MEHR GRÜNER MUT
Kommentare zur und Kritik an den Maßnahmen und Mängeln der Regierung genügen schon lange nicht mehr. Sie sind visionsloser Pragmatismus und klingen nach Ratlosigkeit und dem Ringen nach Bemerkbarkeit. Grüne brauchen Utopien: Die Utopie von heute ist die Wirklichkeit von morgen, so wie die Utopien von gestern zu unserer Lebenswirklichkeit geworden sind. Sonst hätten wir nach wie vor Kinderarbeit und Feudalismus pur. Grüne brauchen aber auch Begeisterung für diese Utopien statt Zaghaftigkeit, Anpassungsbereitschaft oder gar Sprachregelungen für Abgeordnete!
Utopien sind nicht Phantastereien, sondern realistische Zukunftsvisionen. Kürzlich lud die KSÖ (Katholische Sozialakademie Österreichs) zu einer bestens vorbereiteten Veranstaltung (nein, zu keinem „event“) ein, um über „Welche Gesellschaft wollen wir?“ in drei Arbeitskreisen zu debattieren. Es wurde engagiert an der Frage gearbeitet, die Ergebnisse hätten, ja hätten Teil eines Grünen Programms sein können, der Beginn einer realistischen Utopie.
Von den Regierenden haben wir ein Wort, eine Idee vermisst, wie Österreich in 20, in 30 Jahren ausschauen soll. Auch von grüner Seite kam nichts dergleichen. Dabei dürsten viele Menschen nach Orientierung und vor allem nach Aktion zur Veränderung. Hier und dort bilden sich Gruppen von Menschen die sich nicht mehr mit einer höchst unbefriedigenden, verunsichernden und perspektivenlosen Situation allein herumschlagen mögen, die nach einem Miteinander suchen. Die allgemeine Unzufriedenheit mit den Parteien schließt leider auch die Grünen mit ein, doch man erwartet glaubwürdige, neue Impulse von ihnen. Viele engagierte und kluge Leute haben sich schon enttäuscht abgewendet, es wäre wichtig, zu versuchen sie zurück zu holen.
Dabei häufen sich die zutiefst grünen und demokratiepolitischen Themen. Wer fragt schon angesichts der sich durch die Erderwärmung heftig beschleunigenden Eisschmelze in Arktis, Antarktis, um Grönland und Kanada, was bei den zu erwartenden Landüberflutungen mit den an Flussmündungen und in Meeresnähe installierten Atomkraftwerken passiert? Man rechnet bei einer weiteren Erwärmung zwischen acht und 14 Grad mit einer Überflutung von 40% der Landfläche. Aber man will weiter bauen. Wen interessiert es in Österreich schon, dass die Erwärmung der tropischen Meere von nur einem Grad mit einer Zunahme tropischer Wirbelstürmen bis um ein Drittel zu rechnen ist. Die Folgen erlebt die Welt seit zwei Jahren mit voller Wucht.
Aber es gibt auch Themen, die uns unmittelbar treffen. 85.000 chemische Substanzen sind im Umlauf, denen wir alle täglich ausgesetzt sind. Von denen die Auswirkungen unbekannt sind, wir wissen von ganz wenigen, ob sie krebserregend und fruchtbarkeitshemmend sind oder sonstige negative Folgen haben. Einige wurden und werden wohl in ihrer Wirkung untersucht, aber doch immer noch als Einzelsubstanzen und nicht auf ihre kumulative Wirkung hin. Substanzen mögen in geringer Dosis harmlos sein, im Mix aber belastend toxisch.
Nachgewiesen wurde allerdings die samenvernichtende Wirkung von Pestiziden und anderen hormonaktiven Substanzen. Die Folgen sind ebenfalls bekannt: ein Rückgang von 50% der männlichen Samen, Hodenkrebs und Missbildungen, die scheinbar schon im Mutterleib entstehen. Das sind keine Schicksale des jeweiligen Betroffenen, sondern sich rapide ausbreitende Vergiftungserscheinungen.
(Dieser Text ist nicht in der planet°-Printausgabe enthalten und würde exkl. für den online-planet° verfasst.)
