NEUGIERDE UND WISSENSDURST
Gibt es Bereiche, in denen die Bundespolitik von Vorarlberg lernen kann?
In Vorarlberg herrscht eine gewisse gesellschaftliche Offenheit gegenüber Veränderungen, die sicherlich auch dem Bund gut tun würde. Es gibt die grundsätzliche Bereitschaft, im Sinne einer pragmatischen Lösung auch mal einen unorthodoxen Weg zu gehen. Auch die Motivation zur inhaltlichen Auseinandersetzung empfinde ich in Vorarlberg stärker als in der Bundespolitik. In Wien werden Vorschläge von vornherein
abgelehnt, nur weil sie von den Grünen kommen und egal wie sinnvoll sie in der Umsetzung wären.
Welche Themen aus Vorarlberg willst Du von Wien aus voranbringen?
Das sind natürlich vor allem die bekannten Bildungsthemen: gemeinsame Schule der 6- bis 14-Jährigen, ganztägige Schulformen, etc. Es gibt aber auch andere Themen: Die Vorarlberger Grünen fordern bereits seit einiger Zeit den Bau einer Ringstraßenbahn im unteren Rheintal, um die dramatische Verkehrssituation zu entschärfen. Ein solches Konzept kann man auch im Verkehrsausschuss des Nationalrats aufs Tapet bringen, schließlich wird ja auch der öffentliche Verkehr in Wien vom Bund subventioniert.
Wie stehst Du als Bildungssprecher zum Modell der Vorarlberger Mittelschule?
Die gemeinsame Schule der 10- bis 14-Jährigen in Vorarlberg hat laut den getroffenen gesetzlichen Bestimmungen ganz eindeutig zum Ziel, die Entscheidung über die weitere Schullaufbahn bis zur achten Schulstufe hinauszuzögern. Das kann aber nicht gelingen,
weil parallel dazu andere Schultypen weiterhin bestehen. Wenn ich dieses Ziel also wirklich erreichen wollte, müsste ich dafür die gesamte SchülerInnenpopulation einbinden.
Warum ist dies nicht passiert?
So fortschrittlich Vorarlberg in manchen Belangen auch ist, in der Schulpolitik setzen sich leider die alten konservativen StandespolitikerInnen durch und heraus kommt dann eben eine wenig zukunftweisende Klientelpolitik.
Welchem Thema willst Du Dich in der laufenden Legislaturperiode besonders widmen?
Eine grundlegende Schulreform, deren Kernelement die gemeinsame Mittelschule für die 10- bis 14-Jährigen ist. Die Einführung einer solchen ohne die entsprechenden pädagogischen Begleitmaßnahmen würde ich jedoch nicht als besonders sinnvoll erachten. Daher müssen wir auch das, was in den Klassenzimmern passiert, verändern. Darunter stelle ich mir eine Hinwendung zum „Forschenden Lernen“ und eine Abkehr von der typisch österreichischen Fehlerkultur vor. Wir müssen endlich begreifen, dass es nicht darum geht, den Kindern bei Tests und Schularbeiten Punkte abzuziehen, sondern die Neugierde und den Wissensdurst der Kinder zu wecken. Unser bisheriges System funktioniert da leider vollkommen falsch.
Konntest Du in dieser Hinsicht während Deiner Zeit als Schuldirektor etwas verändern?
Ich habe an meiner Schule versucht, Formen der individuellen Förderung einzuführen, zum Beispiel bei hochbegabten Kindern, die aufgrund fehlender Herausforderungen oft verhaltensauffällig waren. Ich hatte einen Schüler, dem die Mathematik-Stunden zu langweilig waren, weil sie aufgrund seiner Begabung für ihn keine Herausforderung darstellten. Dieser Schüler hat fortan während der regulären Stunde ein Mathematik-Quiz aufbereitet, das er regelmäßig auf die Website gestellt hat. Für den Schüler war das eine adäquate Aufgabe und die MitschülerInnen und der Lehrer profitierten, weil der Unterricht ungestörter abgehalten und um das Zusatzangebot auf der Website ergänzt werden konnte.
War es Dein erklärtes Ziel, irgendwann im Nationalrat Politik zu machen?
Nein, so was lässt sich nicht planen. Ich war vor meiner Zeit im Nationalrat unter anderem Kolumnist bei der größten Vorarlberger Tageszeitung und auch das war bereits eine gewisse politische Funktion. Aber der Nationalrat hat mich natürlich schon gereizt, zumal ich viel Fachkenntnis für meine Funktion mitbringe. Auch der Vorarlberger Landtagswahlkampf wurde von Provokationen der FPÖ überschattet.
Wie soll man mit solchen Ausfällen als Grüne Partei umgehen, schließlich zielt diese Vorgehensweise der FPÖ ja auf mediale Öffentlichkeit ab?
Natürlich ist es die Strategie der Rechtsextremen, Aufmerksamkeit zu gewinnen. Unser Protest und der entstehende Wirbel sind somit beabsichtigt. Da SPÖ und vor allem ÖVP im Kampf gegen Rechts aber kein Bollwerk sind, sondern eher einem Wackelpudding gleichen, sind wir die einzige politische Kraft, die sich klar und ohne Wenn und Aber positioniert. Das hat sich in der Auseinandersetzung mit Martin Graf gezeigt, das zeigt sich immer wieder bei Diskussionen im Parlament. Wir müssen diese Auseinandersetzung daher offensiv führen, ansonsten treibt unsere Republik immer weiter nach Rechts.
Wie schafft man es in der Fußballmannschaft des Nationalrats gemeinsam mit Politikern zu spielen, von denen man politisch Lichtjahre entfernt ist?
Seit ich als kleiner Bub laufen gelernt habe, bin ich vom Fußball besessen. Ich habe in vielen sehr unterschiedlichen Mannschaften gespielt. Gemeinsam mit Martin Graf und Heinz-Christian Strache in einem Team zu stehen, ist bislang allerdings wirklich
die größte Herausforderung an meinen Teamgeist.
Zur Person:
Der begeisterte Hobby-Fußballer (zu mehr hat es laut eigener Aussage nicht gereicht) Harald Walser war vor seiner Zeit im Nationalrat Lehrer und Direktor an einem Gymnasium in Feldkirch sowie Kolumnist bei den Vorarlberger Nachrichten.

