FALSCHE REFRAINS
Wenn Kate Moss sagt, nichts schmecke so gut, wie sich mager sein anfühle, geht diese Meldung durch die Hochglanzmedien und es wird so getan, als gebe es einen Aufschrei oder man sorge sich um die Mädchen, die dem Lebensmotto folgen. Tatsächlich aber bringt die ständige Wiederholung dem dümmlichen Spruch noch mehr Aufmerksamkeit und damit auch Werbung.
Diese Spirale der voyeuristischen Information kennen wir auch von anderen Themen, etwa der Kritik an rechtsextremistische Politik(erInnen). Mit jedem menschenverachtenden Zitat, das die Medien wiederholen, wird zugleich auch die dahinter steckende Idee beworben, selbst dann, wenn der Artikel das Gegenteil intendiert. Das Bilderverbot, das die Wiener Stadtzeitung Falter diesbezüglich gegenüber Jörg Haider verfolgte, war ein Weg keine Propaganda für den zu machen, den man politisch ablehnt. Das war die Theorie. In der Praxis stand die stolze Wiederholung des Beschlusses dazu in Widerspruch. Man fühlt sich souverän, vielleicht sogar klüger als der jeweilige Gegner, wenn man meint dem oft rassistischen Gefasel zu widerstehen. Tatsächlich geht man immer wieder in die gleiche Falle: zitieren und wieder zitieren, um zu zeigen, dass diese Politik falsch ist. Dabei ist das Zitat das Problem, weil die ohnehin verkürzten Sager ein weiteres Mal verkürzt werden – die Wiederholungen machen sie dann zum Refrain, der sich im Ohr festsetzt.
Wie in den Frauenzeitschriften der Refrain des Dünnseins. Die Vereinfachung, die jede Idee entpolitisiert, tut dies auch mit Ernährungskrankheiten. Es geht bei Weitem nicht immer ums Abnehmen.
Bulimie und Magersucht können auch Reaktion auf traumatische Erlebnisse sein. Dazu gehört immer wieder häusliche sexuelle Gewalt. Vergewaltigung und jene Formen von Gewalt, die ihr ähneln. Dann werden das Übergeben und Nicht-Essen als Reinigung empfunden und sind dabei mehr eine Notwendigkeit als ein Wunsch. Der Schmerz wird nicht überwunden, er verschwindet auch nicht, sondern wird bloß überdeckt von der Euphorie, die durch die vermeintliche Reinigung, die sich wie Schwerelosigkeit anfühlt, entsteht. Der ständig medial wiederholte Refrain des Magerseins lenkt dabei von jener Realität ab, über die man sprechen müsste, um sie verhindern zu können.
Daniela Ingruber ist Chefredakteurin des planet und Kriegsforscherin.

