GRENZEN ÜBERWINDEN
Zuerst gab es eine rege akademische Diskussion, dann folgten erste konzertierte Programme auf internationaler Ebene. Mit dem jüngsten Weltentwicklungsbericht der UNO ist das Thema Migration und Entwicklung endgültig im entwicklungspolitischen Mainstream angekommen – nur nicht in Österreich.
„Die Möglichkeiten eines Menschen ein langes und gesundes Leben, mit Zugang zu Bildung und Gesundheitsvorsorge zu führen, materieller Wohlstand, politische Freiheit und Schutz vor Gewalt, hängen stark davon ab wo jemand geboren ist.“ Dieser Satz aus der Einleitung des heurigen Weltentwicklungsberichts „Overcoming barriers: Human mobility and development“ in Kombination mit einem Konzept von Entwicklung als die Freiheit, das Leben so zu leben, wie man es gewählt hat, bietet einiges an Sprengkraft. Müssten doch, vorausgesetzt das Ziel der Politik wäre globale Entwicklung, die herrschende restriktive Migrationspolitik grundlegend überdacht werden. Aber selbst wenn Politik nur nationale Interessen vertritt, zeigen viele der im Weltentwicklungsbericht zitierten Studien, dass Migration meist auch für die einzelnen Herkunfts- und Zielländer positive Auswirkungen ha
Migration als kollektive Strategie
Die wissenschaftlichen Debatten und empirischen Studien zu Migration und Entwicklung der letzten Jahre hatten mehrere Schwerpunkte. Einerseits lag das Interesse spätestens seit dem 2003 veröffentlichten Weltbankbericht, „Global Developement Finance“ auf den Potentialen der Rücküberweisungen (Remittances) von MigrantInnen, andererseits auf den Auswirkungen auf die Herkunftsländer auf politischer und sozialer Ebene sowie dem Studium sich etablierender transnationaler Netzwerke und Communitys.
Klar ist, dass die Entscheidung auszuwandern selten eine individuelle ist. Meist ist es die Entscheidung einer gesamten Familie einzelne Mitglieder entweder in die Stadt oder ins Ausland zu schicken um die Überlebensfähigkeit aller zu verbessern. Auswanderung ist, wie der UNDP-Bericht zeigt ein „sehr wirksamer“ Weg für BewohnerInnen von Entwicklungsländern, um ihre Lebenssituation zu verbessern. Menschen aus den ärmsten Ländern, die in „entwickelte“ Länder ziehen, können ihr Einkommen um das 15-fache steigern.
Ein Teil dieser Einkommen fließt in die Herkunftsländer. Die Rücküberweisungen von MigrantInnen summierten sich im Jahr 2007 auf weltweit 370 Mrd. US-Dollar. Sie haben sich laut Weltbank – nach den Ausländischen Direktinvestitionen – zur zweitgrößten Quelle von Auslandskapital für Entwicklungsländer entwickelt. In manchen Ländern übertreffen sie sogar die Direktinvestitionen und machen bis zu einem Drittel des Bruttosozialprodukts aus. Inzwischen spricht man von einer Remittances-Industrie. Nicht zu unrecht: So übertreffen zum Beispiel in Sri Lanka die Rücküberweisungen die Erlöse aus dem Teeexport oder in Marokko die des Tourismus. Das UNDP schätzt, dass weltweit 500 Millionen Menschen Remittances erhalten. Staaten wie die Philippinen haben schon vor längerer Zeit begonnen Teile ihrer Bevölkerung bewusst für den internationalen Arbeitsmarkt auszubilden und auch politische und soziale Rahmenbedingungen zu entwickeln, die es erleichtern im Ausland zu arbeiten.
Überweisungen erleichtern
Ein Problem dabei sind die enormen Verluste (bis zu 20 Prozent), die durch schlechte Wechselkurse und hohe Transferkosten entstehen. Gelänge es diese auf 5 Prozent zu senken, würde dies jährlich 3,5 Milliarden Dollar mehr in den Taschen der Familien von MigrantInnen bedeuten. Hier setzt die Forderung des UNDP-Berichts nach einer Reduzierung der Transferkosten an. Aber es gibt auch schon positive Beispiele aus der Praxis. So ist es Ziel des niederländischen Projekts Netherlands Financial Sector Development Exchange (NFX) den Finanzsektor in den Herkunftsländern so zu entwickeln, dass mehr Transparenz einzieht und bessere und billigere Finanzdienstleistungen angeboten werden. Außerdem soll es möglich werden, private Rücküberweisungen zu bündeln und damit die Wirtschaft anzukurbeln.
In Großbritannien wurde vom Department for International Development (DfID) die Website www.sendmoneyhome.org eingerichtet, mit deren Hilfe die günstigsten Möglichkeiten zur Überweisung von Remittances und andere Informationen über Finanzdienstleistungen und Investitionsmöglichkeiten abgerufen werden können.
Rücküberweisungen sind nicht der einzige positive Beitrag, den MigrantInnen zur Entwicklung ihrer Herkunftsländer leisten können. Sie können eigene Firmen gründen oder Verwandte dabei unterstützen, wobei nicht nur das Geld, sondern auch der Transfer von Wissen und Erfahrung eine positive Rolle spielt. Der UNDP-Report relativiert auch die als „Brain-Drain“ negativ konnotierte Auswanderung qualifizierter Kräfte.
Diese sei eher ein Symptom für mangelnde Ressourcen und Mängel in der Verwaltung. Ein in Folge von Arbeitslosigkeit unproduktiver Akademiker geht seiner Gesellschaft nicht ab, kann aber durch den Aufbau transnationaler Netzwerke zur Entwicklung des Herkunftslandes beitragen. So zeigen Studien, dass Direktinvestitionen und Handel zunehmen, wenn viele qualifizierte MigrantInnen aus einem Entwicklungsland in einem Industriestaat leben.
Soziale Entwicklung
Positive Auswirkungen auf gesellschaftlicher Ebene werden inzwischen unter „social remittances“ zusammengefasst. MigrantInnen können politische und soziale Prozesse stimulieren, die Zivilgesellschaft stärken und zur Emanzipation von Frauen und Minderheiten in ihren Herkunftsländern beitragen. Auch dafür gibt der UNDP-Bericht zahlreiche Beispiele aus rezenten Forschungen.
Ein Bindeglied zwischen Herkunfts- und Aufnahmegesellschaften sind Community- Organisationen, die häufig Projekte in der alten Heimat betreiben. Hier setzte auch die öffentliche Entwicklungszusammenarbeit von EU-Staaten wie den Niederlanden, Frankreich oder Großbritannien schon Ende der 1990er Jahre an.
Am weitesten fortgeschritten ist man hier in Frankreich. Entwicklungsprojekte von MigrantInnen in ihren Herkunftsländern werden dort durch spezielle staatliche Förderpolitiken unterstützt. Dieses so genannte „Co-développement“ begann 1996 mit Pilotprogrammen in Marokko, Mali und Senegal, inzwischen ist es ein wichtiger Pfeiler der französischen Entwicklungspolitik. Als Teil des Co-développement wurde 2002 ein Dachverband entwicklungspolitisch aktiver Community-Vereine, FORIM, gegründet. Dieser fungiert als Schnittstelle zwischen öffentlichen Institutionen und MigrantInnen-Organisationen, um deren Projekte in den Herkunftsländern mit staatlichen Mitteln zu fördern.
In Österreich wird das Thema von offizieller Seite bisher völlig ignoriert. Seitens der NGOs gab es zwar Versuche durch internationale Tagungen und ein gemeinsames Positionspapier das Thema zu forcieren, bislang vergeblich. Ein wesentlicher Grund dürfte die extrem restriktive Migrationspolitik hierzulande sein, die Migration als Gefährdung der nationalen Sicherheit und nicht als Potential für globale Entwicklung sieht.
FORDERUNGEN DES UNDP:
1. Liberalisierung und Vereinfachung regulärer Migrationskanäle, die es Menschen ermöglichen im Ausland Arbeit zu suchen.
2. Sicherung der Grundrechte für MigrantInnen
3. Verminderung der Transaktionskosten in Zusammenhang mit Migration (Gebühren, Überweisungskosten etc.)
4. Verbesserung der positiven Folgen für MigrantInnen und Aufnahmegesellschaften
5. Realisierung der Vorteile interner Mobilität
6. Mobilität soll integraler Teil nationaler Entwicklungsstrategien werden.
