WE DON’T NEED YOUR EDUCATION

Foto: Fanny Rasul

 



















Alles begann mit einem einzelnen Feuer das kurz darauf übergriff, sich alsbald zu einem bundesweiten Flächenbrand ausweitete und schließlich die Grenzen überwand und die Flammen auch in anderen Städten schlugen. Europaweit „brennen“ die Universitäten und stellen den Beginn einer neuen studentischen Bewegung dar.

Am 19. Oktober 2009 versammelten sich Studierende, Lehrende und das Universitätspersonal der Akademie der bildenden Künste und beschlossen den Generalstreik auszurufen und die Säulenhalle des Gebäudes zu besetzen. Das mediale Interesse hielt sich (noch) in Grenzen, rechneten schließlich alle – einschließlich des Rektors – damit, dass die Besetzung sehr bald zu Ende gehen werde. Doch durch die Entwicklungen der darauf folgenden Tage wurden sie eines besseren belehrt. Die Besetzung der Akademie sollte nur der Beginn einer wochenlangen Protestwelle der Studierenden und Lehrenden darstellen.

Schon wenige Tage später organisierten Studierende eine Demonstration für freie Bildung, die schließlich in die Besetzung des größten Hörsaals Österreichs, dem Auditorium Maximum (Audimax) der Universität Wien mündete.

Hunderte Studierende erklärten den Hörsaal für „befreit“ und machten sich nach und nach daran ihren Protest zu strukturieren und vor allem zu verbreiten. Binnen weniger Stunden waren Homepage, Twitter und Facebook Accounts eingerichtet, die Vokü (Volxküche) in der Garderobe aufgestellt und zahlreiche AG’s (Arbeitsgruppen) konstituiert. Gleich zu Beginn stellten die BesetzerInnen klar, dass sie ein Kollektiv sind und alle Entscheidungen basisdemokratisch im Plenum beschlossen werden. In den kommenden Wochen solidarisierten sich StudentInnen zuerst in ganz Österreich und dann auch in Deutschland und der Schweiz mit den „AudimaxistInnen“ und begannen die Hörsäle ihrer Universitäten zu „befreien“.

No dark sarcasm in the classroom

Diese Protestwelle ist aufgrund ihrer Dauer und der großen Beteiligung durchaus eine Überraschung für ein Land, in dem bis dato die Studierenden nicht den Ruf hatten besonders kritisch zu sein. Doch die Gründe und Forderungen der BesetzerInnen sind wenig überraschend, da sie Ergebnis einer jahrelang verfehlten rot-weißroten Bildungspolitik sind.

Unter der schwarz-blau-orangen Regierung kam es zu zahlreichen Reformen und massiven Verschlechterungen im Universitätssektor. Die unter Wissenschaftsministerin Hertha Firnberg in den 1970er Jahren abgeschafften Studiengebühren wurden 2001 wieder eingeführt und durch die Novellierung des Universitätsgesetzes im Jahr 2002 (UG 02), unter der Federführung von Burschenschafter und FPÖ-Wissenschaftssprecher Martin Graf, wurde der Senat entmachtet und ein Universitätsrat, der als eine Art Kontrollorgan fungieren sollte, eingerichtet. Dies führte zu einer Entdemokratisierung der Universitäten, vor allem zu einer massiven Einschränkung der Mitbestimmungsrechte der Studierenden.

Dem nicht genug, brachten ÖVP und FPÖ während der Nationalratssitzung am 11. November 2004 überraschend einen Initiativantrag zur Änderung des HochschülerInnenschaftsgesetzes (HSG) ein und beschlossen ein verzerrendes Wahlrecht, das den ihr nahe stehenden Fraktionen die Mehrheit in der ÖH-Bundesvertretung sichern sollte. Die zuvor mögliche Direktwahl der Bundesvertretung wurde abgeschafft und stattdessen ein System der indirekten Entsendung durch die Universitätsvertretungen eingeführt.

Die Einführung von Zugangsbeschränkungen in acht Studienrichtungen im Jahr 2005 reihte sich nahtlos in die Verschlechterungsmaßnahmen ein und die Implementierung der Bologna-Architektur und die damit verbundene Verschulung der Studien trugen weiter dazu bei, den Druck für alle Beteiligten zu erhöhen.

Teacher leave us kids alone!

Die Studierenden haben durch ihre Proteste bereits ein großes Ziel erreicht: eine breite gesamtgesellschaftliche Diskussion über Bildung im Allgemeinen und Universitäten im Besonderen. Sie haben gezeigt, dass sie nicht wie behauptet die „unpolitische Generation Gameboy“ sind, sondern sehr wohl ihre eigenen Vorstellungen haben und sich das nehmen, was ihnen gehört: ihre Universitäten.

Die Ausweitung der Proteste hat gezeigt, dass eine fortschrittliche Bildungspolitik nicht an den Grenzen Österreichs enden darf. Es muss eine globale Lösung diskutiert werden, denn nur ein weltweiter offener und freier Hochschulzugang kann die Antwort auf den jetzigen Zustand sein.

Es ist mehr als fraglich, ob der/die neue WissenschaftsministerIn einen neuen Kurs in der Unipolitik einschlagen und die Forderungen der BesetzerInnen umsetzen wird, doch eines ist klar: Sie/er wird es nicht einfach haben, denn die Studierenden haben gezeigt, dass sie den Entwicklungen nicht tatenlos zusehen werden, mit oder ohne Audimaxbesetzung. In diesem Sinne: Elite-Unis hahaha – Bildung ist für alle da!

Fanny Rasul studiert Politikwissenschaft an der Universität Wien und ist Aktivistin der GRAS.