GRÜN HINTER DEN OHREN?

Jeremias Riedl ist 17, lebt in einem kleinen Ort im nördlichen Weinviertel und besucht ein Realgymnasium in Mistelbach. In seiner Klasse war er mit seiner Grünstimme allein auf weiter Flur. Der Rest der Klasse entschied sich überwiegend für die FPÖ. „Die meinen halt, die Ausländer stehen den ganzen Tag vor den Moscheen herum. Und einigen ist es schon passiert, dass sie von Türken umstellt worden sind und ihnen das Handy weggenommen wurde und solche Sachen.“

Nicht viel anders als im Weinviertel, das übrigens genau zwei Moscheen zählt, sahen die Vorwahldiskussionen in Klosterneuburg aus. „Die Stimmung war ziemlich gespalten zwischen FPÖ und Grünen“ erzählt Fabian Koiner, der soeben 16 wurde und in Wien ins Gymnasium geht. Und auch hier gaben schlechte Erfahrungen mit gewalttätigen jugendlichen MigrantInnen den Ausschlag für die FPÖ-Stimmen.

Die Gruppenrivalitäten, die es unter Jugendlichen immer gegeben hat, haben ein ethnisches Gesicht bekommen – und politische Wirkung. „Mir tut das leid für die AusländerInnen, die nicht so sind“, sagt Fabian. Er kann verstehen, dass Freunde, die von türkischen Jugendlichen niedergeprügelt wurden, am liebsten „alle heimfahren“ lassen wollen. Doch Lösung ist das für ihn keine.

Seine politischen Prioritäten, wie auch die von Jeremias, liegen anderswo. Beiden sind Innovationen in der Bildungspolitik ein Anliegen. Mehr Projektunterricht, freies Arbeiten, strengere Kriterien bei der Auswahl der LehrerInnen wäre Fabian wichtig, und endlich die Gesamtschule zu realisieren.

Darauf drängt auch Jeremias. Was die beiden bei den Grünen überzeugt hat? Leidenschaft kommt bei der Frage zunächst nicht auf. „Sie sind sozusagen das kleinste Übel,“ meint Fabian. „Na ja, sehr viel Auswahl gab es ja nicht,“ befindet Jeremias punkto wählbare Alternativen. Etwas mehr als der Status als kleinstes Übel spricht dann doch für die Grünen. Gut findet Jeremias den Einsatz für Menschenrechte, Umweltschutz und Gleichberechtigung.

Dass die Grünen nun die einzige Partei mit einer Frau als Parteichefin sind, bringt Zusatzpunkte, denn: „Ich finde, Gleichberechtigung ist das Wichtigste in einer Demokratie.“

Fabian wiederum kritisiert die gegenwärtige Politik, Überwachungsbefugnisse mehr und mehr auszuweiten. Die Grünen lassen ihn da noch am ehesten hoffen. Er hätte sie jedenfalls gewählt. Hätte, weil er um entscheidende sechs Wochen zu jung ist. Somit haben die Grünen noch fünf Jahre Zeit, einen potentiellen neuen Wähler nicht nur zu gewinnen, sondern vielleicht sogar zu überzeugen.

 

 

Wen die Jugend wählt(e)

Eine Nachwahlbefragung des Instituts für Jugendkulturforschung unter 300 ErstwählerInnen ergab Folgendes: Die Grünen (25%) und die FPÖ (21,6%) wurden von den ErstwählerInnen der Nationalratswahl 2008 am häufigsten gewählt.

Während sich für die Grünen vor allem SchülerInnen und StudentInnen entschieden, war das für die FPÖ bei Lehrlingen und Berufstätigen der Fall. Handlungsbedarf für die Grünen ergibt sich besonders durch den Umstand, bei Lehrlingen und Berufstätigen gar nicht punkten zu können, während die FPÖ auch in den sog. Bildungsschichten an Zustimmung gewinnt.

Das Institut für Jugendkulturforschung fragte auch nach Koalitionspräferenzen: SchülerInnen/StudentInnen wünschen sich die Grünen (68%) und die SPÖ (55%) in der Regierung, Lehrlinge/Berufstätige FPÖ (55,7%) und SPÖ (43,9%). An einer Koalition zwischen SPÖ und ÖVP gibt es wenig Interesse. Der Politiker mit der höchsten Bekanntheit ist Heinz-Christian Strache (99,7%), gefolgt von Werner Faymann (95,1%) und Josef Pröll (83,8%). Eva Glawischnig ist weit weniger bekannt (68,8%), gilt jedoch als die glaubwürdigste Politikerin.

Der Großteil der jungen WählerInnen würde übrigens heute genau so wählen wie am 28. September.