FATALES MISSTRAUEN
planet: Der Kapitalismus scheint im Allgemeinen recht krisenanfällig. Woher kommt diese Anfälligkeit?
Der Kapitalismus hat eine Tendenz zur Instabilität, die im Profitmotiv selbst begründet ist. Was Finanzkrisen betrifft, wird zurzeit ein Theoretiker, Hyman Minsky, gern zitiert. Er hat gesagt, dass das Finanzsystem einen Hang zur inhärenten Instabilität hat: Es gibt einen Boom, etwa einen Immobilienboom. Alle glauben, Häuser sind eine tolle Zukunftsinvestition und kaufen, die Preise steigen. Leute bekommen Kredit, um Häuser zu kaufen, weil sie als Sicherheit diese Häuser bieten können, deren Wert ständig steigt; und weil diese Sicherheiten ständig mehr Wert werden, gibt es immer weiter Anlass, Kredite zu vergeben.
Bis zu einem Punkt, wo eine Mehrheit der InvestorInnen zum Schluss kommt: Das kann nicht mehr lange so weitergehen, wir haben jetzt den Punkt überschritten, wo diese Wertsteigerungen plausibel sind – und beginnen zu verkaufen. Dann bricht das, was sich jetzt als Blase entpuppt, zusammen, weil der Wert dieser Sicherheiten, die für die Kredite hergegeben wurden, verfällt. Die ersten Leute werden zahlungsunfähig und die Banken stellen in Panik entweder die Kreditvergabe überhaupt ein oder fahren sie massiv zurück, weil sie allem misstrauen. So kommt es zu einer scharfen Gegenbewegung, in der entgegen dem unermesslichen Boom, in dem für jeden Unsinn ein Kredit vergeben wurde, plötzlich überkritisch reagiert wird und auch Dinge, die normalerweise leicht eine Finanzierung bekommen würden, keine bekommen. Diese Theorie der finanziellen Instabilität von Minsky wird nach jeder Krise in Erinnerung gerufen und hochgehalten, um in einem ebenso langen Konjunkturzyklus wieder in Vergessenheit zu geraten.
Die Krise scheint also Teil des Systems zu sein. Gab es bei der aktuellen Finanzmarktkrise etwas Besonderes?
Abgesehen von dieser allgemeinen Krisendynamik gibt es einige spezielle Faktoren, die man als mitverantwortlich identifiziert. Das Wichtigste ist dabei, dass die Kreditvergabe in den USA nicht mehr wie früher funktioniert hat: Eine Bank vergibt einen Kredit, prüft zuerst ob der Schuldner sich das leisten kann, und behält ihn dann im Auge, damit er nicht säumig wird, spricht über Umschuldungen, wenn es eng wird USW.
Viele Kredite in diesem Hypothekensektor sind nach einem anderen Modus vergeben worden. Die Banken haben die Forderungen weitergegeben. Sie haben sich nicht mehr selbst darum gekümmert, dass die Kredite zurückgezahlt werden, sondern haben die Forderungen weiterverkauft. Mit diesen wurde dann eine ganze Kette von weiteren Finanztransaktionen gemacht. Der Finanzsektor hat einen unglaublichen Einfallsreichtum entwickelt diese Forderungen neu zu bündeln, nach verschiedenen Risikokomponenten aufzusplitten und weiterzuverkaufen. Das konnte man physisch gar nicht mehr nachvollziehen, weil es nur noch auf irgendwelchen Computermodellen basierte. So hat sich eine unglaublich undurchsichtige Kette an Transaktionen an dieser simplen lokalen Transaktion der Kreditvergabe angelagert.
Und was war jetzt so schlimm daran?
Es sind zwei Dinge passiert. Nämlich, dass die Institution, die ursprünglich den Kredit vergeben hat, keinen großen Anreiz hatte, sich genau anzuschauen, an wen sie den Kredit vergibt. Weil wenn der Schuldner zahlungsunfähig wird, das ohnehin nicht sie trifft, sondern jemanden anderen in dieser Kreditkette. So haben Leute Kredite bekommen, die unter normalen Umständen keine Kredite kriegen. Das zweite Problem war, dass das Ganze so unübersichtlich wurde, dass niemand mehr gewusst hat, was da genau passiert.
Jeder hat nur nach seiner beschränkten Gewinnoptimierungsstrategie gehandelt, was schließlich gesamtgesellschaftlich ins Desaster mündete. Es hat zwar keiner genau sagen können, wer, wo, welches Risiko hatte, aber es wurde gesagt, das Risiko sei breit verteilt und es schaue alles gut aus. Das hat zu einer übergroßen Verschuldungsbereitschaft im gesamten Finanzsektor beigetragen.
Die Unübersichtlichkeit war kein Problem, solange alle optimistisch waren und kurzfristige Gewinne machten. Sobald sich aber das Gefühlt verbreitete, dass es Probleme gibt, war diese Intransparenz fatal, weil sie zu allgemeinem Misstrauen geführt hat – niemand im Finanzsystem hat mehr den GeschäftspartnerInnen vertraut. Das hat zu dramatischen, ungekannten Entwicklungen im Finanzsystem geführt, zum Zusammenbruch von völlig normalen Geschäften wie, dass sich Banken untereinander Geld leihen, weil alles von diesem großen Misstrauen beherrscht wurde. Aber es hat fast ein Jahr gedauert, bis diese Krise auch in Europa Auswirkungen zeigte.
Man hat am Anfang nur von einer „Subprime“-Krise gesprochen – das sind jene Leute in den USA, die unter normalen Umständen als nur eingeschränkt kreditwürdig gelten. In den USA wurde seitens des Staates und des Finanzsystems gesagt, dass das, was andere Staaten über den sozialen Wohnbau oder über den Wohlfahrtsstaat machen, dort das Finanzsystem schaffe. Es wurde als große Leistung des neuen, reformierten, marktgetriebenen Finanzsystems verkauft, dass selbst ganz arme Leute Kredite bekommen und sich so den Traum vom Eigenheim erfüllen können. Es war dies trotzdem nur ein kleines Segment des Finanzmarkts und daher war man anfänglich in Europa auch ganz entspannt, und dachte, das bleibe ein US-internes Problem. Es war aber der erste Dominostein, der das Misstrauen ins Rollen brachte, das schließlich das ganze Finanzsystem erfasst hat.
Von wo ist das viele Geld auf den Finanzmärkten eigentlich gekommen?
Ein Grund, warum so viel auf den Finanzmärkten verfügbar ist, sind die Pensionsfonds. Es hat in den letzten Jahrzehnten starke Bestrebungen gegeben Pensionsvorsorge zu privatisieren. Da haben mehrere Faktoren zusammengewirkt. Einerseits haben die Staaten versucht die Verantwortung für das unangenehme Geschäft des Aushandelns der Verteilung des Volkseinkommens zwischen Alt und Jung loszuwerden. Es gibt auch viele Ökonomen, die sagen, dass der Staat da ganz ungeeignet ist – es gibt also auch diese ideologische Begleitmusik, die dies fördert. Der Finanzsektor will dieses Geschäft, weil man damit viele Gebühreneinnahmen lukrieren und viel Geld zum Verwalten anziehen kann. Die Leute, die das Geld anlegen, haben wenig mitzureden, was mit dem Geld geschieht. Man kann nur zuhause sitzen und zittern, dass zu dem Zeitpunkt an dem man in Pension geht, die Rendite möglichst gut ist.
Würde bessere Umverteilung der Vermögen etwas ändern?
Der Versuch, Kredite zu geben statt umzuverteilen ist zum wiederholten Male gescheitert. Es wäre im Sinne des Systems nachhaltiger gewesen umzuverteilen, allen die Möglichkeit zu geben Einkommen statt Schulden zu erwerben. Es wäre dann weniger Geld da, das verzweifelt eine Anlagemöglichkeit sucht, wo keine ist. Ein Sparüberhang ist eine wesentliche Ursache für die aktuelle Krise.
Ist es nicht erstaunlich, dass jetzt der Staat in einem solchen Maß eingreift?
Der Staat hat historisch immer schon in der Krise eingegriffen. Es war immer stets schon so, dass marktliberale Rhetorik und Handeln zwei Paar Schuhe waren. Das ist keine besondere Überraschung. Gegenüber der jahrelangen Rhetorik ist das allerdings jetzt eine klare Kehrtwende.
Jetzt greift der Staat also ein. Explodieren dann nicht die Staatsschulden?
Das Problem ist ja nicht, dass es an Geld mangeln würde. Es gibt genug Geld aber keiner will es hergeben, weil sich alle untereinander nicht als kreditwürdig ansehen. Der Staat gilt als einziger in einer solchen Krise kreditwürdig. Weil der Staat unbegrenztes Leben hat und auch die Steuerhoheit. Wenn er Geld braucht, kann er Zwangsabgaben einheben, das kann sonst niemand. Das Geld ist da, also nimmt der Staat Geld auf und gibt es weiter an die, die es brauchen. Zum Teil muss er für diese Vertrauenssicherungsfunktion nicht einmal Geld in die Hand nehmen. In Österreich gibt es jetzt diese Agentur, die Kredite zwischen Banken vermittelt. Diese Agentur nimmt nur das Geld von Bank A die es nicht braucht, und gibt es der Bank B, die Geld braucht.
Das würde normalerweise einfach so funktionieren, jetzt nicht, weil es dieses Misstrauen gibt. Jeder glaubt vom anderen, er habe vielleicht irgendwelche faulen Kredite in der Bilanz und könnte vielleicht morgen nicht zurückzahlen. Aber wenn der Staat die Rückzahlung garantiert, übernimmt der Staat eine Mittlerfunktion, die ihn nicht viel kostet, wenn alles gut geht – er bringt nur sein Vertrauenskapital ein. Das andere ist die Kapitalzufuhr an Banken, wie bei der Ersten Bank, wo der Staat Partizipationskapital (ein Mittelding aus Anleihe und Aktien) gibt. Das ist auch kein Geschenk sondern ein Eigentumserwerb, also nichts, das die Verschuldung des Staates negativ beeinflusst. Er geht ein Risiko ein, aber wenn alles gut geht ...
Wie ist das mit den Staatsschulden, wo ist denn der Staat verschuldet?
Bei den Banken, die Geld haben oder direkt bei Privaten. Staatsschuldpapiere kaufen Privatanleger genauso wie Banken und Finanzfonds. Das ist das beliebteste Wertpapier bei allen Anlegern. Viele Anleger flüchten in der Krise auch in diese Staatsanleihen.
Es heißt andererseits immer, es würden enorme Summen vernichtet?
Das stimmt auch, weil viel von dem Vermögen, das sich in den letzten Jahren aufgebaut hat, nur fiktive Buchwerte auf der Bank sind. Ich kaufe mir eine Aktie um 10 Euro und schaue zu, wie sie steigt, weil alle diese Aktie wollen – sie steigt von 20 auf 40, auf 100 Euro – das heißt für mich, mein Vermögen hat sich um das zehnfache vermehrt, ohne dass ich dafür was getan habe. Wenn aber die Aktie verfällt, dann verfällt auch der Wert – der ohnehin nur als fiktives Vermögen da war, also nur unter der Bedingung, dass man es zum richtigen Zeitpunkt in etwas anderes getauscht hätte – das Geld ist weg.
Was ist dann der Unterschied zwischen fiktiven Vermögen und dem Geld, das in so überreichem Maße da ist?
Das ist eben nicht mehr klar, weil die Zeiten, in denen es einen eindeutigen Standard gegeben hat, der als stabiler allgemeiner Wertmaßstab anerkannt wird, lange vorbei sind.
Früher hat man eine Währung an Gold gebunden, weil man glaubte, Gold sei der Inbegriff von Beständigkeit. Das ist vorbei und macht die Unsicherheit aus. In der Krise fragen sich alle Investoren, welcher Gegenstand ist noch wertbeständig, wohin soll ich das Geld transferieren, ohne was zu verlieren? Das ist unbekannt und Gegenstand von Spekulation. Das ist eben diese fundamentale Unsicherheit, dass alle Wertmaßstäbe verfallsanfällig sind. Das ist es, was den Kapitalismus ausmacht, es gibt keine wertbeständige Größe. Möglicherweise ist das, was wahren Reichtum ausmacht nicht die Möglichkeit sich etwas zu kaufen, sondern zum Beispiel die richtigen Leute zu kennen und Einfluss zu haben – und das entzieht sich überhaupt jedem Wertmaßstab.
Gibt es in der Krise auch Chancen für eine Reform des Systems?
Man muss sich die Frage stellen, in welche Sektoren das Kapital fließen soll, wenn wir davon ausgehen – und es spricht nichts dagegen – dass der Kapitalismus bestehen bleibt. Es ist oft vom ökologisch-sozialen Umbau die Rede. So wie Teile des Rüstungssektors nach 1989 in zivile Produktion umgewandelt wurden, so ähnlich könnte man sich jetzt, etwa angesichts der Krise in der Autoindustrie die Frage stellen: Ist das nicht auch eine Chance zum Umbau dieses nicht nachhaltigen Konsummusters hin zu nachhaltigeren Produktionsweisen?
Beat Weber ist Ökonom und Mitglied des Beirat für gesellschafts-, wirtschafts- und umweltpolitische Alternativen (BEIGEWUM).
