NIGHTINGALE’S NACHFOLGERINNEN
„Natürlich gibt es ein politisches Bewusstsein, aber Pflegekräfte sind halt von jeher eine relativ unpolitische Berufsgruppe“, meint Ursula Frohner, Präsidentin des Österreichischen Gesundheits- und Krankenpflegeverbandes (ÖGKV). Die Ursprünge der Krankenpflege als karitativ geprägter Frauenberuf – Florence Nightingale gilt als die Begründerin der modernen Krankenpflege – wirkten sich, so Frohner, bis heute auf das Berufsbild und vielfach auch auf das berufliche Selbstverständnis aus. Gewerkschafter Karl Preterebner sieht das ganz anders: „Pflegekräfte sind berufspolitisch engagiert wie jede andere Berufsgruppe auch.“ Die von ihm geleitete ARGE Fachgruppenvereinigung für Gesundheitsberufe (FGV) koordiniert engagierte Pflegekräfte aus vier Gewerkschaften.
Keine gemeinsame Vertretung
Allerdings konzediert auch er: „Es ist halt schon ein sehr leidensfähiger Berufsstand“. Um die vielen offenen Stellen zu besetzen, so Preterebner, müsste man zunächst die Arbeitsbedingungen verbessern, um die Leute im Beruf zu halten. „Es gibt möglicherweise gar nicht zu wenig qualifizierte Leute“, so seine Hypothese, „sie müssten halt in ihrem Beruf arbeiten“. Aber eher verlassen Pflegekräfte offenbar das Berufsfeld, als sich lautstark bemerkbar zu machen.
Und dann ist da noch ein strukturelles Problem – oder ist es gar kein Problem? Jedenfalls existiert in Österreich keine einheitliche Vertretung des Berufsstandes. Obwohl zwischen 120.000 und 140.000 Menschen in Pflegeberufen beschäftigt sind, gibt es keine berufsspezifische Gewerkschaft oder gar eine „Pflegekammer“.
Nur wenige Pflegekräfte arbeiten freiberuflich, somit sind fast alle Mitglieder der Kammer für Arbeiter und Angestellte. Dort vertritt ein Fachausschuss ihre berufsspezifischen Anliegen. Welche Gewerkschaft ihren Lohn gemeinsam mit der AK ausverhandelt, das richtet sich nach dem Dienstgeber. Dadurch werden sie von den Gewerkschaften der öffentlich Bediensteten, der Gemeindebediensteten, der Privatangestellten und der Gewerkschaft vida für soziale, persönliche und Gesundheitsberufe vertreten.
Ganz schön viele, die da mitreden wollen, wenn wieder einmal „Pflege“ die Titelseiten schmückt.
Vielfältiger Beruf
Die beteiligten Gruppen können mit dem vielfältigen Nebeneinander bis dato ganz gut leben. Die Idee einer eigenen Pflegegewerkschaft wie in Deutschland zieht im ÖGB nicht wirklich. Diskutiert werde darüber schon immer wieder, so Johann Hable, Vertreter der Gesundheits- und Sozialberufe innerhalb der Gewerkschaft der öffentlich Bediensteten, „bisher aber mit dem Ergebnis, dass wir keine berufsspezifischen Machtinsignien brauchen. Gemeinsam sind wir stärker.“ Seitens der Berufsverbände ist das derzeitige Nebeneinander ebenfalls die einzig realistische Lösung. Für eine sinnvolle einheitliche Vertretung, so Frohner, bräuchte es einen „wirklich großen Wurf“ und viel politischen Willen.
Angesichts dieser komplizierten Vertretungsstruktur drängt sich die Frage auf, was davon die Vertretenen überhaupt mitbekommen und wieweit sich deren Anliegen mit denen der vielen AkteurInnen decken. Zur Probe aufs Exempel dient ein Interview mit einem Krankenpfleger.
Christof, seit sechs Jahren Pfleger im Intensivbereich, ist mit der Entwicklung des Berufs in den letzten Jahren im Großen und Ganzen zufrieden: vor allem, weil die Arbeitszeitmodelle enorm verbessert wurden. War früher die 48-Stunden Woche die Norm, ist es heute in fast allen Häusern möglich, Teilzeit zu arbeiten. Gut findet er auch die Entwicklungsmöglichkeiten, hierarchisch wie auch fachlich. Ein weiterer Pluspunkt: Interkulturalität ist in der Pflege selbstverständlich geworden, mittlerweile auf allen Hierarchiestufen. Das System, so Christof, würde ohne MigrantInnen zusammenbrechen.
Der Job also passt – nicht aber das Bild, das sich andere davon machen: „Der Beruf ist vielfältiger und anspruchvoller als das, was den meisten Leuten dazu einfällt. Viele denken da nur ans Waschen und Hintern auswischen.“
Definitionsmacht der ÄrztInnen
Die Abwertung der Pflege kommt aus seiner Sicht nicht von ungefähr. Sie wurzelt in der österreichischen Neigung zur Anbetung des Doktortitels und in der Stärke der österreichischen ÄrztInnenschaft. „Die setzen sich durch. Es ist symptomatisch: zum Beispiel der Pflegeombudsmann, egal, ob das jetzt gut oder schlecht ist, ist ein Arzt.“ Eine Tatsache, die auch unseren InterviewpartnerInnen aus Gewerkschaft und Berufsverband sauer aufstößt.
Ein ähnliches Reizthema ist die Pflegegeldeinstufung, die ebenfalls von ÄrztInnen vorgenommen werden muss. Ein Arzt oder eine Ärztin, so Interessenvertreter wie Krankenpfleger unisono, kennt den tatsächlichen Zeitaufwand für verschiedene Pflegetätigkeiten nicht. Warum sollten sie darüber entscheiden? Und warum, fragt Christof weiter, mussten sich Beschäftigte in der Wiener Hauskrankenpflege jahrelang mit Parkscheinen und Strafzetteln herumschlagen, während die DoktorInnen mit „Arzt im Dienst“-Schildern seit eh und je aus dem Schneider sind?
Für Christof geht es um die Aufwertung der Pflege. Und dieser Punkt steht auch auf der Agenda der von uns befragten InteressenvertreterInnen: ein erster Schritt ist die jüngst erfolgte Ansiedlung der Ausbildung an der Fachhochschule. Aus dem Schatten der ÄrztInnen, werden die Pflegekräfte deshalb noch lange nicht treten, so Christof, aber es sei ein Schritt in die richtige Richtung. Die ewige Ungleichheit gegenüber der Ärzteschaft – gibt’s vielleicht doch eine strukturelle Lösung? Wie wäre es mit einer Pflegekammer?
Nochmals nachgefragt bei Karl Preterebner von der gewerkschaftlichen Gesundheitsplattform: „Das wäre wieder ungleich. Das ist keine strukturelle Frage. Denn den Gott in Weiß wird es immer geben.“ Da spricht wohl ein Realist.
Teilchen
BUCH
Andreas Huber (Hrsg.): Neues Wohnen in der zweiten Lebenshälfte. Edition WOHNEN 2, herausgegeben vom ETH Wohnforum, Departement Architektur, ETH Zürich. Neue Wohnformen für die zweite Lebenshälfte betrachten namhafte AutorInnen. Darüber hinaus werden realisierte Projekte in der Schweiz und Deutschland vorgestellt und auf ihre Praxistauglichkeit hin analysiert.
2008. Birkhäuser. 224 S, € 29.90
WIE WOHNE ICH?
Wichtiger Teil der kürzlich im Architekturzentrum Wien gezeigten Ausstellung „Ich wohne bis ich 100 bin“ ist ein von der ETH-Zürich entwickelter „Wohntest“, mit dem man spielerisch testen kann, welche Wohnform für einen im Alter die geeignetste ist.
www.neueswohnen50plus.ch/
KRANKHEIT/GESUNDHEIT
Widerspruch. Beiträge zu sozialistischer Politik hat das Heft 56/2009 gänzlich dem Thema Gesundheitssystem gewidmet. Von der Zweiklassen-Medizin, über Arbeitsmarktintegration, bis hin zur Invalidenversicherung und zur Geschlechterfrage wird das Thema von verschiedensten Seiten gezeigt – dabei geht die Berichterstattung weit über Deutschland hinaus.
Das Heft ist um € 16,– im Buchhandel erhältlich.

