UNSERE UNI?

Seit Ende Oktober 2009 die größten Hörsäle der meisten österreichischen Universitäten besetzt wurden, gelang es den Studierenden nicht nur die Situation an den Universitäten öffentlich zu machen, sondern auch zu beweisen, dass es Sinn macht, sich auch jenseits etablierter Vertretungspolitik zu organisieren und neue Formen von Basisdemokratie zu erproben. Auch wenn dabei vieles neu gelernt werden musste und sich etwa die Thematisierung von Sexismus innerhalb der Bewegung ähnlich mühsam gestaltete, wie in früheren „Protestgenerationen“, so zeigte diese Bewegung auch, wie neue Medien und Technologien zu einer Veränderung von Strukturen führen und diese in einer kreativen Art und Weise genutzt werden können. Dass die damit gewonnene Transparenz auch die Transparenz der Protestbewegung für die Sicherheitsorgane und das Wissenschaftsministerium erhöhte, wurde dabei zwar manchmal übersehen, insgesamt zeigte sich damit jedoch ein durchaus erfolgreicher Versuch, neue Medien für neue Formen basisdemokratischer Strukturen zu nutzen. 

LektorInnen

Schon in den 1960er Jahren wurden LektorInnen für einzelne Lehraufträge beschäftigt. Ursprünglich nur als Übergangslösung gedacht, bekommen sie bis heute nur schlecht dotierte Semesterverträge. Was sich aber gegenüber den 1960er Jahren geändert hat, ist die Tatsache, dass viele LektorInnen mittlerweile auch außerhalb der Universitäten oft nur ähnlich prekäre Beschäftigungsverhältnisse vorfinden wie innerhalb der Unis. So gibt es heute deutlich mehr LektorInnen, die entweder (fast) nur davon leben, mehrere Lehraufträge parallel – manchmal auch an mehreren Universitäten – zu halten, oder sich von einem Projekt zum nächsten durchwurschteln.

Kein Wunder, dass viele jüngere LektorInnen nach einigen Jahren entweder aus der Wissenschaft aussteigen oder ins Ausland abwandern. Älteren LektorInnen bietet sich auch diese Option nur selten. Werden diese einmal krank oder ist ihre Lehre plötzlich nicht mehr gefragt, weil sie durch jüngere ersetzt worden sind, müssen sie wegen der Semesterverträge nicht einmal gekündigt werden. Nach dem neuen Kollektivvertrag wäre es möglich, langjährigen LektorInnen auch längerfristige oder unbefristete Arbeitsverträge zu geben.

Es geschieht nur nicht. LektorInnen haben fast nie einen Arbeitsplatz. Wenn überhaupt Infrastruktur zur Verfügung gestellt wird, dann allenfalls eine Kopierkarte, ein Postfach oder ein Institutsschlüssel. LektorInnen haben keinen Zugang zu Förderungen, zu denen anderes wissenschaftliches Personal Zugang hat, etwa für den Besuch von internationalen Konferenzen oder Übersetzungskosten für wissenschaftliche Artikel. Andererseits werden sie von den Universitäten aufgefordert, ihre wissenschaftliche Leistung für die Leistungsbilanzen ihrer Universitäten zur Verfügung zu stellen, obwohl sämtliche wissenschaftliche Artikel zu Hause am eigenen Arbeitsplatz mit eigenem Computer und eigener Literatur verfasst werden.

Neuer Mittelbau und ProjektmitarbeiterInnen

Aber auch für ProjektmitarbeiterInnen von drittmittelfinanzierten Forschungsprojekten oder für den neuen Mittelbau sieht es seit dem UG 2002 nicht mehr besonders viel versprechend aus. Früher waren weite Teile des Mittelbaus verbeamtet, also nicht nur auf Dauer angestellt, sondern sogar unkündbar. Heute ist der gesamte „neue Mittelbau“, die verschiedenen Pre- und Postdoc-Stellen, zu einer zeitlich befristeten Angestelltengruppe geworden, die durch die so genannte „Kettenvertragsregelung“, die die Aneinanderreihung kurzfristiger Arbeitsverträge zeitlich begrenzt, auch keine Chance auf langfristige Verlängerung ihrer befristeten Anstellungen hat. Ursprünglich zum Schutz der ArbeitnehmerInnen gedacht, ziehen die Universitäten derzeit die Konsequenz, die Verträge dieser MitarbeiterInnen einfach überhaupt nicht mehr zu verlängern, und sie damit zur Abwanderung aus Österreich oder aus der Wissenschaft zu zwingen.

Dieser Umbau zu privatwirtschaftlichen Beschäftigungsverhältnissen wurde jedoch leider auf gewerkschaftlicher Ebene bislang nicht nachvollzogen. Während ein Großteil des wissenschaftlichen Universitätspersonals mittlerweile über Anstellungsverhältnisse wie in der Privatwirtschaft verfügt, ist trotz ihres extrem niedrigen Organisationsgrades immer noch die Beamtengewerkschaft GÖD die allein zuständige Gewerkschaft.

Diese kümmert sich jedoch primär um die Interessen von ProfessorInnen und beamtetem Mittelbau. Verständlich, dass so im neuen Mittelbau unter ProjektmitarbeiterInnen und LektorInnen der Ruf nach einem Engagement der GPA zunehmend stärker wird.

Gegen prekäre Beschäftigungsverhältnisse

Bereits vor den Uniprotesten hatte es insbesondere an den Wiener Universitäten auch unter Lehrenden und Forschenden verstärkt Versuche gegeben, sich über die einzelnen Statusgruppen hinweg zu organisieren. Getragen wurden diese primär von der seit 1996 existierenden IG externe LektorInnen und freie WissenschafterInnen, einer neu entstandenen Plattform Drittmittelpersonal und einer Initiative junger KollegInnen, die sich Zukunft der Wissenschaften nannte. Mit den Uniprotesten im Herbst 2009 gewannen diese Initiativen in der Protestbewegung jedoch nicht nur eine wichtige Bündnispartnerin, sondern auch eine neue Dynamik, die sich in offenen Lehrenden- und Forschendenplena in Graz und Wien, sowie in einem gemeinsamen Auftreten unter dem Label Squatting Teachers zeigte. Von Anfang an forderten die Studierenden auch ein Ende prekärer Beschäftigungsverhältnisse an den Unis.

Die Protestbewegung wurde damit auch zu einer gemeinsamen Bewegung von Studierenden und Lehrenden, die es erreicht hat, Probleme an den Universitäten sichtbar zu machen und ernst genommen zu werden. Für konkrete Veränderung kann dies nur ein erster Schritt sein.

Thomas Schmidinger ist Lektor am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien und Präsident der IG externe LektorInnen und freie WissenschafterInnen (www.ig-elf.at).

Neu an dieser Bewegung war auch die Einbeziehung von Forderungen von Lehrenden, insbesondere der LektorInnen, die an manchen Studienrichtungen einen Großteil der Lehre bestreiten, jedoch die am prekärsten beschäftigte Gruppe der Lehrenden darstellt.