20 JAHRE WENDE

Vielfach wird in den Ereignissen vor 20 Jahren ein Sieg des Kapitalismus über den Kommunismus gesehen. Schauen wir uns die TrägerInnen der Wende genauer an, zeigt sich, dass zivilgesellschaftliche Bewegungen daran mitgewirkt hatten, die teilweise ökologisch motiviert waren und deren AkteurInnen bisweilen später in Grünparteien ihre politische Heimat fanden.

DDR: Zum Fall der Mauer hatte maßgeblich die BürgerInnenbewegung Neues Forum beigetragen, von der ein Teil gemeinsam mit Menschenrechtsgruppen das Bündnis 90 gründete. Die Grüne Partei der DDR, gegründet von Öko-, Friedens- und MenschenrechtsaktivistInnen, war schon Ende 1990 in den BRD-Grünen aufgegangen.

Baltische Staaten: Die ab 1987 entstandenen Volksfronten setzten sich erfolgreich für die Unabhängigkeit ihrer Länder ein. Grüne spielten eine wichtige Rolle, etwa im Kampf gegen Umweltzerstörung durch sowjetische Militärbasen und Industrien. Estland war im Frühjahr 1990 das erste europäische Land mit grüner Regierungsbeteiligung.

Bulgarien: Die Grüne Partei entstand Ende 1989 aus der Bewegung Ökoglasnost, die einige Monate zuvor die ersten oppositionellen Kundgebungen gegen das Schiwkow Regime organisiert hatte. Nach der ersten freien Parlamentswahl im Juni 1990 waren die Grünen Teil des oppositionellen Bündnisses „Union der Demokratischen Kräfte“.

Polen: Von MenschenrechtsaktivistInnen wurde die Demokratische Union gegründet, die sich später in Freiheitsunion (UW) umbenannte und in deren Rahmen ein Ökologisches Forum als Fraktion entstand, dem auch der Vize-Umweltminister Radoslaw Gawlik angehörte. Aus dem ÖF und anderen Gruppen entstanden später die polnischen Grünen Zieloni 2004.

Slowakei: AktivistInnen der anfangs offiziellen, später zunehmend regierungskritischen Slowakischen Union der Natur- und Landschaftsschützer spielten bei der Wende des Jahres 1989 eine tragende Rolle.

Ungarn: Der Widerstand gegen das slowakisch-ungarische Donaukraftwerksprojekt Gabãikovo-Nagymaros war in den 1980er Jahren ein zentrales Anliegen der Umweltgruppen und der demokratischen Opposition. 1989 wurde der Bau des ungarischen Teils, Nagymaros, von der Regierung gestoppt. Auch wenn nur wenige ExponentInnen dieser Bewegung (etwa György Droppa) ihren Weg in grüne Parteien fanden, so war es doch ein Umweltthema, das in Ungarn die demokratische Wende beschleunigte.

Angesichts der aktuellen Schwäche der osteuropäischen Grünen sollte man doch nicht vergessen, dass Grüne in Mittel- und Osteuropa schon fünf Jahre vor Westeuropa MinisterInnen stellten (Estland, Slowenien) und in ihrer Entstehungsphase von Bewegungen beeinflusst wurden, die den unseren nicht unähnlich sind.

(Gerhard Jordan)