GRÜN IM SENEGAL
Herr Haïdar, ein Libanese, der Wolof spricht und sich im Senegal für Umweltschutz engagiert, ist außergewöhnlich. Wollen Sie uns etwas über Ihre Herkunft erzählen?
Ich bin 1953 in Louga (200km nördlich von Dakar) geboren.Meine Eltern und Großeltern mussten in den 1940er Jahren während des Krieges ihr Dorf im Libanon verlassen. Damals machten sich die BewohnerInnen von drei libanesischen Dörfern
gemeinsam auf den Weg nach Amerika. In Marseille wurden ihre Boote gestoppt und an der Weiterfahrt gehindert. Sie wurden in drei Gruppen aufgespalten. Die erste Gruppe konnte in Frankreich bleiben und der zweiten gelang die Weiterfahrt nach Amerika. Meine Eltern bestiegen ein anderes Boot, in dem Glauben, dass es sie nach Amerika bringen würde. Bei ihrer Ankunft, nach vielen Tagen Überfahrt, fragte meine Mutter ganz überrascht, ob denn alle Amerikaner schwarz seien. Man hatte sie nach Westafrika gebracht.
Senegal war damals eine französische Kolonie. Es gab keine öffentlichen Schulen, keine Moscheen. Die Franzosen haben den libanesischen Flüchtlingen nicht erlaubt in Dakar zu bleiben; sie wurden nach Louga gebracht. Dort lebten sie im Exil. 1940 hat man für die 200 Kilometer von Dakar nach Louga eine Woche gebraucht und musste einen Dschungel durchqueren.
Mein Großvater liegt in Yoff begraben. Ich bin ein bisschen Senegalese, ein bisschen Araber. Und vor allem Weltbürger. Grenzen sind immer von der Ökonomie bestimmt. Vögel brauchen keinen Reisepass, sie bewegen sich frei. Es geht um ein globales Miteinander.
Was ist der Kern Ihrer Arbeit für die Umwelt und wie haben Sie mit dieser Arbeit begonnen?
Sehr jung, ich war elf, zwölf, meine Eltern haben mich in die Stadt geschickt, da habe ich das Meer entdeckt, ich war sofort fasziniert. Das Meer hat mich in gewisser Weise adoptiert. Daraus hat sich eine besondere Beziehung entwickelt, die mich nie mehr losgelassen hat.
Die Menschen wollen immer mehr und mehr, eine Opulenz, die zu Zerstörung führt. Mich hat die Macht des Meeres beeindruckt und gleichzeitig seine Verletzlichkeit berührt. Das Meer ist ein lebendiger Organismus, der wie die gesamte Umwelt vom Menschen zerstört wird.
Früher war die Wüste Sahara ein Wald und jetzt ist Senegal dabei eine Wüste zu werden. Ein Soldat, der 1903 von Dakar nach St. Louis (ehemals koloniale Hauptstadt des Kautschukhandels) unterwegs war, hat Giraffen gesehen und Spuren von Elefanten, er musste Wälder durchqueren. Heute ist die Wüste in Louga angekommen und in weiteren 100 Jahren werden auch die Wälder der Casamance (fruchtbarste Region im Süden Senegals) so sein wie St. Louis. Ein Baum braucht lange um nachzuwachsen.
Aber wir leben in einer Gesellschaft, die die Wirtschaft über unsere Umwelt stellt. Geld ist Macht in Schweizer Banken, aber man kann es nicht essen. Man muss die Grenzen öffnen. Ich bin Senegalese, ich öffne mich für die Welt, um unseren Planeten zu retten.
Internationale Unternehmen beuten das Meer vor Westafrika aus. 500 spanische Industrieboote fischen soviel wie 20.000 Pirogenboote, dabei beschäftigen sie gerade mal 3.000 Personen. Mit ihren Fangmethoden zerstören sie das Meer. Die Multinationalen wollen nur Wachstum, aber Wachstum bis wohin? Die Ressourcenfrage wird der Konflikt von morgen.
Worin liegen die Herausforderungen Ihrer Arbeit?
Meine Arbeit bereitet mir viel Vergnügen trotz aller Einschränkungen durch Inkompetenz. Es gibt physische und intellektuelle Grenzen, aber die Arbeit macht soviel
Freude, dass ich das Gefühl habe, es gäbe keine Grenzen.
Man kann Materie solange in Geld verwandeln, bis die Materie zu Ende ist, dann ist alles aus. Das ist selbst in den Dörfern so: Einer will immer alles besitzen und das Dorf stirbt dann daran.
Bei den Wiederaufforstungsprojekten setzen wir auf Diskussion und Partizipation. Wir überzeugen die Bauern, dass jeder Baum, den sie pflanzen, dass ihnen jeder Baum, den sie pflanzen, ihr Land zurückgibt und die Versalzung der Böden eindämmt. Mittlerweile beteiligen sich hunderte von Dörfern in der Casamance an der Wiederaufforstung der Mangroven. Sie haben verstanden, dass der Rückgang der Fischbestände und die Versalzung der Reisfelder mit dem Rückgang der Baumbestände zu tun haben. Da ist es schon schwieriger die Reichen, mit ihren Zweitwohnsitzen am Meer, zu überzeugen.
Wie werden sie unterstützt und wie sehen die Libanesen Ihre Arbeit?
Ich habe viele Feinde in der Regierung und es gab auch schon Morddrohungen gegen mich. Aber die Öffentlichkeit bringt mir mehr und mehr Sympathie entgegen, das öffentliche Bewusstsein erwacht und wir bekommen immer mehr Unterstützung. Auch mit den Libanesen war es am Anfang sehr schwierig, sie haben das nicht verstanden. Die Libanesen sind geborene Händler; man wächst mit dem Handeln auf. Ich habe als kleiner Junge Bonbons vor dem Haus meines Vaters verkauft. Der Handel ist an und für sich auch nichts Schlechtes, schlecht ist nur die Unausgewogenheit, die Anhäufung.
Mittlerweile gibt es auch bei den Libanesen eine gewisse Anerkennung. Sie haben verstanden, dass Ihnen nicht soviel Sympathie entgegengebracht wird, wie jemandem, der mit der Gesellschaft teilt. Ökologie ist ein Ideal. Die Föderation ökologischer Parteien Westafrikas umfasst 2.000 Parteien. In Tambacounda (weit im Landesinneren
Senegals, Richtung Mali) gibt es zum Beispiel eine Bank für Mikrokredite. Man bekommt nur Kredit, wenn man sich dazu verpflichtet, die Umwelt zu schützen.
Wie sehen Sie die Entwicklung Senegals?
Senegal verändert sich, wie der Rest der Welt. Die Erde schickt uns eine Botschaft, es sind nur die Menschen, die unnötig Luft und Wasser verbrauchen. Wir benötigen ein erwachendes Bewusstsein, das die Bedeutung der Nachhaltigkeit und der Erhaltung unserer Umwelt erkennt.
Aus dem Französischen von Sabine Zhang.
Haïdar El-Ali ist Vorsitzender der NGO OCEANIUM und Präsident der Föderation der grünen und ökologischen Parteien Westafrikas.
OCEANIUM war ursprünglich eine Tauchschule. Haïdar El-Ali ist seit 1984 Direktor der Organisation. Bei seinen Tauchgängen entdeckt er die desaströsen Folgen der Umweltzerstörung, wie zum Beispiel durch den Fischfang mit Sprengstoffen. Oceanium verschreibt sich dem Schutz der Meere und in weiterer Folge dem Schutz der Mangroven. Die Organisation setzt auf Sensibilisierung und Information. Mehr als 10.000 Bauern beteiligen sich am Aufforstungsprogramm der Mangroven. Es wurden bereits mehr als zehn Millionen Bäume gepflanzt. Oceanium kämpft gegen Überfischung und für den Erhalt vom Aussterben bedrohter Arten.

