IM NAMEN DER UMWELT - ATOMKRAFT AUF DEM VORMARSCH
Nach einer Pause, in der der Neubau von Atomkraftwerken in Europa praktisch tabu und der Ausstieg aus der Kernenergie in vielen Ländern bereits beschlossene Sache war, hat sich die Situation wieder gewandelt. Der Klimawandel und damit verbunden die Forderung nach Reduktion der CO2-Emissionen sowie der weltweit steigende Energiebedarf haben den Neubau von Atommeilern wieder salonfähig gemacht.
Derzeit sind weltweit 436 Kernkraftreaktoren in Betrieb und 50 weitere befinden sich in Bau. Vor einem Jahr waren es 36. Fast wöchentlich kommen neue Begehrlichkeiten hinzu. Darunter auch aus Ländern wie der Türkei, Weißrussland, Armenien, Saudi Arabien, Ägypten, Vietnam, Ghana und nicht zu vergessen aus dem Iran.
Auch in Europa ist die Lust auf Atomstrom neu entflammt. Den Anfang machte Finnland, als es im Jahre 2002 den Bau eines neuen Supertyps von Reaktoren, den EPR (European Pressure Reactor), in Auftrag gab. Erst diesen August vermeldete Polen, das bislang wie Österreich zu den atomfreien Ländern zählte, den Bau von drei neuen Atomanlagen. Selbst Länder wie Italien und Schweden haben ihre jeweiligen Ausstiegsbeschlüsse rückgängig gemacht – und in Deutschland ist die Laufzeitverlängerung von überalterten und längst überfälligen „Schrottreaktoren“ Wahlkampfthema gewesen. Im vergangenen Jahr hat Tschechien den weiteren Ausbau des Kernkraftwerkes Temelin beschlossen – und vor Kurzem gab die slowakische Regierung die Wiederaufnahme des weiteren Ausbaus des KKW Mochovce bekannt.
Die Frage der Sicherheit
Obwohl die Kerntechnik seit einem halben Jahrhundert zur Energieerzeugung genutzt wird, konnten die grundlegenden Sicherheitsfragen noch immer nicht gelöst werden. Seit der Katastrophe von Tschernobyl hat sich zwar weltweit kein vergleichbar schwerer Unfall ereignet, doch die internationale Betriebserfahrung belegt, dass Anzahl und Schwere von Störungen nicht wesentlich rückläufig sind.
Ein grundlegendes Sicherheitsproblem eines Kernreaktors liegt darin, dass auch nach Abschaltung weiterhin enorme Wärmeenergie im Reaktorkern erzeugt wird. Um eine Kernschmelze zu verhindern, muss der Brennstoff deshalb ununterbrochen gekühlt werden. Die dazu benötigte Energie muss daher unabhängig und zuverlässig von außen zugeführt werden. Hierfür sind komplexe Sicherheitstechniken notwendig. Dass auch damit keine hundertprozentige Sicherheit erreichbar ist, belegen viele Beispiele von Beinahe-Katastrophen.
So kam es im Juli 2006 in der Nähe des schwedischen Kernkraftwerks Forsmark zu einem Kurzschluss im Stromnetz. Die automatischen Steuerungen reagierten fehlerhaft und trennten die Anlage erst mit zeitlicher Verzögerung vom Netz. Der Kurzschluss wirkte sich somit auch auf das Kernkraftwerk aus. Wegen verschiedener über längere Zeit unbemerkt gebliebener Fehler funktionierten die in diesem Fall notwendigen Umschaltungen nicht. Aufgrund der durch den Kurzschluss erzeugten Spannungsspitzen fielen jedoch auch zwei der vier vorhandenen Notstrom-Systeme aus. Nur durch Zufall waren die verbliebenen Notstromdiesel nicht vom Ausfall betroffen und konnten das System aufrecht erhalten.
Im Dezember 2001 kam es in der Anlage Brunsbüttel (Deutschland) zu ungewöhnlichen Signalen auf der Warte. Da man zur Klärung der Ursache der Reaktor abschalten und abfahren müssen hätte, begann der Betreiber erst zwei Monate später aufgrund eines Behördenbesuches mit der genaueren Untersuchung. Dabei stellte sich heraus, dass im Inneren des Sicherheitsbehälters ein Rohrleitungsteil in unmittelbarer Nähe des Reaktordruckbehälters durch eine Wasserstoffexplosion zerstört worden war.
Diese und andere der jährlich über hundert allein in Deutschland dokumentierten Zwischenfälle zeigen, dass neben den „objektiven” Gefahren wie Erdbeben, Flugzeugabsturz oder Terroranschlägen vor allem auch menschliches Versagen, Fehleinschätzungen sowie immer wieder nachgewiesene Verletzungen von Sicherheitsvorschriften unkalkulierbare Gefahrenpotentiale darstellen. Dazu kommt noch das Streben nach Gewinnmaximierung. Eine Laufzeitverlängerung des alten AKW Krümel in Deutschland würde den Betreibern laut einer Studie zusätzliche Gewinne von bis zu 200 Milliarden Euro bescheren. Nicht viel anders in Frankreich, einem der größten Player im internationalen Atomgeschäft, wo häufig schlecht ausgebildete „Wanderarbeiter” für hochspezielle Reparaturen und Revisionsarbeiten in den Kernkraftwerken eingesetzt werden.
Auch wenn die Befürworter immer wieder das Gegenteil beteuern: Die neue Generation von Reaktoren, die vermeintlich alle bestehenden Schwierigkeiten löst, gibt es noch nicht einmal auf dem Reißbrett.
Mochovce geringer versichert als 40 PKW
Der Neubau eines Kernkraftwerks ist extrem kostenintensiv und lässt sich unter marktwirtschaftlichen Bedingungen kaum finanzieren. Neue Kernkraftwerke entstehen daher derzeit nur dort, wo die Kapitalrisiken über staatliche Garantien abgesichert werden. Zusätzlich wird die Atomwirtschaft in den betreffenden Ländern noch immer staatlich subventioniert. So erhält die Kernenergie in Deutschland noch immer das Zweieinhalbfache mehr an Subventionen als die erneuerbaren Energien – ganz zu schweigen von den bereits erfolgten Zuwendungen in den vergangenen 50 Jahren.
Aber auch Österreich zahlt mit: Seit dem EU-Beitritt hat Österreich rund 500 Millionen für das EURATOM-Programm ausgegeben. Ein Programm, dessen vorrangiges Ziel es ist, die „Voraussetzungen für eine mächtige Kernindustrie in Europa” zu schaffen. Und wie so oft, wenn Großkonzerne und Lobbys mit im Spiel sind, werden nicht nur Kosten auf die Öffentlichkeit abgewälzt: Auch die Risiken verbleiben fast zur Gänze der öffentlichen Hand.
1992 wurde der mögliche volkswirtschaftliche Schaden eines gröberen Reaktorunfalls für ein dicht verbautes und industrialisiertes Gebiet auf ca. 5.500 Milliarden Euro geschätzt. Allein in Österreich wurden die Kosten für das Reaktorunglück in Tschernobyl mit 300 Millionen Euro beziffert. Da die Atomkraft meist unter besonderem Schutz der jeweiligen Regierungen steht, entsprechen die Versicherungssummen für Atomkraft nicht der freien Versicherungswirtschaft. Die immensen Schäden, die bei einem schweren Reaktorunfall auftreten können, sind daher meist nur zu einem Bruchteil gedeckt.
In Deutschland macht die so genannte Deckungsvorsorge nur etwa ein Tausendstel der möglichen Schadenssumme aus. Die für Mochovce vorgesehene Deckungssumme beträgt gar nur 75 Millionen Euro! Dies entspricht nicht einmal der Deckungsvorsorge von 40 Kfz-Haftpflichtversicherungen – und einem Hunderttausendstel der möglichen Schadenssumme.
Keine Endlagerstätten für Atommüll
Die deutschen Entsorgungsanlagen Asse und Gorleben machen die Problematik der Atommüll-Endlagerung deutlich. Trotz mehrfacher Beteuerungen, dass Atommüll über Jahrtausende hinweg sicher in Salzstöcken gelagert werden kann, zeigt sich nach weniger als 40 Jahren das Gegenteil. In der Versuchsanlage Asse ist seit mehreren Jahren radioaktive Lauge ausgetreten und diese zum Teil unsachgemäß in tiefere Schichten entsorgt worden. Zusätzlich wurde bekannt, dass die illegale Ablagerung von 126.000 Fässern radioaktiven Materials von den zuständigen Behörden gedeckt wurde. Im August 2009 wurden auch im Salzstollen Gorleben Wassereintritte bekannt. Wissenschaftliche Warnungen wurden von oberster politischer Stelle unterdrückt.
Mit dem Problem der Entsorgung seines Atommülls ist Deutschland nicht alleine: Kein Land der Welt verfügt bisher über eine Endlagerstätte. In den USA wird seit 1978 die Endlagerung im abgelegenen Yucca-Gebirge im Wüstenstaat Nevada geprüft. Doch das eigentlich schon beschlossene Projekt, das bisher rund zehn Milliarden Dollar verschlungen hat, musste nun gestoppt werden. Jetzt wird erneut geprüft, was mit dem auf über 120 Standorte im ganzen Land verteilten radioaktiven Müll gemacht werden soll.
Trotz hoher Akzeptanz der Kernkraft bei den Franzosen scheiterte die Endlagersuche dort bisher an den Protesten der Bevölkerung. In England wurde erst 2005 die Überlegung verworfen, den Müll eines Tages ins All zu schießen, im Meer zu versenken oder im Eis zu begraben. Seither sucht man auch dort ernsthaft nach einer geeigneten Endlagerstätte.
Finnland und Schweden sind in der Endlagerfrage vermutlich am weitesten. Noch in den 2020er Jahren sollen dort die hochradioaktiven Abfälle in jeweils 500 m tiefen Stollen für mehr als 100.000 Jahre verwahrt werden. Auch wenn Moskau ein Programm zur Modernisierung der Anlagen aufgelegt hat, entsprechen die Sicherheits- und Umweltstandards meist nicht heutigen Anforderungen. Dennoch hat das russische Parlament 2001 beschlossen, auch Atommüll aus dem Ausland anzunehmen: Nun prüft auch Moskau Standorte für den Bau einer modernen Lagerstätte.
Österreich – Insel der Seligen?
Selten herrscht in Österreich zu einem Thema ähnliche politische Eintracht wie zum Thema Atomstrom. Doch fast unbemerkt von der Öffentlichkeit hängt auch Österreich am Tropf der Atomwirtschaft.
So hat sich die österreichische Regierung die Option offen gehalten, radioaktiven Müll auch im Ausland zu entsorgen. Denn auch Österreich sitzt mittlerweile auf vorwiegend leicht-, aber auch mittelradioaktiv verstrahltem Abfall. 300 bis 500 Fässer fallen jährlich aus medizinischer Versorgung, Industrie und Forschung an und werden in einer besseren Lagerhalle in Seibersdorf oberirdisch „zwischengelagert”.
Gleichzeitig werden von unseren Stromanbietern die zukünftigen Hochverkehrsstraßen für den internationalen Atomstromhandel vorbereitet. Vor Kurzem wurde die Leistung der 380kV-Leitung in Richtung AKW Dukovani verdoppelt. Das Gleiche ist nun auch für die Leitung nach Ungarn geplant.
Nichtsdestotrotz: Auch die Atomkraft wird die Fragen der Zukunft nicht lösen – und die Fragen der Sicherheit betreffen nach wie vor uns alle. Wer mithelfen will, den Ausbau des AKW Mochovce zu verhindern, kann das mit Hilfe der Musterstellungnahmen auf der Homepage der Wiener Grünen (http://wien.gruene.at/umwelt/artikel/lesen/48201/) tun, mit einer der dafür vorgesehenen Postkarten der Gemeinde Wien. Alle Originalunterlagen liegen bei den jeweiligen Landesregierungen zur Einsicht auf oder stehen unter www.umweltbundesamt.at/uvpmochovce34 zum Download bereit.
Christian Kolesar ist Bezirksrat der Wiener Grünen und arbeitet beim Umweltbundesamt.
christian.kolesar(at)gruene.at
