UNSERE ÄSTE WERDEN DIE SONNE BERÜHREN

Foto: Joel Carillet

Foto: Joel Carillet

 














Der Kampf der Menschen im Iran um Demokratisierung und für faire Wahlen wurde zuletzt in den medialen Hintergrund gedrängt. Die Karawane der Aufmerksamkeitsgesellschaft zieht weiter. Aber der Kampf ist nicht zu Ende und die Hoffnung lebt. Ein Blick aus dem Inneren der grünen Bewegung.

Fast fünf Monate ist es her und ich kann nicht vergessen, wie sich das Tränengas anfühlte. Geweint hatte ich bereits vorher, als ich sah, was ich mir nie vorstellen hätte können. Nun aber konnte ich auch nicht mehr atmen. In meiner Heimat für ganz selbstverständliche Rechte aufzustehen, Hand in Hand mit all den anderen, wurde als „Böses“ abgetan, zumindest nannte es der oberste Führer, Khamenei, so. Wir begannen mit leisen Protesten und Demonstrationen.

Wir begannen friedfertig – und wir wurden ungerechtfertigt angegriffen. Als junge Frau, die an der Kampagne für meinen Kandidaten, Mousawi, arbeitete, wurde ich Zeugin der Hoffnungen, Träume und Ängste. Ich sah, wie Menschen genug hatten von Ahmadinejads Entscheidungen und Taten auf nationaler wie internationaler Ebene. Ich sah ihre Bereitschaft für einen bedeutenden Wechsel und wurde Zeugin, wie man eine hoffnungsvolle Zukunft des Iran skizzierte.

Unsere Kampagnen-Website füllte sich mit Einträgen wie: „Ich verspreche deinen rastlosen Augen, dass unsere Wurzeln das Wasser erreichen werden. Unsere Äste werden die Sonne berühren und wir werden wieder in vollem Grün wachsen!“ Diese und ähnliche Worte zeugten von der Hoffnung und Inspiration der Bevölkerung.

Auf der anderen Seite gab es Ängste, die wir entschärfen mussten. Viele fürchteten sich vor den Spielen Ahmadinejads und Khameneis, und davor, dass Stimmen nicht gezählt würden. Es war schwer sie zu überzeugen, dass wir zusammenhalten müssten, damit die Wahlergebnisse nicht gefälscht werden könnten. Junge und Alte, Gebildete und AnalphabetInnen, Reiche und Arme, sie alle waren in unserer Kampagne vereint. Gemeinsam versuchten wir die Angst zu überwältigen, in der Hoffnung auf einen besseren Iran. Und dann, schon einige Stunden nach den Wahlen dieses Ergebnis? Wer hätte glauben können, dass die Menschen so betrogen würden? Was sollten wir all jenen antworten, die uns anriefen, um zu fragen wie das möglich sei?

Eine neue Bewegung

Die Oppositionsgruppe im Iran wird „Grüne Bewegung“ genannt und setzt sich für einen friedlichen demokratischen Staat ein, in dem alle ihre Rechte erhalten. Nach den manipulierten Wahlen veränderte sich die Bewegung schrittweise. War es zuerst eine demokratische Bewegung, wurde sie bereits am Tag nachdem der Wahlschwindel bekannt wurde, zu einer Bewegung, die Neuwahlen fordert. Die Demonstrationen begannen und die Regierung sah sich plötzlich RegimekritikerInnen gegenüber.

Für meine Generation war es das erste Mal. Die Straßen waren auf beiden Seiten voller Bereitschaftspolizei und dazwischen die friedfertigen DemonstrantInnen, die wie in der Falle saßen, aber noch immer tapfer forderten: „Gebt mir meine Stimme zurück!“ Nie hatte ich an der Kreativität meines Volkes gezweifelt, doch das ging weit über meine Vorstellung hinaus. Sobald die Oppositionskandidaten zum Schweigen gezwungen und in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt wurden, übernahmen andere, vorwiegend junge Leute, die Führung und begannen sich selbst zu organisieren. Ohne je ein offizielles Demonstrationsrecht zu haben, entwickeln sie seitdem immer neue Ideen um gehört zu werden. Der Hauptslogan lautet: „Solange Ahmadinejad da ist, wird all das jeden Tag geschehen können.“

Trotz der Gefahr, verhaftet, geschlagen, bedroht und sogar erschossen zu werden, gehen die iranischen RegimekritikerInnen weiterhin leidenschaftlich und voll Vertrauen in die eigene Kraft für einen Machtwechsel auf die Straße. Studierende rufen zu Streiks auf, darunter auch Hungerstreik. Sie versammeln sich in ihren Hörsälen und rufen: „Wir wollen keine Diktatur!“, „Freiheit für die politischen Gefangenen!“ und ähnliches.

Weg vom Anti-Amerikanismus

Die größeren Demonstrationen werden monatlich geplant und richten sich nach nationalen oder religiösen Festtagen, um Massen zu versammeln und damit den Willen zu zeigen, das durchzuziehen, bis die Forderungen erfüllt sind. Eine für die Regierung nach all ihren Drohungen unerwartet große Demonstration fand am Al-Kuds-Tag am letzten Freitag des Ramadan statt. Dieser Tag geht auf eine Idee Khomeinis zurück und symbolisiert die Solidarität mit den Unterdrückten – genau hier standen die IranerInnen nun selbst, unterdrückt von der eigenen Regierung. Millionen Menschen versammelten sich in den größeren Städten, grün kleidet.

Während der letzten fünf Monate hat die Regierung versucht, sich zu reorganisieren und neue Koalitionen der Unterdrückung zu schmieden, unschuldige Menschen zu misshandeln und zu verhaften.

Am 4. November, dem Gedenktag für die Besetzung der US-Botschaft im Jahre 1979, fanden wie jedes Jahr Feiern statt – doch diesmal ganz anders: Diesmal sahen sich die Anti-AmerikanerInnen Pro-AmerikanerInnen gegenüber, die Freiheit und Demokratie forderten. Die grüne Bewegung zeigte sich stärker, besser organisiert und geeint. Es gibt keine ruhigen Demonstrationen mehr, denn sie können die brutalen Angriffe der Regierungskräfte nicht mehr ertragen. Polizei, die Basij Miliz (Teil der Revolutionsgarde Anm. d. Red.) und neue Kräfte gingen noch schärfer vor, vor allem gegen Frauen. Viele wurden festgenommen. Diese brutalen Angriffe aber brachten die „Grünen“ nicht zum Schweigen, sondern forderten eher ihren Zorn und Mut heraus.

Jetzt ist auch das heilige Image von Khamenei, das über viele Jahre gehalten hat, nicht länger tabu. Plötzlich fürchten sich die Menschen nicht mehr davor ihn einen ungerechten Führer und Diktator zu nennen. Gemeinsam haben sie eine Kraft, die sie immer mutiger werden lässt, was so weit geht, dass sie ausgerechnet an dem Tag, an dem sie sonst auf die US-amerikanische Flagge traten, nun eine Reklametafel des obersten Führers und Ahmadinejads niederrissen und einfach darüber hinwegmarschierten.

Der Feind sind jetzt nicht mehr die USA sondern die eigenen Führer. Und man hört es laut: „Khamenei ist ein Mörder, seine Herrschaft ist abgelaufen!“ und „Wir wollen keinen Diktator, weder einen Schah noch einen Doktor!“, womit sie auf Ahmadinejad anspielen.

Wohin geht es nun?

Die grüne Bewegung gewinnt mit der Zeit an Stärke. Die Kräfte sind gesammelt, die Leute geeint und das Vertrauen noch vorhanden. Bloß diese eine Angst besteht, dass die Regierungskräfte trotz aller Friedfertigkeit der grünen Bewegung so gewalttätig vorgehen, dass auch die „Grünen“ sich mit der Zeit auf ähnliche Weise verteidigen – nur, dass sie nicht die Ausrüstung der Regierungsmächte haben. Die Furcht vor innerstaatlicher Gewalt beunruhigt derzeit viele. Dennoch, geführt von den Leuten selbst, wird immer wieder an die Friedfertigkeit der Bewegung erinnert und appelliert.

Die grüne Bewegung hofft, dass die Demonstrationen fortgesetzt werden, bis der sogenannte Präsident abberufen wird und es zu Neuwahlen kommt. Ich glaube, das könnte lange dauern, doch diese wunderbare Kraft der Bewegung wird es mit der Zeit möglich machen. Bis dahin und dann weiterhin bleiben wir „grün“!


Ariana Soltani
ist ein Pseudonym. Unter ihrem wirklichen Namen zu schreiben wäre für die Autorin zu gefährlich. Sie ist Iranerin, Mitglied der grünen Bewegung und Kampagnenleiterin.

Übersetzung aus dem Englischen: Daniela Ingruber