FALSCHE SIGNALE

Just zu dem Zeitpunkt, als die Demokratisierung in Nepal einen großen Schritt vorwärts macht, macht Österreich einen Schritt zurück bei der Zusammenarbeit mit dem Staat im Himalaya. Neuer Favorit ist Buthan – vermutlich weil es dort noch einen König gibt?

Als Nepal mit dem Dreijahresprogramm 2006–2008 vom Schwerpunktland zum einfachen Kooperationsland der EZA zurückgestuft wurde, herrschte in Fachkreisen ungläubiges Staunen und Kopfschütteln vor. Fragt man heute Verantwortliche, Exekutoren und Betroffene nach den Konsequenzen dieses Schrittes, so ist die häufigste Reaktion der Verweis auf andere, kompetentere Auskunftspersonen. Niemand scheint so recht glücklich mit der Entscheidung zu sein und manche ExpertInnen bezweifeln gar, ob sie überhaupt einen statistischen Niederschlag gefunden hat oder ob es sich nur um eine Änderung der Sprachregelung handelt. Nepal ist nicht mehr „Schwerpunktland“, aber „Partnerland“, das der „Schwerpunktregion Himalaya- Hindukusch“ angehört.

Verbindende Berge

Das ehemalige Hindukönigreich im Himalaya ist Sympathieträger und Projektionsfläche für exotische Phantasien á la Shangri La. Mit seinen 141.000 Quadratkilometern Fläche ist es etwas größer als Österreich und die Schweiz zusammen und hat mit 30 Millionen fast doppelt so viele EinwohnerInnen, fragmentiert in eine Vielzahl ethnischer Gruppen und zerklüftet von sozialen Gegensätzen und dem Kastensystem. Reich an landschaftlichen und kulturellen Schätzen rangiert Nepal auf Platz 144 des UN-Index für menschliche Entwicklung (HDI). Unter den asiatischen Ländern liegt nur Bangladesh um weitere zwei Plätze zurück.

Das jetzige Schwerpunktland Bhutan hält Platz 132. Acht der zehn höchsten Berge liegen in Nepal. Das sorgte in der Bergsteigernation Österreich für besonderes Interesse und Affinität, nicht erst seit Herbert Tichy im Jahr 1954 den 8.201 Meter hohen Cho Oyu zum ersten Mal bestieg – im Unterschied zum damals üblichen Stil der quasi-militärisch organisierten Großexpeditionen – im kleinen Freundeskreis mit Pasang Dawa Lama, Helmut Heuberger und Sepp Jöchler. Berge stellten auch ein verbindendes Element in der Entwicklungskooperation dar, durfte Österreich sich doch auch hier eine besondere Kompetenz zuschreiben, etwa beim Bau von Wasserkraftwerken und Infrastrukturmaßnahmen im Bergland ganz allgemein: „Small Mountain People to small Mountain People“, lautete ein Slogan.

Rückzug nach Demokratisierung

Politisch befindet sich Nepal heute in einer Phase großer Umbrüche und Herausforderungen. Ein Friedensvertrag zwischen einer Sieben-Parteien-Allianz und „maoistischen“ Aufständischen beendete im Jahr 2006 ein Jahrzehnt blutigen Bürgerkriegs, der 13.000 Tote, tiefe Wunden und große Zerstörungen hinterlassen hat. Der König wurde entmachtet, eine Interimsregierung unter Beteiligung der „Maos“ eingesetzt und eine Verfassunggebende Versammlung einberufen. Die Wahlen von 2008 gewannen die „Maos“ überraschend deutlich, ihr Vorsitzender wurde Premierminister. Inzwischen sind sie aus der Koalitionsregierung wieder ausgeschert.

Streitpunkt war die Eingliederung ihrer Kämpfer in die reguläre Armee. Das zeigt, wie fragil der Friedensprozess ist und jener der demokratischen Erneuerung. Beide Prozesse brauchen Unterstützung und das Land Hilfe beim Wiederaufbau und bei der Armutsbekämpfung.

Einen politisch schlechteren Zeitpunkt hätte man für eine Streichung Nepals von der Liste der Schwerpunktländer nicht finden können. Als Grund dafür werden der Zwang zu Prioritätensetzungen bei knapper werdenden Mitteln genannt, sowie Absprachen über die Prioritäten zwischen verschiedenen Gebern.

Schmerzliche Lücke

Das nunmehrige Schwerpunktland Bhutan rangiert nicht nur beim HDI zwölf Plätze vor Nepal. Die konstitutionelle Monarchie produziert durch ihre Minderheitenpolitik auch Flüchtlinge, die wiederum Nepal belasten; mehr als 100.000 leben in nepalesischen Lagern. Die neue Prioritätensetzung wurde in Kathmandu zähneknirschend registriert, wo sich die österreichische EZA einen guten Namen gemacht hat, der deutlich über ihr Volumen hinausgeht. Nepal ist ein Aid Regime. Ausländische Hilfe entspricht mehr als 50 Prozent der nationalen Entwicklungsausgaben. Die größten Geber sind die Asian Development Bank und die Weltbank; größter bilateraler Geber ist Japan. Österreich war da stets nur ein kleiner Player, der sich allerdings durch besondere Kompetenz und Qualität auszeichnete.

In harten Zahlen lag der österreichische Anteil stets deutlich unter 1 Prozent. Schmerzlich ist die neue Entwicklung vor allem vor Ort, wo Projekte aktiv waren, die nun eingeschränkt werden müssen oder keine wünschenswerte Fortsetzung finden können. So hatte die NGO Eco Himal in der Everest-Region ein Kleinwasserkraftwerk gefördert, das als beispielhaft gelten kann. Eine Reihe von Dörfern bekommt heute Strom als Alternative zum Verbrauch von wertvollem Feuerholz. Die Tarife sind gestaffelt. Kommerzielle Lodges zahlen mehr als Privathaushalte. Es arbeitet ausschließlich mit lokalem Personal, das zum Teil in Österreich eine Fachausbildung erhielt.

Das Projekt befindet sich inzwischen in Händen einer rein nepalesischen Nutzergesellschaft (KBC), die mit Gewinn arbeitet, um Kapital für Ersatzinvestitionen und Expansionen zu bilden. Weil die schweren Leitungskabel teuer eingeflogen werden müssten, ist man inzwischen dazu übergegangen, dörfliche Kleinstwasserkraftwerke zu bauen, erzählt Ang Danu, Vorsitzender der KBC im 3.600 Meter hoch gelegenen Hauptquartier. „Wir sind in vielerlei Hinsicht ein Modell“, meint er. Doch NachahmerInnen hat das Projekt noch nicht gefunden und einen entsprechenden Anschub für InteressentInnen wird es vorerst nicht geben. Jedenfalls nicht aus Österreich.


Robert Lessmann ist Politikwissenschafter, freier Jounalist und Konsulent.