30 JAHRE SÜDWIND
„Entwicklungspolitik im eigenen Land“
1979 war nicht nur das Jahr der Wahl Margaret Thatchers zur britischen Premierministerin, der Flucht des persischen Schahs ins Exil und der sandinistischen Revolution in Nicaragua. Es brachte uns auch die erste Welt-Klima-Konferenz, die dritte Regierungsperiode Bruno Kreiskys und die Gründung des Österreichischen Informationsdienstes für Entwicklungspolitik (ÖIE) – heute Südwind.
„Entwicklungspolitik im eigenen Land“ lautete die Devise des von einer Handvoll engagierten Menschen als Verein gegründeten ÖIE. Sie prägten die Meinung: „Die Ursachen der sogenannten Unterentwicklung liegen bei uns.“ Durch Aufklärung und solidarisches Handeln in Österreich wollte man Länder wie Äthiopien, Bangladesh oder Haiti unterstützen. „Es war die Spätphase der Kreiskyjahre, und Entwicklungspolitik hatte Konjunktur. Der ÖIE in der Kleeblattgasse war dabei ein Nervenzentrum mitten in der Stadt“, erinnert sich der ehemalige ÖIE-Zivildiener und „Falter“-Herausgeber Armin Thurnher.
„Am Anfang war der ÖIE ein Tisch, an dem alle Platz nehmen konnten“, erzählt einer der Gründerväter und Dekan der Katholischen Fakultät, Martin Jäggle. Platz genommen haben Katholische Organisationen ebenso wie sozialistische, die Junge ÖVP und linke Solidaritätsgruppen. An diesem Tisch wurden gemeinsame Aktionen ausgetüftelt, wurden Strategien überlegt und Differenzen ausgetragen.
Von der Jute bis zu sauberer Kleidung
Im Laufe der Jahre entstand eine breite Palette an gefragten Workshops für Schulen, interaktiven Ausstellungen sowie zahlreiche Kampagnen. Einige sind besonders in Erinnerung geblieben: „Jute statt Plastik“(1979), „Hunger ist kein Schicksal“(1980), „Stimmen für den Regenwald"(1992). Auf letztgenannte Initiative geht das „Klimabündnis“ zurück, die Partnerschaft zwischen Indio-Gemeinschaften am Amazonas und Gemeinden, Schulen, Betrieben in Europa. Südwind ist seitdem Gesellschafter.
Eine der erfolgreichreichsten ist die seit 2001 von Südwind koordinierte !Clean-Clothes Kampagne (CCK)“ für faire Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie. Helmut Adam, Geschäftsführer der Südwind Agentur begründet den Erfolg: „Die CCK prangert wie Fairtrade die unwürdigen Bedingungen der Weltwirtschaft an. Beide schaffen Bewusstsein für Unrecht und zeigen Alternativen – für Konsument/innen und Wirtschaft.“
Südwind tritt auf
Die von ÖIE publizierten Entwicklungspolitischen Nachrichten „EPN“ brachten manche Themen in Österreich als erstes Medium aufs Tapet – HIV/Aids etwa im Jahre 1987. Einen Beamten des Außenministeriums reizte das in einem Briefentwurf zur Feststellung, dass die EPN nichts Besseres zu tun hätten, als „sich über die Verwendung von Kondomen bei Prostituierten in Uganda den Kopf zu zerbrechen“. Die EPN heißen heute SÜDWIND-Magazin und sind das deutschsprachige Magazin für internationale Entwicklung.
Die Erste, die den Namen „Südwind“ trug, war die 1984 gegründete Buchhandlung in der Wiener Kleeblattgasse. Ende der 1990er wurde auch der Verein in Südwind Entwicklungspolitik umbenannt und die Südwind Agentur als gemeinnützige GesmbH gegründet. Die Anliegen und Arbeitsfelder sind gleich geblieben. Neu sind Aktionen im Stile von Greenpeace, mit denen Südwind für Aufmerksamkeit sorgt. In Ecuador besetzte etwa ein Team von Südwind gemeinsam mit Arbeiter/innen rund um den Valentinstag die Straßen zum Flughafen von Quito – aus Protest gegen die unmenschlichen Bedingungen in der Blumenexportindustrie.
Aktiv mit Südwind
In eine Krise geriet der ÖIE 1988. Erich Hochleitner wurde als neuer Leiter der Sektion Entwicklungshilfe im Außenministerium bestellt. Sein Ansinnen: Den ÖIE, diesen „Agenten Moskaus“ mit dem Abdrehen des Geldhahns zu liquidieren oder ihm gehörig die Flügel zu stutzen. Es kam zu zahlreichen öffentlichen Solidaritätsbezeugungen. Organisationen und Menschen, die bei Gründung des ÖIE mit ihrer Mitgliedschaft gezögert hatten, traten nun dem Verein bei.
Die rund 1 500 Mitglieder sind die Basis für die Arbeit von Südwind. Ein Viertel des Budgets kommt aus Mitgliedsbeiträgen und Spenden, die Hälfte des Budgets kommt aus der Österreichischen Entwicklungszusammenarbeit im Außenministerium und ein Viertel aus EU-Projekten.
30 Mitarbeiter/innen in ganz Österreich organisieren Aktionen und Ausstellungen, halten Workshops und Vorträge und schreiben für Magazine und Broschüren. Viele ehemalige Beschäftigte sind heute im öffentlichen Leben zu finden: Die Grünen Stefan Schennach, Ulrike Lunacek und Birgit Weinzinger befassten sich mit dem Südwind Magazin und Kampagnen. Margaretha Kopeinig, heute Europaspezialistin des Kurier, war für Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Ein hoffnungsvoller Journalist und Jungliterat namens Christoph Ransmayr lief einem als Zivildiener über den Weg, ebenso Erich Hackl. Das ÖIE-Büro in Linz leitete die spätere entwicklungspolitischen Sprecherin der SPÖ, Inge Jäger. Heute ist sie nach acht Jahren im Nationalrat wieder ehrenamtliche Vorsitzende von Südwind.
„Die Herausforderungen sind groß. Wirtschaftskrise, Klimaerwärmung, Hungerrevolten zeigen, wir brauchen soziale, ökologische und ethische Regeln in der Globalisierung", erläutert Inge Jäger. So bemüht sich Südwind intensiv, die Öffentlichkeit mit Büchern, Kampagnen und Seminaren über die komplexen Zusammenhänge der Globalisierung aufzuklären. Gleichzeitig bietet die Organisation aber Möglichkeiten selbst aktiv zu werden. „Die Menschen“, sagt Helmut Adam, „wollen Alternativen zum gescheiterten Neoliberalismus. Das zeigt der Zuspruch, den unsere Kampagnen und AktivistInnen-Workshops derzeit erleben.“
