DIE NORMALITÄT DER KRISE
DIE AUSWIRKUNGEN DER GLOBALEN WIRTSCHAFTSKRISE AUF TADSCHIKISTAN SIND BEREITS DEUTLICH SICHTBAR, ABER DIE BEVÖLKERUNG DER ÄRMSTEN ZENTRALASIATISCHEN REPUBLIK NIMMT DIESE NUR LANGSAM WAHR.
Vahob, unser Fahrer, lacht, als ich ihm von dem Artikel erzähle, den ich über Tadschikistan schreiben werde: „Krise? Wirtschaftskrise? In Tadschikistan haben wir seit 1992 eine Krise, aber Wirtschaftskrise, nein. Die haben die Amerikaner!”
Auf der holprigen Straße, die uns in 13 anstrengenden Stunden in den Pamir führt, gebe ich es bald auf, Zeitungsartikel über die tadschikische Wirtschaft zu lesen und beschließe zuzuhören, was Vahob darüber zu sagen hat. Die Löcher in der Straße und Minenwarnschilder sind nicht die einzigen Spuren, die der Bürgerkrieg aus den Jahren 1992 bis 1997 hinterlassen hat.
Wie viele Tadschiken, glaubt Vahob, dass Tadschikistan nichts mit der globalen Krise zu tun hat. Dies klingt ganz nach erfolgreicher Propaganda der Vogelstraußpolitik von Präsident Rahmon Emomali, der erstmals bei einer Rede am 15. April 2009 von den möglichen Auswirkungen auf Tadschikistan sprach.
Unmittelbare Auswirkungen mag die globale Finanzkrise in der Tat nicht haben. Das liegt daran, dass das tadschikische Bankensystem von ausländischen Finanzinstituten weitgehend unabhängig und das Kreditvolumen innerhalb des Landes äußerst gering ist. Kreditkarten und Bankkonten sind selten in Tadschikistan und Kredite haben oft eine Laufzeit von nur einem Jahr
Versiegende Geldflüsse
Spürbar sind die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise dennoch: So sind die Auslandsüberweisungen, die tadschikische ArbeiterInnen aus Russland schicken und die beinahe 46% des BIP ausmachen, seit Beginn des Jahres um rund 30% zurückgegangen. Fast eine Million TadschikInnen arbeiten in Russland, um ihre Familien zu unterstützen. Sie arbeiten meist in unqualifizierten Jobs und leben unter schlechten Bedingungen. Zudem sind sie, wie viele andere zentralasiatische ArbeitsmigrantInnen, in Russland mit – oft auch gewalttätiger – Ausländerfeindlichkeit konfrontiert.
Saodat aus dem kleinen Dorf Baroi Hosilot im Süden Tadschikistans, hatte mit der Arbeit in einer Moskauer Fabrik ein sicheres Einkommen, aber die Lebensbedingungen und das Heimweh nach ihrem Sohn, haben sie zurückkommen lassen. Das Geld, das sie in Moskau erspart hatte, reichte um ihr Haus fertig zu bauen. Ihre neue Arbeit als Krankenschwester im Dorf bringt ihr jedoch nur noch 50 US-Dollar im Monat. Nicht alle tadschikischen MigrantInnen in Russland haben – so wie Saodat – die Wahl. Ein Großteil arbeitet in der Bauindustrie, die von der Wirtschaftskrise besonders betroffen ist. Viele Bauprojekte werden abgebrochen oder verzögert und viele GastarbeiterInnen kamen in den letzten Monaten mit leeren Taschen nach Hause.
„Das ist normal. Die kommen immer wieder nach Hause und dann gehen sie wieder“, sagt Vahob.
Grund zur Sorge
Die hohe Zahl arbeitsloser Männer könnte, so die International Crisis Group, eine international tätige unabhängige NGO, zu sozialen Unruhen und Protesten führen. Die Erinnerung an den Bürgerkrieg ist jedoch noch präsent, daher ist anzunehmen, dass die TadschikInnen eher wieder nach Russland oder in andere Länder emigrieren, als das Risiko politischen Protests einzugehen. „Unsere einzigen Sorgen sind, dass wir unser Gehalt bekommen und unsere Kinder versorgen können“, sagt Vahob.
Sorgen um ihr Einkommen und die Lebensmittelversorgung müssen die TadschikInnen in der Tat haben. Die heimische Industrie leidet auch indirekt an der Wirtschaftskrise. Die Weltmarktpreise der tadschikischen Hauptexportprodukte Aluminium und Baumwolle sind drastisch gesunken (um 50% bei Aluminium, um 25% bei der Baumwolle). Die Verluste der tadschikischen Aluminiumindustrie werden bereits auf 100 Millionen Dollar geschätzt.
Die Lebensmittelversorgung ist laut einer Erhebung des UN-Welternährungsprogramms und der WHO (Jänner 2009) alarmierend. Die häufigsten Ursachen sind die steigenden Lebensmittelpreise (1), Wasserknappheit und niedrige Einkommen. Allein die Preise für Weizenmehl und Pflanzenöl sind im Sommer 2007 innerhalb von vier Monaten um 50% gestiegen.
Am stärksten betroffen von der schlechten Lebensmittelversorgung sind die Kinder. Die Anzahl akut mangelernährter Kinder ist ohnehin seit Jahren bedenklich. Während die akute Mangelernährung behandelbar ist, hat die chronische Mangelernährung, von der fast 30% der Kinder unter fünf Jahren betroffen sind, irreversible Auswirkungen auf Entwicklung und Leistungsfähigkeit.
Ungenutzte Potentiale
Ist Tadschikistan „on the road to failure“ wie die International Crisis Group schreibt, oder gibt es noch Hoffnung?
Die gute Nachricht ist, dass die Auslandsüberweisungen aus Russland, obwohl sie dramatisch sinken, von einem (ursprünglich) sehr hohen Niveau fallen, und sich momentan immer noch in der Größenordnung von 2006 bewegen. Soweit die Tatsache, dass die Wirtschaft eines Landes von Auslandsüberweisungen abhängig ist, eine gute Nachricht sein kann.
Die Regierung verhandelt derzeit über Kredite in der Höhe von 200 Millionen Dollar von der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung und dem IWF, die dem tadschikischen Wirtschafts-, Landwirtschafts- und Energie-Sektor helfen sollen. Skandale um Geldveruntreuungen des vormaligen Leiters der Zentralbank und derzeitigen Vizepremiers Murodali Alimardon in der Höhe von 1 Milliarde Dollar helfen allerdings nicht, die Glaubwürdigkeit vor ausländischen Geldgebern zu sichern.
All die Probleme, mit denen Tadschikistan zu kämpfen hat und von denen die Medien berichten, lassen oft vergessen, dass Tadschikistan ein faszinierendes Land ist, in dem es weit mehr zu entdecken gibt als die Auswirkungen der Wirtschaftskrise.
Diese Bedenken teilt auch Vahob, der mich vorsichtig fragt: „Und in deinem Artikel ... wirst du da auch gute Dinge über Tadschikistan schreiben oder nur die negativen, wie die anderen Ausländer?“
(1) consumer price inflation: 21%, food price inflation: 26%
Ursula Trübswasser lebt in der tadschikischen Hauptstadt Duschanbe und arbeitet dort für die WHO in den Bereichen Ernährung, Versorgungs- und Lebensmittelsicherheit
Die Republik Tadschikistan ist die kleinste zentralasiatische Republik, grenzt an Afghanistan, Usbekistan, Kirgisistan und China, mit einer Bevölkerung von 7 Millionen. Mehr als 70% der Fläche sind Hochgebirge, mit dem größten Teil des Pamirgebirges im Osten des Landes. Die Mehrheit (85%) der Bevölkerung sind sunnitische Moslems, 5% sind Schiiten (Ismaeliten).Mit einem BIP von 141 Euro pro Kopf gehört Tadschikistan zu den ärmsten Ländern der Erde. Emomali Rahmon ist seit 1994 Präsident und wurde im September 2006 in einer umstrittenen Wahl zum vierten Mal wieder gewählt.
