MEHR ALS REFORMEN
Die Finanzkrise ist in aller Munde und verhilft der Kapitalismuskritik angeblich zu ungeahntem Aufschwung. Schön wäre es, doch hier handelt es sich um vorschnellen Optimismus.
Beim genaueren Hinsehen scheint das Gegenteil der Fall.
Die Ereignisse bestärken ein Alltagsverständnis von Wirtschaft, das eher verschleiernd als aufklärend wirkt. Die ökonomischen Verhältnisse werden in zwei Sphären aufgeteilt: Die Spekulationen am Finanzmarkt, denen alle negativen Entwicklungen zugeschrieben werden, und die „Realwirtschaft“, die vorwiegend positiv gesehen wird.
Gutes und böses Kapital
Die beiden Sphären funktionieren dieser Vorstellung zu Folge nicht nur nach anderen Regeln; sie stehen einander antagonistisch gegenüber. Die grenzenlose Spekulation wird als Ursache aller sozialen Probleme verortet, weil sie die Wohlstand schaffende Realwirtschaft gefährde und schädige. Jene, die wie ATTAC, schon lange mit solchen Analysen auffahren und eine Regulierung und Kontrolle der Finanzmärkte als wichtigste Problemlösung propagieren, bekommen durch die aktuelle Krise kräftigen Aufwind. Eine ernsthafte und umfassende Kritik des kapitalistischen Gesamtszusammenhangs wird so aber weiter in die Marginalität gedrängt.
Mit dem Lob der Realwirtschaft werden die kapitalistischen Prinzipien – ohne dass es auffällt – schön gefärbt. Die Trennung in diese beiden Sphären erinnert an die Unterscheidung in „raffendes“ und „schaffendes“ Kapital, wie sie vom Nationalsozialismus vorgenommen wurde. Die aktuelle Aufteilung ist zwar meist nicht antisemitisch besetzt, aber sie erfüllt die gleiche Funktion, unverstandene, zerstörerische Dynamiken eines Systemzusammenhangs auf bestimmte Personengruppen zu projizieren. Das Überhandnehmen von Erklärungsmustern wie, dass die „schrankenlose Gier“ der SpekulantInnen und ManagerInnen der Grund allen Übels sein soll, sind ein Indiz hierfür.
Allerdings unterliegen Spekulation und Produktion derselben Rationalität und sie folgen denselben strukturellen Zwängen der Gewinnmaximierung. Spekulation und das damit verbundene Risiko, tritt nicht erst auf der abstrakten Ebene der Finanzgeschäfte auf, sondern hat ihren Ursprung bereits in der Produktion.
Wenn einE UnternehmerIn beschließt in Zukunft ein bestimmtes Produkt herzustellen, muss sie hohe Summen investieren, ohne dass klar ist, ob sich ausreichend zahlungskräftige AbnehmerInnen finden werden und ob sich die Investitionen in teure Produktionsanlagen lohnt. Sobald in einem größeren ökonomischen Rahmen die Nachfrage nicht mehr ausreicht und Schulden im Spiel sind, beginnt die Gefahr einer Wirtschaftskrise.
Selbstzweck Wachstum
Es ist aber nicht bloß der spekulative Charakter der Produktion, der diese diskreditiert. Ernstzunehmende Kapitalismuskritik erkennt in den Produktionsbedingungen die Ursache für die zerstörerischen Eigendynamiken dieser Gesellschaft, die es zu ändern gilt. Die Aufgabe, in einer Konkurrenzsituation Gewinne erzielen zu müssen, schafft einen grenzenlosen und selbstzweckhaften Wachstumszwang. Die Gemeinwesen werden dabei gehindert, ihre Entwicklung selbst zu bestimmen.
Stattdessen wird ein Kosten/Nutzen-Kalkül verbindlich, das die Rolle von Mensch und Natur auf bestmöglich zu nutzende Produktionsfaktoren und zu minimierende Kostenfaktoren reduziert. Darin liegt einer der Hauptgründe für zahlreiche ökologische und soziale Probleme, wie den grenzenlosen Raubbau an natürlichen Ressourcen, schlechte Arbeitsbedingungen, niedrige Löhne, Abbau von Sozialleistungen und so weiter. Innerhalb dieses Systems können soziale oder ökologische Anliegen zwar zeitweise durchgesetzt werden, dies erweist sich jedoch als Sisyphusarbeit. Das Ausmaß und die Dauer dieser Erfolge werden immer vom Gewinn- und Konkurrenzzwang begrenzt werden – solange es nicht gelingt die kapitalistische Produktionsweise zu überwinden.
Solidarische Ökonomie
Soll es um Lösungen gehen, die neben unmittelbaren Verbesserungen auch auf die Veränderung der Produktionsverhältnisse zielen, liegt eine Hoffnung in den Diskursen und praktischen Projekten der Solidarischen Ökonomie. Selbstverwaltete Betriebe, Kommunen, schenkökonomische Netzwerke, gegenseitige Hilfe, Tauschkreise, ÖkobäuerInnen und dutzende andere Konzepte zählen dazu. So viele unterschiedliche Ansätze, dass sie sich kaum auf einen gemeinsamen Nenner bringen lassen. Aber allen ist gemeinsam, dass sie versuchen, bestimmte soziale, ökologische und demokratische Zielsetzungen unmittelbar umzusetzen. Versucht wird, andere Formen gesellschaftlicher Reproduktion zu gewährleisten und menschliche Bedürfnisse zu befriedigen.
Dabei können sie allerdings nur sehr begrenzte Freiräume ausnützen, da sie denselben Sachzwängen unterliegen, wie jeder herkömmliche Betrieb. Solidarität steht im krassen Gegensatz zur kapitalistischen Konkurrenz und Individualisierung.
Die Voraussetzung, um solche Einzelexperimente in Bewegungen zu überführen, die eine gesellschaftliche Alternative auf der Grundlage von Solidarität schaffen können, bleibt die oben umrissene radikale Kritik, aber auch schonungslose Selbstreflexion. Das grobe Ziel eines grundlegenden Transformationsprozesses kann nur eine selbst bestimmte Produktion sein, die durch Absprache und nicht mehr über den tausch- oder geldvermittelten Markt bestimmt wird.
Leider muss auch hier nüchtern festgestellt werden, dass bei den meisten Ansätzen der Solidarischen Ökonomie ein Problembewusstsein für die Grenzen und Zwänge innerhalb des bestehenden Systems weitgehend fehlt und über die Notwendigkeit der Überwindung nicht einmal nachgedacht wird. Das, obwohl es zahlreiche Erfahrungen wie das weitgehende Scheitern von Alternativbetrieben in den 1970er Jahren durch Kommerzialisierung oder Konkurs gibt. Gelegenheiten, wie der Kongress zur Solidarischen Ökonomie im kommenden Februar in Wien, können Raum für notwendige Diskussionen geben, die hier einen Fortschritt bringen könnten.
Arno Uhl ist einer der Gründer des Kost-Nix-Ladens und tritt als Mitglied der Gruppe Freiraum ein für kostenlose Aneignung von Raum und Ressourcen zur Schaffung von Strukturen für ein selbstbestimmtes Leben.
Buchtipp: Michael Heinrich: Kritik der politischen Ökonomie Stuttgart 2006, Schmetterling. 240 S, € 10,30
Vom 20.– 22. Feber 2009 findet in Wien (BOKU, Peter-Jordan-Str. 82, 1180 Wien) der Kongress für Solidarische Ökonomie statt. Mehr Informationen: http://www.solidarische-oekonomie.at/
