TELESKOP

Die Meldungen überschlagen sich im Stundentakt. Großbanken fallen wie Dominosteine auf einem Kindergartentisch. Es sei die schlimmste Krise, heißt es, seit dem Schwarzen Donnerstag, dem großen Banken-Crash von 1929. Island ist bankrott, einer Reihe von Ländern auf dem Europäischen Festland steht ein ähnliches Schicksal bevor. Und Schnitzelland? Schnitzelland ist mittendrin. Kein Grund zur Sorge, sagt der Noch-Finanzminister, eben hat der Sparstiftspitzer seine Neuwahl mit Pauken und Granaten verloren und nun pumpt er Steuermilliarden in das Bankensystem. Derselbe Finanzminister, der eben noch schwere Bauchschmerzen bekommen hat beim Gedanken, Armutsgefährdeten finanziell unter die Arme zu greifen, öffnet nun den dicken Geldhahn. Es sprudeln die Milliarden im dreistelligen Bereich.

Aber kein Grund zur Sorge, sagt er uns, die heimischen Banken sind stabil, sie sind gut aufgestellt, das Geld, das sie brauchen, brauchen sie nicht wirklich, sie brauchen es nur für den Fall der Fälle. Den Eintrittsfall des denkbar Uneintretbaren. Den Island-Fall. Aha. Geld kann gedruckt werden, wenn die Bank es braucht. Schön zu wissen. Für die unter uns, die unter der Armutsgrenze leben, gibt es nicht einmal ein popeliges Prozent davon? So ist es, sagen die Chefversteher, denn hier geht es ans Eingemachte. Nicht um Peanuts wie individuelle Armut. Wenn die Banken in den Abgrund sausen, dann sausen wir alle. Ok. Das leuchtet ein. Aber was ist jetzt, sagt das vorlaute zynische Stimmchen in mir, was ist jetzt mit dem System? Ist es krank oder ist es hinüber? Und was für ein System wird es sein, wenn es gesundet ist?

Wieder so ein elend ausbeuterisches System, dem der Kapitalertrag alles ist und das Individuum nichts? Wir müssen den Gürtel enger schnallen, heißt es. Heißt es das nicht schon seit Jahrzehnten? Und hat sich schon jemand Gedanken gemacht, wie gaga dieser Spruch eigentlich ist? Warum müssen wir den Gürtel enger schnallen? Weil er kürzer geworden ist? Weil wir dünner geworden sind? Und warum brauchen wir

überhaupt einen Gürtel? Weil sonst die Hose runterfällt, wenn der Bauch Hunger hat? Aber ist es überhaupt unsere Hose, ist die nicht längst privatisiert?

Wir sehen, die Bilder taugen nicht. Ich schlage vor, Klartext zu reden. Was ist passiert? Die zinsgierige Kapitalokratie hat das Glaubenssystem, dem wider besseren Wissens der Rang eines Naturgesetzes zugemessen wird, in den Abgrund geritten. Nun ruft ebendiese Machtclique das Kollektiv zur Hilfe auf.

Das Kollektiv, wir, der Staat, hilft. Aus heiterstem Herzen. In der Hoffnung, das System würde in Dankbarkeit gesunden und gut werden. Nada. Es wird weitermachen wie bisher, das System. Mit neuem Geld. Bis zur nächsten Krise. Religiöse Systeme mit Heilsperspektive gelten als hyperstabil. Ein kleines Gewitter bringt sie nicht um. Auch ein großes nicht. Nur das Licht der Aufklärung wäre dazu imstande. Momentan flackert es auf kleinster Flamme.