Vor Ort
Wer Kinder hat, landet irgendwann im Spital. Nicht wegen zerrütteter Nerven oder grassierenden Lausbefalls sind die Kinderstationen voll mit Erwachsenen, sondern weil diese als Eltern „mit aufgenommen“ sind. Bei Kindern unter drei ist der Elternaufenthalt sogar gratis und als Recht des Kindes in einer eigenen Charta verbürgt. Und das ist gut so. Die Horrorgeschichten von brüllenden Kleinkindern, die nach der Besuchszeit wieder ins Krankenbett gezerrt werden, gehören der Vergangenheit an. Heute steht in der Säuglingsstation, auf der ich fünf Tage verbringe, ganz selbstverständlich neben jedem Gitterbett ein Sofa, blau, ausziehbar, abwaschbar. Es gibt kollektive Eltern-Waschräume und eine Teeküche, in der auch gefrühstückt wird. Überall hängen dreisprachige Anleitungen, wie und wann wir unsere Hände und die Milchflaschen der Kinder desinfizieren sollen.
Anfangs tappe ich ein wenig unbeholfen herum. Auf dem Weg zum Speisesaal verlaufe ich mich. Am Flascherl-Desinfektionsgerät scheitere ich. Außerdem reagiere ich hysterisch auf jeden Piepser vom Monitor. Doch ich lerne. Beim zweiten Mal finde ich bereits anstandslos zum Mittagessen, kapiere nach Einschulung, wie dieses Vaporisator-Ding funktioniert. Vor allem aber verliere ich den Respekt vor dem Monitor, der mich laufend mit dem beginnenden Herzstillstand meines fröhlich glucksenden Kindes foppt. Es befriedigt mich zutiefst, dass am dritten Tag auch die Krankenschwester fluchend an den Kabeln zerrt, um den Alarmismus des Geräts zu stoppen. Am vierten Tag ist der Techniker da, ein Doktor anderer Art. Wie auf allen Doktoren ruht auch auf ihm viel Hoffnung.Wie alle anderen kann auch er keine Wunder wirken. Es fiept und piept weiter ohne Grund, diesmal aber bei den anderen, denn mein Kind darf tagsüber schon unverkabelt sein.
Raus auf den Gang darf ich mit ihm allerdings trotzdem nicht – Tauschhandel mit Viren und Bakterien ist unerwünscht. Elternausgang zur Dusche oder zum Speisesaal gibt es somit de facto nur, wenn das Kind gerade schläft oder jemand zur Ablöse kommt. Klug ist da das Angebot der sogenannten „gelben Tanten“. Das sind ehrenamtlich arbeitende
ältere Frauen, die zur Verfügung stehen, um für kurze Zeit die Betreuung des Kindes zu übernehmen. Das wird gleich ausprobiert. Noch vor der Hochkonjunktur zur Mittagszeit kralle ich mir eine gelbe Tante zum Luftschnappen, raus auf einen Kaffee, auf einen Schluck Sommermorgen. Nach den ersten Minuten, in denen die Welt da draußen grell und sehr fremd scheint, beginnt der Ausgang gut zu tun. Wenn ich in Pension bin, werde ich gelbe Tante, verspreche ich, bevor sich die Tür mit den kleinen bunten Bildern wieder hinter mir schließt. (mk)
