmen und Abgeordnete, RichterInnen, NachrichtenansagerInnen sind, desto mehr wird das zur Normalität, dass das nicht Fremde sind, wie das Gesetz sie nennt – Fremdengesetz – sondern man denkt dann: „Aha, das sind Leute, die haben auch was drauf.“
Wie ist es, mit der symbolischen Aufladung als erste Migrantin diesen Job anzutreten?
Zwischen: „Es wird ein Zeichen gesetzt.“ auf der einen Seite und dem Vorwurf der Quotenmigrantin auf der anderen schwanken da ja die Kommentare. Diese Vorwürfe von wegen Quotenfrau oder Quotenmigrantin wird es immer geben von Leuten, die Frauen und/oder MigrantInnen verhindern wollen. Tatsache ist – und das sagen alle MigrantInnen, die ich kenne – um als Migrantin oder Migrant Erfolg zu haben, muss man faktisch immer noch viel mehr leisten als ein Nicht-Migrant. Aber das wird immer mehr verblassen, je mehr Role Models es gibt. Zu der Frage des Signals: Es ist natürlich eine große Verantwortung, als erste Migrantin im österreichischen Nationalrat zu sitzen. Da wird auch alles genauer beobachtet, was man sagt und tut. Es gab viele, die gesagt haben: „Du bist unsere Hoffnung.“ „Du musst jetzt alles richtig machen.“ Und deshalb ist es auch eine große Herausforderung und ich freu‘ mich ehrlich gesagt sehr auf diese Aufgabe, die nicht immer einfach sein wird, die aber, weil sie symbolisch so wichtig ist, zu vielen Debatten beitragen kann.

