CINEMASCHINE

Foto: Sony Pictures Digital Inc.

Mit seinem vorigen Abenteuer wurde er zu dem, was er fürderhin ist: zum verbitterten Rächer. Als er ganz am Ende von Casino Royale sagte, wer er ist, mit den Worten, mit denen er es immer sagt, da klang es wie ein erstes Mal, wie ein Akt der Menschwerdung: „Bond. James Bond.“ Nun tritt der Rächer in Ein Quantum Trost an, und auch diese (kryptische) Chiffre ist beim Namen zu nehmen: Es geht um Trost und um Quantifizierung. Letztere ist das Gesetz des Marktes als Tausch- und Konkurrenzprinzip; es regiert den „neuen Bond“ wie nicht anders erwartet. Oder nein, wie eigentlich ganz anders erwartet, denn: Casino Royale war ja der etwas andere Bond; der Film hat 2006 eine sterbende Marke rebooted, entschlackt, durch existenzialistische Konzentration auf den Leib in seiner „Leidenschaft“, seiner Be- und Entgrenztheit: Bond keuchend beim Laufen; Bond nackt im Hodenschmerz; ein Haus, das nicht steht, sondern sinkt. Sehr arg.

Im neuen Bond hingegen herrscht Quantifizierung. Business as usual, alles wie früher: wurschtig schnell geschnittene Verfolgungsjagden, Technik-Gadgets, Imagevideos für Tourismusstandorte – Hotels in Südamerika, Ritterspiele in Siena, Bregenzer Festspiele. (Die Pradler Ritterspiele gibt’s als DVD-Bonus.) Werbespot-Ästhetik, das sagt sich leicht.

Austauschbarkeit auch zwischen Bond und Bond-Girl: Sie haben diesmal keinen Sex, weil sie einander äquivalent sind. Warum? Ist sie frech wie er, wie einst die Bacall gegenüber Bogey? Nein: Sie ist eine verbitterte Rächerin wie er. Sexistisch gesagt: Die Rache macht aus Püppchen Menschen. Rache ist, was früher Ehre, Intelligenz, Coolness waren: ein Subjektivierungsfaktor. Sie macht vollständig, sie adelt; so spendet sie Trost in einer Welt, die vielen entwürdigend vorkommt.

Dabei ist Rache ultimative Quantifizierung: Auge um Auge, Schmerz für Schmerz – das ist Tauschlogik, nicht Gerechtigkeit (die fragt: Wie lässt sich’s miteinander leben?).Was ist dann der Trost der Rache? Wie adelt sie „uns“? Indem sie Ressentiment ist, Sich besser-Fühlen durch paranoide Verachtung der Unechten, Ungesunden. Einst war Bond konsumgeiler Dandy; heute verachtet er – wie alle Blockbuster-Racheengel von Herrn Vendetta über Batman bis Max Payne – die Marktmenschen; das macht ihn zum Heiligen. Ein Quantum Trost ist heutige Kapitalismus„kritik“ von Rechts: Ekel vor dem Markt (korrelativ zur Marktgeilheit), Verachtung aller Unechten (vom „Heuschreck“ bis zum „Asylanten“), Ressentiment als Ersatz für Politik. Die Heiligkeit der Rache: Manche Parteien haben schon Chefs, die sich St. Rache nennen.