BETTELARM? ABER SICHER!

Ihre Existenz regt auf. Aber genau das ist ihre eigentliche „Funktion“.

Angesichts ihrer Armut sollten die Sorgen der Wohlstandskinder klein erscheinen. Aber zunehmend gilt ihre Erscheinung als „Bedrohung“. Die Rede ist von jenen, über die eigentlich immer nur summarisch und in der männlichen Form gesprochen wird: „Bettler“.

Ihre offen gezeigte, nackte Armut hat immer schon verstört. Aber heute, wo (fast) jeder schon morgen überflüssig sein könnte, will man sie schon überhaupt nicht mehr sehen: Jene, die gleichsam als Mülleimer für die düsteren Vorahnungen und unsäglichen Ängste der „Bürgerinnen und Bürger“ dienen: Die BettlerInnen.

Die Vorahnungen und Ängste der BürgerInnen scheinen wahrlich düster zu sein. Denn zu nichts anderem als zu einem Sicherheitsproblem werden sie nun gemacht. Jene, die ein uraltes Gewerbe ausüben, das noch dazu ehrenwert ist, wird es doch ausgeübt zum gegenseitigen Vorteil. Denn beim Bettel  „profitieren“ beide Seiten: Der Gebende erhält sein Glück, dafür bekommt der andere das Geld – was sein Glück ist.

So einfach ist das. Oder könnte es zumindest sein.

Wer geben will, der gibt. Und wer nicht geben will, der muss auch nichts geben. Auch sehr einfach, eigentlich. So, wie das Gewerbe des Bettelns überhaupt einfach erscheint. Dabei wird darin mit nichts Geringerem gehandelt als mit so schwerwiegenden Werten wie Armut und Elend, Wohlstand und Glück.

Aber scheinbar ist das mittlerweile auch eine Art Minderheitenwissen. Die Mehrheit hat verlernt (oder wurde verlernen gemacht) mit dem uralten Gewerbe des Bettelns angemessen umzugehen. Dort, wo es eigentlich um Großzügigkeit und Dankbarkeit geht, ist heute fast nur noch Herablassung und Scham zu verspüren. Und nicht mehr viele wissen, dass man einem Bettler, einer Bettlerin nie von oben herab etwas geben darf. Dass man sich auf Augenhöhe begibt, wenn man gibt. Und dass man dann dadurch Glück bekommt.

Jetzt, wo in unserer Sozialgesellschaft an den unteren Rändern bereits ganze Teile abbröckeln (nicht nur dort, aber dort am schnellsten) wird Sicherheit ja wieder groß geschrieben. Sicherheit ist quasi omnipräsent. Ein industrielles Unternehmen, praktisch. Oder wie Jean Baudrillard es formulierte: „Die Sicherheit ist die industrielle Fortsetzung des Todes.“

Das Betteln mit Kindern und „aggressives Betteln“ sind in Wien schon seit zwei Jahren verboten. Mit der am 26. März 2010 von SPÖ, ÖVP und FPÖ beschlossenen Novelle des Wiener Landes-Sicherheitsgesetzes wird nun auch das „gewerbsmäßige Betteln“ unter Strafe gestellt. Von einem generellen Bettelverbot wie in Tirol oder Salzburg könne aber, wie es heißt, keine Rede sein. „Die Verschärfung des Sicherheitsgesetzes“ sei nur eine „Kampfansage an die Bettelmafia“. Denn von der fühlten sich die Bürgerinnen und Bürger in ihrem "subjektiven Sicherheitsgefühl“(©Wiener SPÖ) bedroht.

Das „subjektive Sicherheitsbedürfnis“. Und: Die  „Bettelmafia“. Nebulöse Begriffe. Letztlich völlig ungreifbare Phänomene. Aber genau damit lässt sich populistische Politik machen. Dabei konnten bislang weder NGOs noch die Polizei wirklich klare Anhaltspunkte für so genannte mafiöse Strukturen erkennen. Aber es „wissen“ alle davon: Dass die BettlerInnen „organisiert“ sind und kriminelle Banden bilden, eben die Bettler-Mafia, nein „Bettelmafia“ – was für ein Wort. Was für eine Vorstellung.

Wehe dem, der wagt zu behaupten, dass es die nicht gibt, der sagt, dass das einzige Verbrechen der BettlerInnen darin besteht, die Herausforderung der Mobilität angenommen zu haben. Und wehe dem, der sich wundert, warum das Bilden von Fahrgemeinschaften ausgerechnet bei ihnen gleich als „mafiös“ gilt. Wer das meint, der gilt als naiv. Als Sozialromantiker. Schlimmer noch. Er ist nicht bereit hinzusehen – nein, nicht auf die Wirtschaftskriminalität – sondern auf dieses „gewerbsmäßigen Betteln“, das da doch so bedroht.

Zugegeben: vor allem medial gibt das organisierte Verbrechen viel mehr her als das Schicksal einzelner Elendsgestalten – und die „Bettelmafia“ als Schlagzeile ist allemal attraktiver als der Mensch, der da ums Überleben kämpft. Mit seiner Arbeit. Am untersten Rand der Gesellschaft, wirklich ganz unten.

Aber dass sich bloße Mutmaßungen durch ständiges Wiederholen als „Wahrheiten“ festsetzen, ist gefährlich – das sagt mir zumindest mein subjektives Sicherheitsbedürfnis. Wenn Individuen zuerst zu einer Masse („Bettelbanden“, „Bettelmafia“) und dann zu einem „Problem“ gemacht werden, dann wird dieses „Problem“ (in letzter Konsequenz) auch irgendwann einmal endgültig gelöst werden (müssen). Das macht mir Angst. Und dass die Sympathien für ein hartes gesetzliches Durchgreifen beim „Bettlerproblem“ stetig steigen: im Alltag, medial und politisch.

Die Vorahnungen und Ängste der Bürgerinnen und Bürger scheinen wahrlich düster zu sein. Anders kann ich mir das gar nicht erklären, was ich da im Diskurs über „Sicherheit“ und „Bettler“ alles mitrauschen höre. Als ob Betteln nicht per se gewerbsmäßig ausgeübt würde. Als hätten BettlerInnen je eine andere Wahl gehabt (oder gar eine bessere Chance).Als würde auch nur eine(r) aus freien Stücken dieses Gewerbe ausüben.

Der Wunsch nach Sicherheit (eigentlich der Glaube an das Recht darauf) macht offenbar blind und taub. Anders kann ich mir es nicht erklären, dass nun jene, die am untersten Rand der Gesellschaft ihre Arbeit, ihr Gewerbe ausüben, als Sicherheitsbedrohung wahrgenommen werden.

Nun also wehe dem, der nicht vom (harten) Herzen „Nein“ zu den Bettlern sagt und etwas Geld hergibt – er macht sich ja angeblich mitschuldig an dem „organisierten Verbrechen“.

Vor ein paar Jahren waren es noch die nur Invalidität vorspielenden BettlerInnen, vor denen man sich hüten sollte – über die wurde zum Teil so gesprochen, als würden den Invaliden unter ihnen nach Dienstschluss die fehlenden Gliedmaßen wieder nachwachsen  (wobei dies bei denen, die sich nach der Arbeit wieder die Beinprothese anschnallen, ja wirklich fast so ist. Aber eben nur fast.)

Eine Zeit lang war viel von „aggressivem Betteln“ (das ja mittlerweile verboten ist) die Rede. Dazu nur soviel: In jedem Gewerbe wird versucht, das „Geschäft“ günstig ausgehen zu lassen – und solange der „Kunde“ greifbar ist, besteht noch die Möglichkeit. Also versucht man – auch als Gewerbetreibender der Armut – sein Bestes. Das ist ohnehin nicht viel (nur Elend). Doch,anders als im anderen ältesten Gewerbe der Welt, wird in der Ausübung absolute Demut gefordert. Alles andere wird als zu obszön empfunden, empörend, unverschämt.

Interessant, eigentlich, dass nun, mit Fortlaufen der „Krise“, die Ärmsten der Armen zur Bedrohung der Sicherheit gemacht werden – und nicht die Armut selbst.

Beängstigend, was da an Bedrohungsszenarien geschürt wird  (oder sollte ich sagen geschürt werden muss?) um von dem abzulenken, worum es eigentlich geht: Die offen gezeigte, nackte Armut. Die hält man nicht aus. Aber anstatt dieser Angst – der Armut – wirklich ins Auge zu blicken, wird nun lieber einer nicht existenten „Bettelmafia“ der „Kampf“ erklärt. Die „Mafia“ ist ja bekanntlich reich. Und das erleichtert das schlechte Gewissen der Nicht-Gebenden und schmälert die Angst der Wegschauenden. Weil das Geld ja doch wieder nur denen zugute käme, die man ja nun wirklich nicht unterstützen will ... Sie wissen schon ...

Apropos:

In Neapel gibt es eine schöne alte Tradition: Wenn einem Glück widerfahren ist oder man sich seines Wohlergehens einfach nur gewahr wird, geht man in eine Bar, bestellt sich einen Café, bezahlt aber zwei. Der zweite Kaffee ist der „Café Sospeso“, der wird aufgehoben für jene, die danach fragen, weil sie sich keinen Cafè leisten können. Sicher ist ein Café nur eine kleine Großzügigkeit. Aber wer ihn bekommt, wird dafür dankbar sein.

Der Sospeso ist eine soziale Geste. So wie das Geben eines Geldstücks an einen Bettler, eine Bettlerin auch eine soziale Geste ist. Eine sehr schöne zudem, denn: Tut man es auf gleicher Augenhöhe, erhält man dafür sogar noch Glück. Und wer kann das eigentlich nicht gebrauchen?

 

Simone Schönett, geboren 1972 in Villach, ist eine österreichische Jenische und  freie Schriftstellerin. Im Juni erschient ihr dritter Roman re. Mondo (Edition Meerauge bei Heyn). Mehr unter: www.wort-werk.at