In dieser undankbaren, verräterischen Welt
Kramen in der alten Familienerinnerungsschachtel, sammeln von damals versäumten Eindrücken und Erkenntnisse über würdiges Altern und einen wachen Weg durchs Leben. Sarajevo im Sommer 2009.
Ich gehe mit einer guten Freundin im Sommer 2009 durch die Altstadt in Sarajevo spazieren; sie ist das erste Mal in der Stadt; sie kennt die Geschichte des Balkan, trotzdem habe ich ein Bedürfnis ihr noch etwas zum Thema „blutige Kriege“, „wilder Boden“ ergänzend erzählen zu können. „ ... und dann sind sie in dieses Dorf ... aber die Weltgemeinschaft ... die Amerikaner, das angereicherte Plutonium, die Nato, die Rettung ... die Enttäuschung, die Monarchie damals, heute die Wirtschaft, der Nationalismus ...“
Nationalismus hallt nach. Würde ich seinen Geruch diesmal, egal wo ich lebe, rechtzeitig erkennen können?
Ein EU-Politiker hat mir mal erklärt: Nationalismus ist gleich Identität. Der Begriff Identität ist erst in den letzten 60 Jahren aus der Mathematik in die Politik übernommen worden. Man suchte nach dem Zweiten Weltkrieg nach einem neuen Namen für das Gefühl, das den Nationalismus beschreibt. Das Wort Nationalismus hat man ja nicht mehr nehmen dürfen. Und so kam die Identität in die Politik.
Das Wir-Gefühl!
Das Wir-Gefühl hat seine Wurzeln in den Tiefen der Zivilisation – von den Kreuzzügen bis zum Antisemitismus.
Menschen in der Gruppe erwarten hoffnungsvoll eine Erklärung, die lautet: Die Hölle, das sind die anderen.
Diesen Gedanken verstehen sie gut und in ihnen erwacht eine Energie. Sie akzeptieren jede Erklärung. Sie akzeptieren die Strategie, die Taktik, den Zeitpunkt, den
Grad der Grausamkeit, den man ihnen vorgibt und noch viel mehr als das.
In der Gruppe haben sie ein Alibi und den Führer, der verantwortlich ist.
Die Gruppe fängt an zu bluten, zu schmerzen, die Ernüchterung kommt und die Gruppe wird zu etwas anderem, die Spuren der Ideologie werden verwischt und am Ende sieht sich jeder als unschuldig.
In der psychologischen Forschung ist man zum Ergebnis gekommen, dass die schmerzhafteste Strafe für den Menschen der Ausschluss aus der Gemeinschaft darstellt. Was alles sind wir bereit zu tun, um dabeibleiben zu dürfen, was müsste in mir passieren, um diese Angst in einen Angriff umwandeln zu können?
Ich krame alles aus der alten Familienereignisschachtel; meine Freundin hört geduldig zu; ich hole mir fundierte, auf die Geschichte spezialisierte Menschen, die immer noch ein Detail zu einem der letzten zehn Kriege auf diesen Gebieten wissen, wir plaudern die Nächte durch, wir trinken Travarica (Kräuterschnaps) wie Wasser und am Ende des Gesprächs, wie lange es auch dauern mag, kommt das Schweigen. Ein, zwei Minuten schweigen wir so gemeinsam, jede schaut in ihr, schon wieder leeres Schnapsglas, trinkt den letzten Tropfen zweimal aus und dann: Was machen wir morgen, essen, natürlich, was sonst?
Ich fühle mich so, als müsste ich etwas besser wissen oder verstehen, nur weil ich von dort komme, weil ein Teil meiner Geschichte dem Horror entkommen durfte, müsste ich jetzt doch verstehen können, wie Horror funktioniert.
Aber ich sah diesen Horror nicht; er ist im freundlichsten Gewand zu uns gekommen,
mit bester Absicht und gut vorbereitet. Wie sollen unsere Antennen dieses gut gemeinte Auftreten als Gefahr identifizieren? Was sehe ich heute alles nicht, aber müsste es sehen um zu reagieren?
Vielleicht bedeutet zu sehen gleichzeitig auch zu bewerten und das kann ich sehr schwer, weil meine eigentliche Aufgabe als Filmemacherin ist frei zu beobachten.
Die Aufgabe der Erzähler: um sich schauen und nicht werten.
Die Zurückhaltung vor der Teilnahme, vor dem Eingreifen, fällt einem leichter, sonst könnte man ein Stückchen von diesem weichen Selbst verlieren und mit dem Verlust nicht umzugehen wissen.
Völlig entwurzelt, denke ich seit langer Zeit darüber nach, wie ich dieses Gefühl – abseits von jeder Wissenschaft und Genetik – erklären kann. Als ich das Zuhause verloren hatte und eine Ausländerin wurde, waren diese Wurzeln und die Fragmente der Erinnerung der einzige beständige Begleiter in diesem Wahnsinn, der mir begegnet ist.
Du bist eine Tabula rasa, eine Frau ohne Vergangenheit, seit 17 Jahren wirbeln diese Gedanken täglich in meinem Kopf herum. Aber ich habe Bilder und ein Leben davor, vor der großen Flut, die vieles auslöschte.
Noch immer bin ich überrascht, wenn das Davor auf das Danach trifft, wenn der Ort von Davor doch noch existiert oder wenn die Menschen von Davor in der Zeit Danach plötzlich auftauchen.
Ich trage das Davor in mir; ich konserviere und pflege es; ich sammle neue Informationen über die Eindrücke, die ich damals versäumt habe; ich stelle es immer von Neuem zusammen, weil ich die Wahl haben möchte, wann mein Erlebtes zur Vergangenheit erklärt wird.
Ich sehe meine Eltern, die mit 50 Jahren diesen großen Schritt gegangen sind; heute sind sie fast 70 und philosophieren mit mir über das Leben und das Alter; sie wollen mir berichten, wie es ist zu altern, damit ich wenn es so weit ist, ein bisschen vorbereitet bin; sie sagen immer: Wachheit hat sie am Leben erhalten.
Sei wach!
Die meisten Menschen leben unter dem nebulösen Vorurteil, dass mit dem Eintritt ins dritte Lebensalter der Mensch der Regel nach, an Qualität verliert, dass an dem Ort an dem einst Dornen gewachsen sind, heute nur ein süßliches, weiches Gewächs gedeiht – gemüseartig und ohne Geschmack.
Versöhnung mit den jungen Generationen, Toleranz gegenüber dem anderen Geschlecht, defensive Kommunikation, Demut am Bankschalter, der Pazifismus als Flagge, Relativierung und Verharmlosung der dramatischen historischen Akzente, unbegrenzte Fähigkeit Kompromisse zu schließen und ähnliche Instrumente helfen dem schwachen Körper und dem aufgeweichtem Geist, den Anschein der Würde zu bewahren und sich in Ruhe auf den Weg der 10.000 Meilen hoch 10.000 Meilen vorzubereiten.
Dieses Szenario ist unausweichlich, falls dieses zarte Wesen bis zum Antritt des Alters widerstandslos, ängstlich, oberflächlich, egoistisch oder ähnliches war.
Falls jedoch, in einem Augenblick der eigenen Entwicklung, dieses Wesen eine bestimmte Linie, die kritische Masse der Genauigkeit sich selbst und der Welt gegenüber erreicht – dieses hohe Kriterium wird dann zum Maß aller Dinge, für immer und der Mensch hört auf zu altern, sozusagen, wie eine Violine der alten Meister aus Cremona.
Selbst wenn sie ruht, liegt in der Violine ihr ganzer Zauber, der Gesang, die Koloratur,
die Einmaligkeit, das Geheimnisvolle – für die einen Gegenstand der Sehnsucht, für die anderen Gegenstand der Gier.
Unabhängig davon, wie einfach diese Erkenntnis klingt, sind es wenige, die sie anwenden, weil natürlich der Kampf an zwei Fronten allzu schwierig ist. Im Laufe des Lebens entscheiden sich manche Menschen für das „leichtere, schönere“ Leben, indem sie all ihre Ambitionen in Richtung gesellschaftliche Erfolge auf ein Minimum reduzieren.
Sie glauben, oft mit einem Gefühl der Überlegenheit, dass sie auf diese Weise ein inneres Gleichgewicht erreicht haben und sich somit ihre Unabhängigkeit gesichert haben.
Es ist sicher möglich das innere Gleichgewicht zu erreichen, aber das ist noch keine Garantie, dass die Unruhe nicht von außen kommt. Und plötzlich wird man als Dichter des „angenehmen“ Lebens überrascht, und weil man nicht kompetent genug ist, die Unruhe von außen zu lösen und somit das einzige was man hatte verlieren – diese kostbare innere Ruhe.
Obwohl er eine solide Bilanz hat, gibt sich der Dichter auf und ordnet sich der höheren Macht unter.
Die komplett entgegen gesetzte Option wählen die, die entschlossen sind, jede mögliche Anstrengung zu investieren, um es im Leben zu „schaffen.“ Sie sind bereit, ihre ganze Kraft zu verlieren in der Hoffnung, dass sich diese Investition in Zukunft auszahlen wird.
Der Bodybuilder trainiert rasend mit den Gewichten, der Dirigent mit dem Stab, der Fußballer mit dem Ball. Die Schwäche dieser Art der Versuche charakterisiert die Tatsache, dass der fleißige Kämpfer in der anderen Richtung nicht widerstandsfähig ist, wenn Angriffe von weit weg auf ihn zukommen.
Die Falange – die faschistische Bewegung, auch Schlachtreihe – kommt immer, wenn
wir am wenigsten für den Kampf bereit sind: Eigentlich ist die Falange immer hier, in der Nähe.
Also, die Investition richtet sich immer gegen den Kämpfer; seine Bilanz wird negativ; er stimmt dem Joch zu, bedingungslos und wird zum Knecht ...
Was soll ich dann, in dieser undankbaren, verräterischen Welt machen? Training: Wach sein, in jeder Sekunde des Lebens. Sich selbst nach außen hin und nach innen trainieren; mit allen Tabuthemen, mit denen man an der Leine gehalten wird, aufräumen.
Wem es selbst nur einmal gelingt sich über die inneren und äußeren Tabus empor zu heben, wird keine Revolution mehr notwendig haben, sondern wird selbst zur Revolution werden. Dann wird man gegen Ideen kämpfen und nicht gegen Schachfiguren, nicht einmal gegen die Spieler, die einem gegenüber sitzen.
Nie die Gewalt nutzen, sondern den Geist; nie für eine Sache kämpfen, sondern nur für den anderen Menschen.
Ich gehe mit meiner Freundin im Sommer 2009 durch die Altstadt von Sarajevo spazieren; es ist schon unser zweiter Spaziergang; selbstsicher geht sie in hohen Absätzen auf dem alten Steinpflasterboden; ich bewundere sie. Ich gehe in flachen Schuhen; nie habe ich auf diesem Boden mit hohen Absätzen gehen können.
Die Regisseurin Nina Kusturica hat auch den Film little alien produziert. (Siehe Filmtipp und Termine)

