URSACHENFORSCHUNG

Vor einiger Zeit schrieb ich hier in einem Kommentar über meine Erlebnisse in Kärnten. Inzwischen sind die Weltverschwörungstheorien rund um den Tod Haiders noch seltsamer geworden, der Erinnerungskult um ihn noch absurder. Seine Anhänger können das Ende ihres Idols nicht wahrhaben, als sei mit ihm ein Stück ihrer selbst verloren gegangen.

Daraus wäre etwas über die „falschen Götter“ zu lernen. Denn wer von uns war nicht schon fassungslos über die Wahlerfolge der rechten Krakeeler, der Simplifikatoren der Politik, der Hass säenden Schwarz-Weißmaler. Die Frage nach den tieferen Gründen steht angesichts des generellen Rechtsrucks auf der Tagesordnung, verstärkt durch die Unsicherheiten der Krise und Attacken auf gesellschaftliche und soziale Netze.

Was macht Menschen anfällig sich mit zweit- oder drittklassigen politischen Marktschreiern oder Despoten zu identifizieren, bar jeder Kritikfähigkeit? Michael Hanekes Film Das weiße Band gibt Hinweise, wie die repressiven Erziehungsmethoden und Bestrafungsrituale vor dem Ersten Weltkrieg Hass und Rachegefühle in Kindern weckte: Sie wurden zu Vorläufern der Hitlerei.

Der Schweizer Psychoanalytiker Arno Gruen schreibt zur verhängnisvollen Allianz zwischen psychopathischen Machthabern und ihrer folgsamen Anhängerschaft: „Falsche Götter sind beides: Zeugnis und Erzeuger einer vergeblichen Suche nach einer Identität, die uns rettet.“ Sie inszenieren sich um zu imponieren, spielen Stärke, Schlauheit vor, wo meist nur zerstörerische Ambitionen und innere Leere herrschen. Gefühllose, schädigende Erziehung gibt es auch heute. Allzu viele Eltern sind immer noch bestrebt, das Kind ihrem Willen zu unterwerfen. Sie hindern es damit seine eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen, zu vertreten und zwingen es zu einer tiefen Identifikation mit seinen es im Grunde ablehnenden Eltern. Daraus bleibt das Bedürfnis, sich vermeintlichen Autoritäten unter zu ordnen und sie als Heilsbringer zu idealisieren. Nochmals Gruen: „Solange wir nicht zu einer eigenen in uns ruhenden Identität gelangen, wird sie von Äußerlichkeiten, wie Status, Besitz, Ordnung, Pflicht und Gehorsam abhängig sein. Wenn diese Strukturen eines Tages ins Wanken geraten, brechen die Menschen, die ihre Identität darauf aufgebaut haben, auseinander. Das ist der Nährboden, der falsche Götter nicht nur zulässt, sondern begünstigt.“

Arno Gruen, Verratene Liebe – falsche Götter, 292 S., Klett-Cotta Verlag 2003.

Freda Meissner-Blau war die erste Klubvorsitzende der Grünen Alternative.