„WIR LERNEN, WAS TEAMFÄHIGKEIT BEDEUTET“
Nach über vier Wochen Audimax-Besetzung hat sich einiges bewegt – wenn auch nicht in der Politik, so in den Köpfen der Beteiligten.
Es war der erste Sonntag der Besetzung. Keihan Zahipour bekam knappe 15 Minuten Ruhm auf der Audimax-Bühne: „Es war nicht einmal eine Viertelstunde, dann haben mich die Feministinnen verjagt.“ Keihan ist Hobbymusiker, und nach dem Plenum wollte er, bewaffnet mit Gitarre und Harmonika, ein bisschen Blues machen – wäre da nicht dieser Witz gewesen: „Ich hab gesagt, ich würde mich gerne beschweren über eine sexistische Erfahrung – ein Hund hat an meinem Hintern geschnuppert, ohne zu fragen.“
Es gab Gelächter, dann Buh-Rufe. Frauen kamen auf die Bühne und beschimpften ihn als Sexisten. Nach einer knappen Viertelstunde räumte er das Feld mit den Worten: „Tut mir leid, dann bin ich eben ein sexistisches Arschloch.“ Der Eklat war perfekt. Keihan ist erst 23, hat aber schon graue Schläfen. Als er noch ein Kind war, flüchtete seine Familie aus dem Iran nach Österreich, später wuchs er in den USA auf. Heute lebt er in Wien und macht die Abendmatura.
Jeder andere hätte nach so einem Fiasko keinen Fuß mehr ins Audimax gesetzt – außer Keihan. Er kam wieder, wurde wieder böse angeschaut. Flugblätter prangerten „sexistische Musiker“ an, damit war er gemeint. Doch er blieb, er aß, er schlief und arbeitete im Audimax, wurde langsam zum lebenden Inventar.
Zwei Wochen später kocht Keihan mit seiner Mutter persische Gerichte für alle in der Volxküche. Das ZDF kommt auch, filmt die riesigen Töpfe, interviewt ihn und seine Mutter. So werden die 15 Minuten Ruhm doch noch komplett. Und mit bösen Blicken ist auch Schluss.
Generationenereignis
Keihan ist nur einer von vielen, die nach einem Monat Uni-Besetzungen einiges durchgemacht haben. Doch trotz internen Querelen, trotz teils mühsamer Basisdemokratie und manchmal chaotischen Umständen rauften sie sich zusammen und blieben. Viele Köche verderben den Brei, heißt es, doch schon ein Besuch in der Volxküche widerlegt diesen Spruch. Bei diesem Protest geht es zuerst um mehr Geld für die Unis, bessere Lehre und einen höheren Stellenwert von Bildung in der Gesellschaft. Doch je länger die Besetzungen andauern, desto mehr wird der „Audimaxismus“ zu einer Bewegung, die eine Generation von StudentInnen prägen wird. Nun ist ein Besetzungsmonat vergangen, und Selbstorganisation und Basisdemokratie reichen immer noch, um den Protest am Laufen zu halten. Schon reden manche von „unserem 68“ oder beschwören die Besetzung der Arena im Jahr 1976 herauf.
Auf die Arena-Besetzung angesprochen, zuckt Marijeta mit den Schultern.Vor einem Monat ist die 23-Jährige aus Deutschland gekommen, um Theaterwissenschaft zu studieren.
Die Arena kennt sie nur vom Namen. „Zuerst habe ich nur gehört, dass irgendwer das Audimax besetzt hat. Dann bin ich hin, um zu schauen, gegen was da genau demonstriert wird.“ Und sie blieb. Mit der Bologna-Reform hatte sie schon in Deutschland schlechte Erfahrungen gemacht, drei Wochen Anmelde-Wirrwarr und überfüllte Hörsäle hatten das Übrige getan. In den Medien hieß es oft, „deutsche Berufsdemonstranten“ seien die Drahtzieher.
Ob Marijeta sich angesprochen fühlt? „Nein. Die gibt es doch nur in der Zeitung“, sagt sie und ergänzt: „Numerus Clausus-Flüchtling bin ich übrigens auch keiner.“ Berufsdemonstrantin, das ist sie vielleicht gemessen an den investierten Arbeitsstunden: „Ich hab mich jetzt an mehreren Arbeitsgruppen beteiligt und jeden Tag ein bisschen aufräumen geholfen“, sagt sie stolz, „von Teller waschen über Müll aufsammeln bis zum Klo putzen, alles schon mal gemacht.“
Der Funke springt über
Als Marijeta in Wien Toilettenböden schrubbte, herrschte in München noch Ruhe vor dem Sturm: „Ich habe schon am ersten Tag von der Besetzung erfahren“, sagt Muriel, „per Livestream war ich immer dabei, wie ein Fußballfan, manchmal habe ich sogar mitgegrölt.“ Der 25-jährige Student der Theaterwissenschaft wollte den Protest an seine Uni tragen, die Ludwig-Maximilians-Universität. Allein die Münchner StudentInnen wussten nicht von der Besetzung in Wien: „In Deutschland wurde das zuerst totgeschwiegen. Wir sind durch die Hörsäle gegangen und haben ‚www.unibrennt.at’ an die Tafeln geschrieben, damit die Leute was mitbekommen.“ Zwei Wochen später war auch das Audimax der LMU besetzt: „Die Situation ist komisch. Die StudentInnen haben weniger Verständnis als die Lehrenden und der Rektor. Der ist auf unserer Seite.“
Muriel ist nach Wien gereist, um das Jubiläum mitzufeiern – ein Monat durchgehende Besetzung, die längste in der Geschichte der Universität. In Deutschland gibt es schon über 60 besetzte Hörsäle.
Die Forderungen sind zwar nicht erreicht, doch für Muriel geht es um mehr: „Wir konnten schon viel lernen von dieser Besetzung. Stichwort Soft Skills“, sagt er, „wie soll man denn Teamfähigkeit von uns verlangen, wenn auf der Uni nur noch Konkurrenzdenken herrscht? Hier lernen wir endlich mal, was Teamfähigkeit wirklich bedeutet.“
Die BesetzerInnen haben Schlagzeilen gemacht mit dem Einsatz neuer Medien – durch Livestream, Twitter und Facebook werde der Protest am Leben erhalten. „Politik hält mit Jungen nicht Schritt“, titelte sogar die Kronen Zeitung wohlwollend.
Doch es sind auch „alte“ Tugenden, die das Räderwerk am Laufen halten: Eigeninitiative, Engagement – oft an der Grenze zur Aufopferung – und die viel beschworene Teamfähigkeit. „Schau dir nur den Info- Point an“, meint Marijeta, „das war ein chaotischer Haufen am Anfang. Jetzt sehe ich ein organisiertes Team mit Laptops, das über alles informiert ist.“
Auch wenn die Besetzungen ohne politischen Erfolg zu Ende gehen sollten und die Spuren des Protestes aus dem Audimax verschwinden – in den Köpfen der Beteiligten werden sie bleiben. Das bringt auch Keihan zum historischen Vergleich: „Wenn man sich die alten Fotos ansieht von der Arena-Besetzung, da spürt man noch diese Atmosphäre. Ich hoffe, dass wir in 20 Jahren auch so auf die Audimax-Besetzung zurückschauen. Und ich kann sagen: Ich war dabei.“
Raffael Fritz studiert Journalismus an der Donau-Universität Krems

