DIE QUAL DER VORWAHL
Sonntag, 15. November 2009. Ich sitze um 8.30 Uhr in der U1 Richtung Austria Center Vienna. Dort wird heute die 63. Landesversammlung der Wiener Grünen über die Bühne gehen. Ein Megaevent, bei dem die grünen KandidatInnen für die Wiener Landtags- und Gemeinderatswahl 2010 gewählt werden. Ich fahre dem Abstimmungsmarathon mit gemischten Gefühlen entgegen und twittere noch schnell per Handy: „Schade, dass die Initiatoren der Grünen Vorwahlen heute nicht dabei sind“.
Einerseits bin ich schon gespannt auf diesen Blick hinter die Kulissen der Partei. Andererseits bin ich noch immer enttäuscht von der Landesgeschäftsführung der Grünen Wien. Diese hatte mich zwar im Zuge der Initiative Grüne Vorwahlen als Unterstützerin aufgenommen, so wie 229 weitere Personen auch. Rund die Hälfte der insgesamt 445 VorwählerInnen wurde jedoch abgelehnt und damit von der KandidatInnen-Kür ausgeschlossen. Ein Paradebeispiel für missglückte Kommunikation im Netz, das den Wiener Grünen am Vorabend der Landesversammlung übrigens eine Negativ-Auszeichnung, nämlich den „Wolfgang Lorenz Gedenkpreis für internetfreie Minuten“ bescherte.
Nichtsdestotrotz folgen etliche VorwählerInnen so wie ich der via Twitter verbreiteten Parole: „Ich geh hin“. 105 UnterstützerInnen sind es, die sich unter die insgesamt 575 Wahlberechtigten mischen. Wobei sich nicht genau eruieren lässt, wie viele tatsächlich über die Vorwahl-Initiative gekommen sind. Ebenso kann nur vermutet werden, wie die politisch heterogene Truppe das Wahlergebnis beeinflussen wird. Gewiss, manche der FixstarterInnen werden schließlich weiter hinten gereiht als erhofft. Andere hingegen schaffen wider Erwarten den Sprung auf einen der vorderen Listenplätze. Aber Revolutionen waren weder angesagt noch fanden sie statt. Auch wenn sich das die anwesenden Medien gewünscht hätten: Es war nie ein Ziel von UnterstützerInnen wie mir, personelle Umwälzungen bei den Grünen zu erreichen.
Was bleibt also von diesem langen Tag, an dem ich mich nach besten Wissen und Gewissen der Qual der Vorwahl gestellt habe? Die Veranstaltung gewährte mir jedenfalls eine demokratiepolitisch interessante Erfahrung. Ein Vorbild für politische Partizipation war sie für mich aber nicht. Schließlich vermisste ich die abgelehnten VorwählerInnen und das Kommunikationsdesaster im Vorfeld dämpfte meine Euphorie erheblich. Und als ich abends müde in der U1 wieder heimwärts gondle, sehe ich mich selbst so mittendrin und doch nicht ganz dabei in der Basisdemokratie der Wiener Grünen.
Beate Firlinger ist freiberufliche Journalistin und lebt in Wien.

