VOR ORT
UNIVERSIDAD DE LA TIERRA. Während an den österreichischen und deutschen Universitäten zehntausende Studierende für freien Zugang zu Bildung, Selbstbestimmung und Mitgestaltung kämpfen, erlebe ich an der Universidad de la Tierra in Oaxaca, Mexiko, wie diese Forderungen bereits seit Jahren in der Praxis geübt werden.
An der Unitierra, wie sie kurz genannt wird, gibt es keine fixen Curricula, keine Zugangsbeschränkungen und keine Studiengebühren. Ideen für Ausbildungen, Workshops und Seminare werden aus der Motivation von Neugierigen geboren, die sich in einem bestimmten Wissensgebiet fortbilden oder sich praktische Fähigkeiten aneignen wollen. Die Unitierra sieht sich selbst als Raum für Vernetzung von Menschen, die etwas lernen wollen und jenen, die ihre Erfahrungen weitergeben können. Gleichzeitig begreifen sich die Lehrenden selbst als Lernende.
Die Unitierra startete vor etwa zehn Jahren mit dem Ansatz, gemeinsam mit der indigenen Bevölkerung der umliegenden Pueblos von Oaxaca traditionelles Wissen und praktische Fertigkeiten wieder zu beleben, welche zunehmend in Vergessenheit gerieten. Inzwischen nehmen vor allem Menschen aus der Stadt Oaxaca, aber auch Interessierte aus den USA, Europa und anderen Regionen der Welt an den Seminaren teil.
Obwohl sich das Programm in ständigem Wandel befindet, ziehen sich doch gewisse Schwerpunkte wie rote Fäden durch die Geschichte der Unitierra. Beispiele dafür sind: biologische Landwirtschaft, Nahrungsmittelautonomie durch Anbau von Obst und Gemüse in der Stadt – auf Dachgärten, in Innenhöfen oder im Haus, traditionelle Heil- und Geburtsmethoden, kritische und kreative Gestaltung von Medien, Entwicklung alternativer Technologien wie Solaröfen, Trockentoiletten oder fahrradbetriebener Wasserpumpen.
Neben diesen praktischen Aktivitäten zählt die Reflexion über gesellschaftliche und politische Zusammenhänge zum Kernbereich der Unitierra. Als Teil eines Netzwerks von Initiativen unterstützt sie die Dokumentation diverser Fälle von Repression und Menschenrechtsverletzungen, die seit dem Jahr 2006 im Bundesstaat Oaxaca vorgefallen sind. Funktion der Unitierra ist es, ein Raum zu sein, in dem sich politisch aktive Menschen begegnen und ein fruchtbarer Boden, aus dem heraus bereits unzählige kleinere Initiativen entwuchsen.
Manchmal stellt sich zwar die Frage, ob die Unitierra ihre Ideale bezüglich horizontalem Lernen und Selbstorganisation auch immer in der Praxis leben kann. Sie bleibt aber ein Lichtblick und eine Inspiration für einen alternativen Bildungsansatz – sich bewusst darüber, dass auch dieses Projekt nie auslernt.
(Katya Buchleitner)

