CINEMASCHINE
In der Kontrollgesellschaft wird man nie mit irgendetwas fertig: Dies attestierte der Philosoph Gilles Deleuze 1990 solchen Gesellschaften (zumal Ökonomien), die nicht mehr durch Disziplinierung und immer neue Initiationen funktionieren; stattdessen setzen Kontrollgesellschaften – in denen „wir“ im „Westen“ heute leben – endlose Formungs- und Bildungsprozesse in Gang, die Veränderungen geschmeidig integrieren oder gegebene Bestände immer neu durcharbeiten. Womit wir nicht fertig werden, ist z.B. die Bildung: Was früher mit 14, spätestens 25 Jahren erledigt war, tendiert heute zum Endlosen und heißt „lebenslanges Lernen“. Auch Kino funktioniert heute so: Filmgeschichte setzt sich als Neu-Formung und –Verwertung ihres Archivbestands fort. Mitunter bilden einzelne Filme diese ihre Ökonomie des Nie-mit-etwas-fertig-Werdens – Recycling, Remaking, Serienbildung – auf prägnante Weise ab: Das tut etwa der Horrorfilm oder aktuell das Prequel.
Das Prequel – „Vor-Setzung“ im Unterschied zu Fort-Setzung bzw. Sequel – ist diesen Sommer in zwei SciFi-Modellen im Umlauf. Das eine ist Star Trek: Der Film will mit großer Geste zurück zu den Anfängen, und das heißt: hinter die Anfänge, nur leicht daneben. Es geht um die gefühlsbewegte Jugend der Enterprise-Crew aus der TV-Serie von anno 1965–1968: Kirk und Spock, Figuren, die mehreren Generationen vertraut und für Teile der zwischen 1960 und 1975 geborenen „Fernsehgeneration“ Familienmitglieder sind, wurden in Star Trek runderneuert und neu konstelliert, heutigen Massenpublika zuliebe. Um aber die „Trekkies“, die in ihrem Kult notorisch werkdetailtreuen Star Trek-Fans, nicht mit Vorgeschichten zu brüskieren, an die der Original-Kirk und -Spock von 1965 unmöglich anschließen können, greift der Plot auf die in Star Trek seit jeher reichlich vorhandenen Paralleluniversen zurück: Was der Film zeigt, passiert vor und im weiteren parallel zu den alten TV-Abenteuern, deren Universum unangetastet bleibt; Leutnant Uhura etwa, damals ewig Kirks brave Telefonistin, kann im 2009-Universum tough, schlau und Spocks heimliche Liebhaberin sein: kein Bruch, nur eine (willkommene) Abwandlung. Ist das Mitspielen durch Ändern der Regeln, ganz wie Kirk beim „Kobayashi Maru-Test“?
Oder ist das Neustart ohne Neubeginn, ganz wie in der Politik, wo man zwar „Aus, Stopp, Neuanfang!“ ruft, aber die Logik der Kontrolle das Pathos der „Krise“ trifft (und sticht)? Mit nichts fertig werden: Das gilt auch für diese Kolumne, denn zu dem anderen Prequel, X-Men Origins: Wolverine, kommen wir erst nächstes Mal.
