SCHWEDEN IM SPIEGELBILD
In planet 58/2009 befand sich ein Interview mit Fredrik Löjdquist, Gesandter an der Schwedischen Botschaft in Wien. Ich freute mich auf den Artikel über meine alte Heimat, machte es mir am Sofa bequem und fing an zu lesen. Rasch kam eine Frage auf: Kombinieren vielleicht einige Diplomaten die Wahrheit der Geschichte mit gelungener PR von Schweden? Frei nach dem Motto: Spiegel, Spiegel an der Wand, sag’ mir wer die besten auf der Welt sind?
Herr Löjdquist wird zitiert mit „In Schweden pflegen wir seit langer Zeit eine ausgeprägte Offenheit (...)“ Und geht es weiter mit: „(…) unsere Bürgerinnen und Bürger fühlen sich sicher.“ Sicherheitsgefühl ist allerdings eine subjektive Sache. Menschen in Stockholm fühlen sich vielleicht nicht ganz so sicher. In den letzten Monaten wurden vermehrt Autos – gezielt auf Norrmalm (im Norden Stockholms) –demoliert. Augenzeugen berichteten von Jugendgangs. Kein einziger Täter wurde gefasst. Nur ein Beispiel von vielen, wenn es um Jugendkriminalität geht.
Auch abendliche Raubüberfälle an Freitagen und Samstagen gehören zur Tagesordnung. Die Reichen haben andere Ängste als die Ärmeren. Die Frustration besonders bei der zweiten und dritten Generation von MigrantInnen ist hoch. Sie haben häufig das Gefühl nicht die gleichen Chancen zu haben wie die „Eingeborenen“ des nordischen Kulturkreises, da in Stockholm starke Segregation herrscht. Jene Teile Stockholms, in denen nur wenige Prozent der Bevölkerung Schwedisch als Erstsprache haben, bestehen aus tristen Wohnsiedlungen mit schlechtem Ruf. Die Isolation gegenüber der restlichen Bevölkerung wird hier leider offen spürbar.
Für Menschen mit geringem Einkommen und gesundheitlichen Problemen ergibt sich ebenfalls eine traurige Situation: Derzeit muss man mit sieben Monate Wartezeit auf einen (Kassen)Hautarzt-Termin in Stockholm rechnen. Für eine Hüftoperation oder eine Magnetresonanz detto. Gleichzeitig versuchen größere Krankenhäuser gut zahlende KrankenhaustouristInnen nach Schweden bringen.
Die Schere zwischen reich und arm wird immer größer.
Ein paar Worte zur Offenheit: Die Offenheit der Behörden ist für Menschen, die nicht in Schweden wohnen eher ungewöhnlich. Zum Beispiel ist die erste Seite der Steuererklärung offiziell und für alle zugänglich. Jedes Jahr werden in den Boulevardmedien nicht nur die jährlichen Listen mit den bestverdienenden Prominenten und ihrem Vermögen auf diese Weise in der Presse vorgeführt. Das schwedische Finanzamt verlangt übrigens für eine Namensänderung nur eine Unterschrift. Auf diese Weise können Identitäten „geraubt“ werden. So vor kurzem bei einem Mann, der sich beruflich gegen illegale Softwarekopien einsetzt. Sein Vorname lautete nach diesem vermeintlichen Scherz „Pirate“. Wie das möglich war? Ein Ausweis bei den Steuerbehörden gilt als nicht notwendig.
Wirklich wichtig ist mir allerdings eine historische Richtigstellung: „Wir haben eine sehr egalitäre Gesellschaft in Schweden, die Bauern sind traditionell eigenständig, und es gab bei uns nie eine Leibeigenschaft.“, so der Gesandte Löjdquist im planet-Interview. Schön wär’s, doch das stimmt nicht. Nicht alle Bauern waren frei. Die Mehrheit blieb ohne Besitz, der Hof gehörte ihnen nicht. Adelige Großgrundbesitzer vermieteten gegen hohe Gebühren winzige Holzhäuschen mit dazugehörigen, oft steinigen, Ackern. Die Landwirte wurden nicht Bauern genannt sondern „statare“ und waren eine schwächere Form der Leibeigenen und existierten bis im 19. Jahrhundert. Unter anderen hat der schwedische Autor Wilhelm Moberg einige Werke darüber verfasst. Die echte Leibeigenschaft hat es auch gegeben. Auf Schwedisch „träldom“. Die Trälar konnten verkauft und gekauft werden und wurden als Gratis-Arbeitskräfte verwendet. 1337 wurde diese Art von Missbrauch abgeschafft. Wie Herr Löjdquist so treffend sagt: „Aber jedes Land hat so seine Eigenheiten und historischen Voraussetzungen.“ Wie wahr, wie wahr.
Hinweis der Redaktion: Dieser Kommentar ist eine Reaktion auf das Interview mit Fredrik Löjdquist in dieser Ausgabe (PLANET 58, 2009).
