VOR ORT

„Es ist alles ein bisserl schwierig in diesem Jahr“, meint Javier, der für eine der bekanntesten Ferienwohnungsagenturen Benicàssims arbeitet. Es gibt wenig Arbeit, die Touristen bleiben aus.

Benicàssim, das ist der halb verwirklichte Ferientraum: Sandstrand, blaues Meer, dahinter Orangen- und Mandelbaumplantagen. Glücklich, wer zur Blütezeit hierher kommen kann. Dann weiß man, dass die Hügel, in der sonst kargen Landschaft mit wunderbarem Ausblick auf die Costa del Azahar, zu Recht „Küste der Orangenblüte“ heißen.

Doch wie der Sand Benicàssims eine Schimäre darstellt – er wird jedes Frühjahr zum Strand transportiert – so kann man sich die prosperierende Ferienregion nur mehr schön reden. Die Hochhäuser mit zahllosen Ferienwohnungen stehen leer. Es ist Mai und fast niemand ist am Meer. Die Geschäfte sperren länger und öfter auf als je zuvor, um wenigstens einige KundInnen abzufangen. Selbst in der Trafik bemüht sich die Angestellte geradezu verzweifelt, zur Zeitung auch noch ein Eis zu verkaufen. Die Verkäuferin im Bademodengeschäft hingegen schaut nicht einmal auf, wenn man eintritt. Sie weiß, dass sie nichts verkaufen wird. Wen interessiert schon die neueste Bademode, wenn alle von der Krise reden. Sogar die Kellner in den erfolgsverwöhnten Lokalen scheinen zuvorkommender.

Javier aber schlägt alle: Er erfindet Sonderpreise für seine Appartements, von denen man letztes Jahr nur träumen hätte können. Um Gäste zu bekommen gibt es die Wohnungsreinigung gratis, vielleicht sogar einen zusätzlichen Tag. Hinter vorgehaltener Hand flüstert er: „Wir machen heute schon fast alles, um noch Wohnungen zu vermieten.“ Das Hochhaus ist dennoch nahezu leer – und das, obwohl verlängertes Wochenende ist. Obwohl die Ruhe in der ansonsten überfüllten Touristenregion nur allzu angenehm ist, übertönen Frustration und Zukunftsangst der Einheimischen alles.

Es betrifft längst nicht mehr nur den Tourismus. Alle Branchen Spaniens scheinen betroffen, genauso wie es überall nachzulesen ist. Selbst staatliche Universitäten erhalten bereits zugesagte Gelder nicht. In Südspanien ist die Situation noch schlimmer, versichert man sich gerne in Benicàssim. „Dort müssen die Einheimischen schon die Jobs der illegalen MigrantInnen übernehmen“, sagt María, die plötzlich auch von Sklaverei auf den Gemüsefeldern spricht. So wird diese Arbeit aber erst genannt, seit sie die Einheimischen machen. In Benicàssim kann man einstweilen noch auf einen heißen Sommer hoffen. (di)