CINEMASCHINE
Leben in Bildern. Das Katastrophendrama 2012 ist ein Blockbuster, bei dem man eigentlich nichts falsch machen kann. Roland Emmerich inszeniert nun zum dritten Mal denselben Film (1996 hieß 2012 noch Independence Day und enthielt ungute Aliens; 2004 war 2012 „öko“ und hieß The Day After Tomorrow), und der zeigt fünfmal dasselbe digitale Verwüstungspanorama. Irgendwann muss man’s ja können; ergo funktioniert der Weltuntergang diesmal so gut wie noch nie, allerdings in Überlänge. Letzterem Kinokonsum-Problemphänomen gilt das Schlusswort des Films: Als die auf 400.000 Stück reduzierte Menschheit einem Neubeginn entgegenstrahlt, verkündet uns die kleine Tochter der weißen Mittelstandsfamilie die Frohbotschaft von der Heilung ihrer Blasenschwäche.
Das ist nicht nur ein selbstreflexiver Gag, sondern: (Blasen)Schwäche kann eine Stärke sein, zumal für den weißen Mittelstand. Während es in diesem Filmentwurf von „Weltpolitik“ (= Sache großer FührerInnen) möglich ist, die CharismaträgerInnen, vom US-Präsidenten bis zum moralpredigenden Geologen, mit AfroamerikanerInnen zu besetzen, ist das nachvollziehbare, lebendige Leben, mit all seinen Blasen- und Seelenschwächen, Marotten und Begierden, die „uns“ erst vollständig und liebenswert machen, für (nicht-russische) Weiße reserviert.
Die Verkörperung von Werten, Öffentlichkeit und Autorität wird an die einst als „primitiv“ Stigmatisierten abgetreten, um den Preis ihrer unnahbaren „Heiligkeit“. Die All-American-Whiteys hingegen behalten sich das Privileg einer voll ausdifferenzierten Privatexistenz vor: den Schatz, der dann, wenn’s drauf ankommt, darüber entscheidet, was Menschen zu Menschen und ihr Verschwinden zum Verlust macht. (Unterm Will Smith, in Independence Day, hätt’s des net gebn!)
Wenn’s drauf ankommt, darf man eines ganz sicher nicht sein: Politiker. Der schwarze Präsi ist weise, weil er zugunsten von Gott und Experten das Feld räumt; sein fetter weißer Berater hingegen verkörpert die Hybris schnöder Politik und ist die Z´widerwurzn des Films. Katastrophe bedeutet hier Herrschaft des einzig Möglichen weil einzig Richtigen, die Stunde der Experten. Ihr gängigerer Name ist „Wirtschaft“ (die mit „Profit-“ davor); die will bekanntlich leben, braucht viel Spielraum, Nachsicht und nur ganz wenige von den sechs Milliarden Menschen.
Und sie neigt dazu, dass es ständig (nicht nur in „Krisen“) ums Eingemachte geht, weshalb kein Platz ist für jene Möglichkeit, etwas falsch zu machen, die durch Politik ins Spiel käme. Oder wie Walter Benjamin vor 70 Jahren schrieb: „Dass es ‚so weiter’ geht, ist die Katastrophe.“
(Drehli Robnik)
