BRIEF AUS DER REDAKTION
Ein schmaler, eleganter Herr im beigen Trenchcoat erwartete mich am Bahnhof, um mit mir zu einer Podiumsdiskussion zu fahren. Er ist erst wenige Wochen Nationalratsabgeordneter und ein Quereinsteiger. Anzug, weißes Hemd ohne Krawatte, er sieht so gar nicht „grün“ aus. Aber schon auf der Autofahrt und erst recht bei der Veranstaltung spürt man seine eigenartige Faszination. Obwohl er fast schüchtern wirkt, mit leiser tiefer Stimme spricht und rhetorisch eigentlich nicht glänzt, zieht er das Publikum unwillkürlich in seinen Bann. Was er sagt, klingt klug, überlegt und vor allem ehrlich. Das Publikum bleibt auch nach dem offiziellen Ende lange, umringt ihn, während er mit der unvermeidlichen Zigarette in der Hand geduldig auf alle Fragen eingeht.
Kurze Zeit später ist er Klubobmann, Spitzenkandidat und Parteisprecher und soll die Grünen mehr als ein Jahrzehnt von Erfolg zu Erfolg führen. Obwohl der Einzug in den Landtag keineswegs gesichert ist, setzt er sich im burgenländischen Wahlkampf 2000 massiv ein. Ich bin seine Begleiterin. Von einer Firma zu einer Fraueninitiative, von einer SchülerInnenrunde zum Bauernstammtisch. Er bliebt ruhig und geduldig, auch wenn nicht immer alles klappt oder das Hotelzimmer bescheiden ist.
Er wird ein ständiger Teil meines Alltags. Als durch die GBW delegiertes Mitglied des Grünen Bundesvorstands sehe ich ihn mindestens dreimal im Monat. Ein Mensch, der zuhört, der sich auf Argumente einlässt und Anregungen aufnimmt, ein Mensch, der aber auch grantig werden kann, wenn man ihm untergriffig kommt. Ich bin nicht immer seiner Meinung, aber ich habe stets Hochachtung vor ihm als Mensch und als Politiker.
Einer der Höhepunkte seiner Karriere sind zweifellos die Regierungsverhandlungen mit der ÖVP. Bei den Sondierungsgesprächen bin ich dabei. Auch da bewundere ich seine politische Klugheit, diese Mischung aus freundlichem Entgegenkommen und blitzschnell aufflammender Härte. Das Ergebnis ist mager, zu mager für die Grünen. An einem Sonntagmorgen erklärt er, übermüdet und noch bärtiger als sonst, dass die Regierungsverhandlungen gescheitert sind. Das nächste Mal geht es sich unerwartet nicht aus und diesmal wissen wir vorher schon, dass es sich nicht ausgehen wird. Sein großer Traum von der Regierungsbeteiligung der Grünen bleibt unerfüllt.
Und dann jener Freitagmorgen, wo er gleich zu Beginn der Sitzung seinen Rücktritt erklärt. Es herrscht Totenstille im Saal, die Sitzung muss unterbrochen werden, weil keine/r weiß, was sie oder er sagen soll. Am Ende der Sitzung bin ich eine der Letzten, die geht. Er kommt noch einmal zurück: „Ich habe meinen Mantel vergessen“, einen beigen Trenchcoat.
Daniela Graf ist Obfrau der Grünen Bildungswerkstatt

