DIE VERFLIXTEN 80 PROZENT

Foto: Daniel Hausknost

 

 

 

 

 

 

 

 

Das verheerende Versagen der österreichischen Klimapolitik hat das Thema hierzulande wieder auf die Titelseiten gebracht. Die langfristige Sicherung der Bewohnbarkeit unseres Planeten ist aber ein globales Problem, das von 7. bis 18. Dezember auf der UN-Klimakonfernz auch global verhandelt wird.

 

planet: Beginnen wir gleich mit Weltklimapolitik: Was erwarten Sie sich vom Klimagipfel in Kopenhagen?

Andrew Dobson: Bis vor kurzem war ich noch optimistisch, dass Kopenhagen einen echten Fortschritt bringen würde, aber je näher die Konferenz rückt, desto mehr schwindet meine Hoffnung. Die Verhandlungen sind meilenweit von einem Durchbruch entfernt und viele Staaten scheinen kein ernsthaftes Interesse an einem solchen zu haben. Es heißt nun, man strebe kein „rechtlich verbindliches“ Ergebnis mehr an sondern bloß ein „politisch verbindliches“. Wie aber soll politische Verbindlichkeit ohne rechtliche gewährleistet werden? Das alles ist sehr besorgniserregend. Warum scheint es so schwierig mit einer effektiven Klimapolitik Ernst zu machen? Auf der Ebene internationaler Beziehungen ist die Antwort sehr altmodisch und einfach: Nationale Eigeninteressen stehen nach wie vor höher als das globale Interesse an Klimaschutz. Obwohl klar ist, dass effektiver Klimaschutz langfristig auch im nationalen Interesse aller Staaten sein muss, ist dieses Argument kurzfristig schwer unterzubringen. Regierungen müssten ihren Bevölkerungen erklären, dass effektiver Klimaschutz auch Einschränkungen und Opfer bedeutet, und es ist für jede Regierung extrem schwierig, dem Wahlvolk etwas anderes als weitere Wohlstandsgewinne zu verkaufen. Das ist eine altmodische Antwort, aber ich glaube, sie trifft nach wie vor zu.

Sie haben viel über das Prinzip der BürgerInnenschaft [citizenship, Anm.] und seinen Bezug zur Umwelt geschrieben. Gibt es hier Ebenen, auf denen die Fronten weniger festgefahren sind?

Nun, hier nähern wir uns vom entgegen gesetzten Ende: Es geht zunächst um das handelnde Individuum und nicht um den Staat. Auf dieser Ebene können ein paar schnelle Erfolge erzielt werden. Aber auch die individuelle Ebene ist engen Grenzen des Handelns unterworfen. Ein Versuch hat kürzlich ergeben, dass es für eine durchschnittliche britische Familie selbst unter strengster Disziplin und bei bestem Willen nicht möglich ist, mehr als 20 Prozent CO2 einzusparen. Die restlichen 80 Prozent sind ein strukturelles Problem, auf das das Individuum keinen Zugriff hat. Hier geht es um radikale Veränderungen, die von Individuen nicht geleistet werden können, sondern für die Regierungshandeln nötig ist. An diesem Punkt stoßen wir natürlich auf das nächste Problem: Wie bringe ich eine Regierung dazu, solch radikalen Wandel zu betreiben? Dabei spielt der Begriff der „politischen Kultur“ eine wichtige Rolle. Liberal-kapitalistische Gesellschaften wie die Großbritanniens haben traditionell wenig Vertrauen in Staatshandeln. Eher kollektivistisch geprägte Gesellschaften wie wir sie etwa in Skandinavien finden, gewähren ihren Regierungen hingegen etwas mehr Spielraum.

In ihrem Buch „Green Political Thought“ haben Sie „Ökologismus“ als eine eigenständige politische Ideologie definiert und gegenüber „seichteren“ Varianten eines eher technisch orientierten Umweltschutzgedankens abgegrenzt. Wieso ist die „grüne Ideologie“ in Zeiten des Klimawandels nicht erfolgreicher?

(lacht) Gute Frage! Ich glaube, es gibt dafür mindestens zwei Gründe: Einer hat damit zu tun, dass Teile der grünen Ideologie und der grünen Sprache in die Politik und die Sprache des Mainstreams integriert wurden. Die Umweltbewegung wusste zunächst nicht, wie sie mit diesem überraschenden Erfolg umgehen sollte und hat sich vielleicht zu stark auf diese neue Agenda des Mainstreams eingelassen und diese als ihre eigene anerkannt. Der zweite Grund ist vielleicht der, dass die „ideologische“ Antwort der Umweltbewegung auf die Umweltkrise für die meisten Menschen recht abschreckend ist, denn da geht es genau um jene 80 Prozent struktureller Emissionen, von denen wir vorher sprachen, und nicht um die 20 Prozent, die relativ leicht zu reduzieren sind.

Der Wandel, den die grüne Ideologie fordert, ist radikal. Wenn Grüne ihre eigene Ideologie daher ernst nehmen, fordern sie den Menschen eine enorme Bereitschaft zum Wandel ab. Dies gilt, obwohl die grüne Ideologie eine höhere Lebensqualität und ein sinnerfülltes Leben für alle verspricht. Dieser Aspekt wird jedoch häufig zu wenig kommuniziert. Die Sprache der Grünen ist häufig zunächst auf Opfer und Einschränkung fokussiert und betont zu wenig die Vorteile, die ein radikaler Wandel unserer Gesellschaft bringen würde. Das Bild einer gesellschaftlichen Alternative bleibt schemenhaft.

Ich sehe allerdings eine gewisse Tendenz, zumindest in der Ökoszene Großbritanniens, sich dieser Fragen wieder verstärkt zuzuwenden. Es wird wieder offen darüber diskutiert, ob der Kapitalismus reformierbar ist oder nicht, was die Frage nach konkreten Alternativen in den Vordergrund rückt. Wenn allerdings das Ergebnis ist, dass Kapitalismus nicht reformierbar ist, dann ist das eine Botschaft, die für viele Menschen schwer zu schlucken ist – und mit ein Grund, warum die grüne Ideologie bei der breiten Masse der Menschen nicht erfolgreicher ist.

Zum Abschluss: Worin besteht Ihre größte Hoffnung für die Umweltbewegung?

Hm, das mag vielleicht furchtbar engstirnig klingen, aber meine größte Hoffnung derzeit ist, dass die Grünen in Großbritannien einen Parlamentssitz bei den nächsten allgemeinen Wahlen ergattern können. Es ist wohlbekannt, dass es in Großbritannien [aufgrund des dort geltenden Mehrheitswahlrechts, Anm.] noch nie ein grünes Parlamentsmitglied gab. Obwohl das vielleicht ein zu bescheidener Wunsch ist, hoffe ich, dass sich das bei den Wahlen im Mai 2010 ändern wird. Im Wahlbezirk Brighton scheint ein grüner Wahlsieg zum Greifen nahe. Ich glaube, dass eine grüne Abgeordnete im Unterhaus einen überproportionalen Einfluss auf den politischen Diskurs hätte und dass sie enorme Beachtung in der britischen Medienöffentlichkeit fände.

 

Zur Person:
Andrew Dobson (Jg. 1957) ist Professor für politische Theorie an der Keele University in Großbritannien. Dobson promovierte in Oxford über Sartre und schrieb ein Buch über Manuel Ortega-y-Gasset, bevor er sich der Umweltpolitik zuwandte. Mit seinem wohl einflussreichsten Buch, Green Political Thought (1990) half er mit, das Feld der grünen politischen Theorie zu etablieren. Im Buch Justice and the Environment (1998) kontextualisierte er den Nachhaltigkeitsbegriff im Feld der globalen Gerechtigkeit, während er in Citizenship and the Environment (2003) ein grünes Modell von BürgerInnenschaft entwickelte. Dobson kandidiert regelmäßig für die britischen Grünen auf lokaler und regionaler Ebene.