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Einst ein verkanntes, dann ein revolutionäres, heute ein wieder aktuelles Buch: Die sogenannte Marienthal-Studie. Hinter dem bekannten Namen verbirgt sich die sozialwissenschaftliche Arbeit rund um das Team Paul Felix Lazarsfeld, Lotte Schenk-Danzinger u.a. sowie Marie Jahoda, deren Namen heute vor allem mit dem Werk verbunden wird. Durchgeführt wurde die Studie 1931 von einem 17-köpfigen Projektteam, gemeinsam mit (nicht an) den ProtagonistInnen der Farbik und ArbeiterInnenkolonie Marienthal. Arbeitslosigkeit war das Thema, auch: Menschen, die arbeitsmäßig keine Hoffnung, ja, noch nicht einmal die Aussicht auf Hoffnung haben. Die ProjektmitarbeiterInnen hatten die Aufgabe, im Ort (Gramatneusiedl und Reisenberg) auch am Alltag der ArbeiterInnen und Arbeitslosen teilzunehmen um nachzuvollziehen, wie dieser wirklich aussah. Diese Annäherung an die Betroffenen wurde auch in der Interpretation der Daten durchgehalten. Denn was das Buch zur Studie heute noch so interessant macht, ist nicht nur das Thema „Arbeitslosigkeit“ sondern die Art der Erzählung derselben. Kein wissenschaftlicher Text, der auf Statistiken verweist, sondern Lebensbeschreibungen. In einem Großteil aller aktuellen Analysen zu Finanz- und Wirtschaftskrise gerät dieser Aspekt in Vergessenheit. Dass sich für viele Menschen die wirtschaftliche Katastrophe erst zeigen, für andere vertiefen wird, tut den aktuellen Jubelmeldungen wenig. Wie sagte Veronica Kaup-Hasler, die Intendantin des steirischen herbstes, in ihrer Eröffnungsrede am 24. September in Graz: „Es ist vieles gleich und gültig.“ Vielleicht wäre es nützlich, das kleine Büchlein allen in der Wirtschaft Tätigen als Pflichtlektüre zu geben.
Marie Jahoda, Paul F. Lazarsfeld, Hans Zeisel (Hg.): Die Arbeitslosen von Marienthal. Ein soziographischer Versuch über die Wirkungen langandauernder Arbeitslosigkeit. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1975, 160 S, € 18,30
