BURSCHENSCHAFTERKREUZZUG

 

Also doch: Die Geschichte wiederholt sich als Farce. Im Frühsommer 2009 ruft ein österreichischer Parteiführer mit einem Kreuz in der Christenhand zur Rettung des Abendlandes auf. Schon Ende der 1990er Jahre begann die FPÖ ihr „Christentum“ wieder „wehrhaft“ zu machen und gegen eine „Überfremdung“ und „Islamisierung“ zu hetzen. Nach der Abspaltung des BZÖ verschärfte die nun auf ihren burschenschaftlichen Kern reduzierte FPÖ ihre xenophobe Kampagne, um sie im EU-Wahlkampf schließlich auf neue Eskalationsstufen zu führen. Wiederholt bekundete HC Strache öffentlich seine Bereitschaft, endlich die „Büßerkutte“ abzulegen und den „Kampfanzug“ wieder anzuziehen.

Im ehemaligen KZ Ebensee haben das dann auch ein paar „Lausbuben“ (Strache) getan – und halb Österreich gibt sich überrascht. Als ob es des Beweises noch bedurft hätte. Das Abendland muss immer an zwei Fronten gerettet werden: Im Inneren droht der Jude, von Außen der Mohammedaner. Auch hinter dem neuen Rassismus steht der alte Antisemitismus, und so werden in der freiheitlichen Kampagne gegen das Schächten die alten Blutphantasien geweckt, verlangt FPÖ-Generalsekretär Harald Vilimsky, das Religionsbekenntnis im Pass zu vermerken, fühlt sich der FPÖ-Abgeordnete Lutz Weinzinger von der „amerikanischen Ostküste“ beobachtet, sehen Strache und FPÖ-MEP Andreas Mölzer überall „Handlanger der Amerikaner“, inseriert die FPÖ ihr „Veto“ gegen einen unmittelbar bevorstehenden Beitritt Israels, von welchem man am Stammtisch und auf den Burschenschafterbuden zu wissen glaubt. Schließlich beschämt Martin Graf endgültig all jene, die ihn zum Nationalratspräsidenten wählten und erklärt den Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde, Ariel Muzicant, zum „Ziehvater des antifaschistischen Linksterrorismus“.

In der antisemitischen Welt sind immer die Juden die Angreifer, daher beruft sich auch Graf auf eine „verbale Notwehr“. Das ist nicht nur Inszenierung, man fühlt sich wirklich verfolgt – vom eigenen Hass, welcher auf Juden, Muslime, Linke, Feministinnen USW. projiziert wurde. Die aktuelle rassistische und antisemitische Kampagne gehorcht aber auch strategischen Überlegungen: Einerseits ermöglicht der gemeinsame Feind „Islam“ und USA/Israel der europäischen extremen Rechten ein Zusammenrücken. Andererseits lässt sich auch mehr als 300 Jahre nach der letzten Türkenbelagerung im inneren der Festung immer noch jene Angst schüren, die wohl auch damals geherrscht hat. Und wer Angst hat, wählt Strache, der von sich behauptet, keine Angst zu haben.

Heribert Schiedel ist Mitarbeiter im Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW), Abteilung Rechtsextremismusforschung.