ICH MAG DEN LEBENSSTIL DER JUGENDLICHEN

SEIT OKTOBER 2008 VERTRITT TANJA WINDBÜCHER-SOUSCHILL FÜR DIE GRÜNEN JUGENDANLIEGEN IM NATIONALRAT. PLANET FRAGTE NACH, OB UND WIE SICH JUGENDLICHE VERTRETEN LASSEN. UND ERFUHR, WAS GRÜNE JUGENDPOLITIK GEGEN ANGST VOR BANDENÜBERFÄLLEN, RECHTE SAGER AN GEDENKSTÄTTEN UND DIE STEIGENDE JUGENDARBEITSLOSIGKEIT ZU BIETEN HAT.

Wie ist es als Nationalratsabgeordnete so? Du kommst aus der Sozialarbeit, besonders der Jugendarbeit. Lässt sich der Kontakt zur „Basis“ im neuen Job halten?

Den Kontakt halten, Vernetzen ist sicher eine meiner Hauptaufgaben: Mit den Bundesjugendorganisationen, mit der Bundesjugendvertretung – zu schauen, was sie brauchen, was ihre Anliegen sind. Ein bisschen, muss ich gestehen, geht mir die direkte Unterstützung ab, dieses „OK, das machen wir gemeinsam“. Das ist als Oppositionspolitikerin einfach schwierig.

Welche Anliegen werden an dich herangetragen?

Finanzierung! Aber auch Fürsprache halten. Kinderrechte sind ein wichtiges politisches Thema, vor allem für die Bundesjugendvertretung (1). Und alle Jugendorganisationen haben den Drang gegen Rechts aufzutreten. Ob das jetzt die Katholische Jugend ist, oder die PfadfinderInnen oder die Alpenvereinsjugend – das ist allen ein Anliegen. Ich setze mich gerne dafür ein, dass bestimmte Organisationen, konkret der RFJ, nicht weiter gefördert werden.

Sprechen dich Jugendliche auch direkt an?

Total oft, mittlerweile. Im Zusammenhang mit den Schülerdemos, für die ich mich eingesetzt habe, haben sich viele Schülerinnen und Schüler bei mir gemeldet, per E-Mail, und mit denen bleibe ich dann in Kontakt. Da kommen dann Mails wie „Ich bin am Schulweg überfallen worden, und was tut die Politik dagegen?“ bis zu den Sorgen von Eltern, dass ihre Kinder drogenabhängig werden.

Was sagst du einem Jugendlichen, der Angst hat, dass ihm von einer türkischen Gang das Handy geraubt wird, er verprügelt wird etc.? Dass sie selbst oder FreundInnen so etwas erlebt haben, geben viele Jugendliche als Grund an, rechts zu wählen.

Zuerst möchte ich sagen, dass in den Studien zur letzten Nationalratswahl herausgekommen ist, dass die ErstwählerInnen, also die 16 bis 19jährigen, zu 25% Grün gewählt haben. Wenn die Jugendlichen dann aus der Schule in die Arbeitsrealität treten, sieht das anders aus. Bei denen haben wir extrem verloren. Und da glaube ich, dass das viel mit Zukunftsängsten zu tun hat. Klar ist aber dennoch, dass die FPÖ auch in den höheren Schulen Fuß fassen konnte. Und da glaube ich schon, dass das Sicherheitsgefühl der Jugendlichen ganz anders ist, als sich das Erwachsene oft vorstellen. Weil sie ihre Alltagsrealität nicht kennen. Dass nämlich für einen männlichen Jugendlichen in der Stadt die Chance, von einer Gang mit migrantischem Hintergrund angepöbelt zu werden, sehr hoch ist. Das ist so, egal ob uns das jetzt gefällt oder nicht.

Was tun?

Ich halte aus grüner Sicht in dieser Frage nichts von einer repressiven Haltung der Polizei oder auch der Justiz. Aber ich brauche gut ausgebildete Beamte im Jugendbereich, die mit den Jugendlichen reden können und sich auch mit Jugend- und Sozialeinrichtungen vernetzen.

Ich kenne Jugendliche, die wünschen sich mehr Polizei, mehr Sicherheitsdienste.

Wie gehst Du mit dieser Forderung um?

Das stimmt, ganz viele Jugendliche sagen, dass das Sicherheitsgefühl erhöht wird, einfach durch die Anwesenheit von Polizisten. Als gewaltfreier Mensch tue ich mir prinzipiell schwer mit uniformierter Waffengewalt als Lösung. Aber ich akzeptiere die Forderung der Jugendlichen. Wenn ich, was mir näher läge, sagen würde: weniger Polizei, dafür mehr soziale Sicherheit, würde das den Jugendlichen momentan nicht helfen. Und so sage ich: Ihr fordert mehr PolizistInnen und meine Forderung ist dann, dass diese auch gut ausgebildet sein müssen. Das Thema spielt ja stark in den Bereich

Beschäftigung und Bildung hinein ... Wir leben noch immer in einem Land, in dem Unbildung sozusagen weitervererbt wird. Da geht es um soziale Chancengleichheit. Und deshalb bin ich eine klare Befürworterin der Gesamtschule.

Was hilft aber jenen, die jetzt unqualifiziert sind?

Die Jugendarbeitslosigkeit ist wirklich katastrophal. Für diejenigen, die keinen Hauptschulabschluss haben, muss es die Möglichkeit geben, den nachzuholen und danach in ein Qualifizierungsmodell einzusteigen, das ihren Interessen entspricht. Da finde ich die überbetrieblichen Lehrwerkstätten nicht schlecht – es gibt aber zu wenige.

Noch ein aktuelles Thema: Was tun mit rechtsextremen Sagern, Stichwort SchülerInnen in Ebensee und Auschwitz?

Ich habe neulich eine Aussage einer Soziologin gehört, die da gut passt: Jugendliche tun das, worüber Erwachsene immer reden. Es gibt kein Unrechtsbewusstsein. Und dass sich seit 1999 ein brauner Faden durch die Republik zieht, ist, glaube ich, der Grund dafür, dass diesen Jugendlichen solche Sprüche jetzt so locker von den Lippen gehen. Deshalb ist unsere Forderung die Verankerung der politischen Bildung auch in Pflichtschulen. Die FPÖ lehnt das vollkommen ab, weil sie meinen, dass sich da „die Linken“ quasi ihr künftiges Wählerpotential züchten.

Von Schulausschlüssen halte ich überhaupt nichts. Wenn die Schülerin/der Schüler draußen ist, steigt die Aggression auf das System, auf den Staat. Ich plädiere eher dafür, Sozialarbeit an der Schule und schulpsychologische Dienste auszubauen und statt der Jugendlichen jene zu verurteilen, die das auf politischer Ebene vorleben und anzetteln.

Ganz generell: Welche Themen hast Du dir vorgenommen?

Dieses Jahr ist das 20. Jahr der Kinderrechtskonvention. Ich habe vor, unter anderem mit der parlamentarischen Anfrage, die ich dazu bereits gestellt habe, das Bewußtsein dafür zu forcieren. Das ist einmal Jahresprojekt Nr. 1. Und weiters nehme ich mit Kurt Grünewald, dem grünen Gesundheitssprecher, jetzt endlich die Verschriftlichung des Drogenprogramms in Angriff – da stammt die letzte Version aus dem Jahr 2002. Und drittens gilt es, das grüne Jugendprogramm auf die Füße zu stellen.

Und fühlst Du dich noch jung genug?

Ja, schon. Das hat aber, glaube ich, auch mit meiner Identität als Sozialarbeiterin zu tun. Und ich mag die Musik, ich mag Playstationspiele – also, ich bin keine Berufsjugendliche, aber ich mag den Lebensstil der Jugendlichen.

 

(1) Mitglieder der Bundesjugendvertretung sind die Bundesjugendorganisationen

Tanja Windbüchler-Souschill, 32, ist grüne Jugend- und Zivildienstsprecherin und seit Oktober 2008 Nationalratsabgeordnete. Davor war sie Sozialarbeiterin im Jugend- und Gewaltschutzbereich und in verschiedenen Funktionen bei den Grünen Wiener Neustadt und Niederösterreich tätig.