RELIGION MIT VIELEN GLÄUBIGEN

Auch in der Wirtschaftspolitik erfreuen sich EinzeltäterInnen-Theorien hoher Beliebtheit: Der US-amerikanische Lebensstil und die skrupellosen Investmentbanker hätten die weltweite Finanzkrise verursacht, so lautet die gängige Erklärung. Nicht nur die „kleinen Leute“ seien jetzt die Leidtragenden, auch die „Realwirtschaft“ befände sich in Geiselhaft der Finanzmärkte, und der zuvor als unmodern verachtete Staat müsse jetzt mit unser aller Steuergeld die neoliberale Suppe auslöffeln.

Ist es wirklich so einfach? Natürlich sind die turbokapitalistischen Exzesse an den Finanzmärkten das Ergebnis einer Ideologie, die der Wirtschaftsforscher Stephan Schulmeister sehr treffend als „Marktreligion“ bezeichnet hat – als Religion, deren oberstes Gebot lautete: „Arbeite nicht selbst, sondern lass dein Geld auf möglichst deregulierten Finanzmärkten arbeiten!“

Doch diese Religion hatte in den vergangenen Jahren nicht nur Missionare, sondern auch sehr viele Gläubige: Sind jene „kleinen Leute“, die einen guten Teil ihres Häuselbauer-Kredites wie von Zauberhand mit Aktien- oder Fremdwährungsspekulationen tilgen wollten, wirklich wehrlose Opfer oder nicht zumindest gedankenlose Mitspielende im weltweiten Finanzcasino? Kommt die so genannte „Realwirtschaft“ wirklich unschuldig zum Handkuss? Viele Industriekonzerne, deren Finanzergebnis im Vergleich zur „gewöhnlichen Geschäftstätigkeit“ immer größere Bedeutung erlangt, sind doch von Investmentbanken kaum mehr zu unterscheiden.

Und der Staat, der jetzt als „Retter in der Not“ erscheint, ist ebenfalls kein gänzlich Unbeteiligter: Einerseits wurde seitens der Politik und der Regulierungsbehörden dem Pyramidenspiel auf den Finanzmärkten jahrelang tatenlos zugesehen.

Andererseits wurde auch im (halb)öffentlichen Bereich gezockt, was das Zeug hielt: Kann heute irgendjemand schlüssig erklären, mit welchem Recht die ÖBB ein Vermögen in isländischen Banken versenken? Ob es wirklich zum Kerngeschäft der Kommunalkredit gehört, Milliardenspekulationen auf Zypern zu veranstalten? Und was die Gelder kleiner österreichischer Gemeinden in Form von Zins-Swaps auf den Virgin Islands verloren haben?

Im Jahr 2008 wurde Wirtschaftsgeschichte geschrieben. Ob dieses Jahr nicht nur einen ökonomischen Super-GAU brachte, sondern auch den Beginn des „post-neoliberalen“ Zeitalters markiert, wird davon abhängen, ob die Politik die richtigen Konsequenzen zieht.

Dazu wird ein grundlegendes Umdenken in sehr vielen Bereichen nötig sein. Nur einige neue Spielregeln zur Zähmung des „bösen Kapitalismus“ zu fordern, wird jedenfalls nicht reichen.

Volker Plass ist Unternehmer in Wien und Bundessprecher der Grünen Wirtschaft.