DAS OHR AUF DER SCHIENE DER GESCHICHTE
Wenn von Musik und Politik die Rede ist, geht es selten um Parlamentswahlen und schon gar nicht um das Aushandeln von Interessen in diversen Gremien. Es geht meist, wenn nicht um Revolutionen, so doch um grundlegende Kritik, um Aufbrüche, um das ganz Andere, das zumindest in den Liedern und auf den Bühnen möglich wird.
1997. Ich steige nach der Schule in die Straßenbahn, Linie 31, und fahre zum Media Markt auf der Brünnerstraße. Im Media Markt kenne ich mich aus. Die CD mit den vier Männern an einem runden Tisch auf dem Cover in der Hand, gehe ich zur Kassa und bezahle 139 Schilling. Zu Hause angekommen lege ich die CD ein, drücke auf Play und: entdecke eine neue Welt. Denn nach dem ersten Durchhören merke ich, wie viele der angerappten Namen und Ereignisse ich nicht kenne. Am Balkon, mein Vater raucht: Papa, wer ist Ulrike Meinhof? Wer sind Allende und die Unidad Popular? Was passierte in Kambodscha 1973? Und wo liegt Chiapas?
Ein Blitzlicht ist diese Erinnerung, doch zumindest in meiner Entwicklung stellt dieses Debutalbum des deutschen HipHop-Kollektivs Freundeskreis das erste Angebot für eine politische Verortung dar. Von hier möchte ich ausgehen und hierher möchte ich immer wieder zurück kommen.
Eingeschriebene Geschichte
Geschichte und Geschichten werden in Liedern erzählt; das kann auf der Ebene des Textes geschehen, ist aber nicht auf diese begrenzt. Denn auch musikalische Formen erzählen Geschichte(n): jene der Versklavten und Versklavenden, jene der Ausgewanderten und der Eingemeindeten. Ich glaube heute, dass es kein Zufall ist, dass das musikalische Kollektiv Freundeskreis HipHop zu ihrer Musik gemacht hat. Denn abgesehen von persönlichen Präferenzen gibt es doch so etwas wie „in die Musik eingeschriebene Geschichte“, gewissermaßen ein Zitat von Geschichte durch das Anstimmen einer bestimmten Akkordfolge. HipHop aus seiner Entwicklung, aus seinem Bezug auf Funk und Soul, als afroamerikanische Musik hat immer auch versucht eine „Gegengeschichte“ zu erzählen. Die Korrespondenz von Form und Inhalt in der Musik zeigt sich für mich besonders beim zweiten Track, „Leg dein Ohr auf die Schienen der Geschichte“ mit seinem Entwurf einer Gegengeschichte.
Grunge, Punk oder Techno kann nicht in derselben Weise diese spezifische Gegengeschichte erzählen, nur aus dem Zitat einer „Musikgeschichte“ heraus kann der Song seine Strahlkraft entwickeln.
Text spielt in Liedern eine wichtige Rolle. Nicht nur aufgrund seines unmittelbaren Informationsgehaltes, sondern auch durch die rhythmische Strukturierung, die durch den Einsatz von Sprache entsteht. Da kann geschrieen und getobt werden, geflüstert und gesäuselt. Auch das sind Aussagen. Sprache als Regelwerk, das unser Denken strukturiert, ist schlussendlich das, was uns erlaubt politisch zu denken und zu handeln. Und Sprache als Sammlung und Ausdruck von Zeichen, von Bezeichnetem und Bezeichnendem erlaubt uns, Information weiter zu geben.
Zeichen für eine „andere Welt“
Dieses Freundeskreis-Album war mein erster Berührungspunkt mit dieser Facette von Musik: Hier werden Ereignisse und Personen angesprochen, die ikonisch für ein anderes Verständnis von Politik, für eine andere Form des Staates stehen: die mich darüber informiert haben, dass „eine andere Welt möglich ist“. „You’re just a part of it, so get to the heart of it, cause if you don’t go, you won’t know“ wird im getragen souligen Refrain von „Leg dein Ohr auf die Schienen der Geschichte ...“ gesungen, und es ist wohl kein Zufall, dass gerade der Refrain auf Englisch ist. Denn wenn wir zwar alle unterschiedliche Momente der Politisierung aufweisen, uns an unterschiedlichen Ereignissen als Marker unserer politischen Entwicklung orientieren, so ist das doch das verbindende Element: Wir sind alle Teil des Ganzen.Wir sind alle von Politik betroffen, und handeln täglich politisch.
Musik ist ein Teil des kulturellen Lebens, die Untersuchung von Musik kann daher auch als Schablone zur Untersuchung von Gesellschaft heran gezogen werden. Gesellschaftliche Veränderungen sind in der Musikgeschichte ablesbar: Politische Veränderungen seit der Vergesellschaftung im Nationalstaat drücken sich in nationalen Musiken und Hymnen aus; Produktionsbedingungen und -veränderungen lassen sich vom Mäzenatentum über die Massenmedialisierung durch Tonträger bis zu filesharing und commons-Debatte verfolgen; und Veränderungen im sozialen Gefüge finden sowohl in Texten als auch Musik an sich ihren Ausdruck. Vielleicht liegt in dieser Feststellung auch jener Berührungspunkt, an dem Musik und Politik am kontinuierlichsten in Verbindung zu bringen sind: jeder Musik ihre Zeit, jeder Musik ihre Politik. Denke ich wieder zurück an das Freundeskreis-Album, dann sind es in meiner Erinnerung die ersten, die so sehr ihre Produktionsweise offen legen, ja die ihre Produktionsweise als Teil des Projektes sehen. Da gibt es ein großes, länderübergreifendes Netzwerk an Menschen, die teilnehmen und teilhaben. Da werden Sprachen und Gedanken ausgetauscht und gegenübergestellt.
Da wird verhandelt und gehandelt. Das wird sowohl auf dem Debutalbum, als auch beim darauf folgenden Album mit dem Titel „Esperanto“ offengelegt und zelebriert. Vielleicht ist es auch eine Marketingstrategie, aber für mich zeigt es Möglichkeiten anderer Produktionsweisen, für kollaboratives und kollegiales miteinander Arbeiten auf.
Positionierung im politischen Raum
Wenn die Platte einmal aufgenommen ist, kommt das Touren. Ich habe Freundeskreis wahrscheinlich an die zehn Mal live spielen gesehen, in sehr kleinen intimen Performances genauso wie in großen ausverkauften Konzerthallen. Dieses öffentliche Vortragen von Musik ist ein wichtiger Aspekt, ein performativer Akt – ich spreche aus, in einer Position, in der mich viele hören können. Auf ihrem letzten veröffentlichten Album, einer Doppel-CD mit live Mitschnitten von Konzerten, ist dieser performative Akt zu hören. Dieses Live-Album ist auch interessant, da von den 20 Tracks nur neun tatsächlich von Freundeskreis sind, die anderen 11 hingegen Einzelstücke von unterschiedlichen, in diesem Universum immer wieder auftauchenden und teilnehmenden MusikerInnen und PerformerInnen.
Das ist performative Vielfältigkeit: Wir eröffnen den Raum als Kollektiv, zeigen aber auch unsere Vielfalt, Differenzen und können auch als Einzelne sprechen. Diese performative Vielfalt drückt sich auch im Namen des Kollektivs aus; eine Band Freundeskreis zu nennen spricht ganz deutlich aus: Hier ist nicht eine definierte Band, nicht eine bestimmte Performerin, sondern ein Freundeskreis, der in unterschiedlichen Besetzungen live spielt, der sich immer wieder neu konstituiert, und durch ein Prinzip verbunden ist: Zusammenarbeit.
Ein weiterer Aspekt, der mir wichtig erscheint, ist die Verortung. Wo und wann ich auftrete, ist eine Verortung der Künstlerin/des Musikers. Wie im politischen Feld gibt es auch als MusikerIn/Performende massenwirksame Auftritte einerseits und Positionierungen andererseits. Ein kleiner Exkurs hier zum Wendejahr 1999/2000: Im Rahmen der Donnerstagsdemos war sehr oft Live-Musik im Einsatz. Viele Musiker- Innen und Performende, aber auch ganze (sub)kulturelle Szenen standen und traten auf um öffentlich zu zeigen: Wir sind gegen diese Regierung. Auch bei den gegenwärtigen Studierendenprotesten gibt es regelmäßig Konzerte im Audimax. Dies ist ein Akt der Solidarisierung mit den Studierenden und deren Forderungen, der im Sinne des Kampfes um Kräfteverhältnisse nicht zu unterschätzen ist. Wenn ich darüber nachdenke, wo und wann ich Freundeskreis live gesehen habe, dann war das für mich beeindruckendste Konzert in den späten 1990er Jahren auf der Donauinsel, bei einem eintägigen Festival gegen Rassismus:
Der Auftritt entsprach einer eindeutigen Verortung im politischen Geschehen. 2009. Während ich zu Hause sitze und an diesem Text arbeite, immer wieder inne halte und mir den Kopf zerbreche, wie Musik und Politik, Musik und ich, Politik und ich, kurz, wie dieses Dreieck zwischen mir, Politik und Musik zu (be)schreiben ist, höre ich das Debutalbum von Freundeskreis.
Seither sind zwölf Jahre vergangen, zwölf Jahre, in denen sich die Musik verändert hat, mein Musikgeschmack verändert hat; zwölf Jahre in denen sich die Politik verändert hat, mein politisches Bewusstsein sich verändert hat, kurz: zwölf Jahre, in denen ich mich verändert habe.
Lesen zu Musik & Politik
Thomas Kühn: „Hört die Signale!“ Musik im Protest sozialer Bewegungen. In: Klaus Schönberger, Ove Sutter: Kommt herunter, reiht Euch ein ... Eine kleine Geschichte der Protestformen sozialer Bewegungen. Berlin, Hamburg: Assoziation A, 2009.
Oliver Marchart: Was heißt Soundpolitisierung? Von der Politik des Sound zum Sound der Politik. 2001. www.volkstanz.net/mind_nut/01.htm
Günther Jacobs: Was ist ein Protestsong. www.rock-links.de/texte/protestsong.htm
Magdalena Schrefel lebt in Wien. Nach längeren Aufenthalten in Frankreich, Kroatien und Schweden studiert sie Europäische Ethnologie an der Universität Wien und ist Mitarbeiterin der Grünen Bildungswerkstatt.
