OHNE HOSEN

Foto: Marie Kreutzer

Über Geld mache ich mir normalerweise keine Gedanken. Das ist in meinem Beruf ungesund. Filme kosten unermesslich viel Geld und so viel Zeit und Kraft, dass ich nur einmal den Fehler begangen habe, mein Honorar in Stundenlohn umzurechnen. Ich habe damals 4,20 Euro brutto in der Stunde verdient. Also weniger als in meinen Jobs als Babysitterin und Schuhverkäuferin während des Studiums. Ich habe einen Beruf, mit dem sich Eindruck machen lässt. Auch wenn ich mich selbst fast fünf Jahre nach Abschluss meines Studiums immer noch recht schüchtern Filmemacherin nenne. Wenn irgendwer das in irgendein Formular einzutragen hat, macht mich das augenblicklich viel beeindruckender.

Es gibt wenig Berufe, die unabhängig von einem eher geringen durchschnittlichen Verdienstpotenzial irgendwie cool klingen, wie Feuerwehrmann oder Zirkusartistin; die meisten 4,20 Euro-Jobs sind aber solche, auf die man in unserer Gesellschaft nicht stolz ist.

Ich übe meinen Beruf in der relativ elitären Überzeugung aus, dass ich mich durch meine Arbeit verwirklichen können, dass meine Arbeit mich glücklich machen muss. Zu tun, was mich erfüllt und fordert, war bei der Berufswahl von größter Bedeutung; Entlohnung und Absicherung haben mich nie interessiert. Bei meiner Aufnahmeprüfung an der Wiener Filmakademie wurde ich aufgefordert, ein durchschnittliches Drehbuchhonorar zu schätzen – ich konnte es nicht und wurde von dem Regieprofessor, der die Frage gestellt hatte, naiv genannt. Freilich konnte ich zu diesem Zeitpunkt, und selbst bei meiner Diplomierung nicht einmal den Arbeitsaufwand einschätzen, den ein abendfüllendes, drehreifes Kinofilmdrehbuch bedeutet. Trotzdem muss ich rückblickend dem gestrengen Regieprofessor anrechnen, dass er der Einzige war, der auf der Filmakademie je mit mir über Geld gesprochen hat.

Trainieren im Raum der Möglichkeiten

Filmemacher sind, das leben die Großen vor, in finanziellen Dingen pragmatisch (und das anscheinend vor allem am brotlosen Anfang ihrer Karriere). Das Werk muss vorgehen, deswegen wird von berühmten Filmemachern im Nachhinein gern von ihren verpfändeten Häusern erzählt. Die Konsequenz und Zielstrebigkeit, mit der ein Filmprojekt verfolgt werden muss, das einem immer selbst am wichtigsten ist, bedeutet vor allem Investition. Investition der eigenen Reserven, der Kräfte und der Zeit und damit der Arbeitsleistung. Ich nenne es Investition, weil der Gewinn immer unabsehbar ist (Wird der Film je finanziert? Wird er je ein Publikum finden?). So wie LeistungssportlerInnen ein Jahrzehnt trainieren, um möglicherweise in wenigen berauschenden Sekunden einen Rekord zu brechen – oder aber nie einen Rekord zu brechen. Das Training, also die Arbeit davor, ist notwendig, um ein Resultat überhaupt möglich zu machen, garantiert es aber nicht. In der beruflichen Realität bedeutet das oft, für kein oder wenig Geld viel Arbeit zu leisten und vor allem regelmäßig Entscheidungen treffen zu müssen, was für das eigene Vorankommen wirklich wichtig ist.

Mache ich, unbezahlt und allein mit der Last der Verantwortung, wieder einen Kurzfilm, weil ich konkret, selbstbestimmt und ohne künstlerische Kompromisse vor allem etwas Eigenes schaffen und mich als Regisseurin fordern will? Oder versuche ich, endlich als Drehbuchautorin beim Fernsehen anzudocken, weil ich realistisch sein und von etwas leben muss? (Könnte ich davon leben? Denn in der Realität bedeutet auch das Label „Fernsehen“ in den allerseltensten Fällen fixe oder berechenbare Einkünfte. Nur an einem Produkt gearbeitet zu haben, auf dem am Ende „ORF“ draufsteht, hat nichts mit einer Fixanstellung oder mit Reichwerden zu tun.)

Der Oscar-prämierte Regisseur Ang Lee (Der Eissturm, Sinn und Sinnlichkeit, Brokeback Mountain u.v.m.), der schon an der Filmakademie in New York als Nachwuchsstar abgefeiert wurde, sagt über die langen sechs Jahre, die zwischen dem Abschluss seines Studiums und seinem ersten Kinofilm vergingen: „Ich hatte Angst, etwas anderes zu machen, weil ich dann nicht bereit gewesen wäre. Ich hatte Angst, meine Chance zu verpassen. Es konnte immer am nächsten Tag passieren.“ Nach sechs Jahren drehte er seinen ersten Kinofilm Pushing Hands, ohne einen Cent zu verdienen: „Ich war gleichzeitig der Produzent. Ich konnte das Budget nicht überziehen, also nahm ich nichts für mich. Alles ging in den Film.“ (1)

Arbeit und Leben ohne Sicherheit

Als RegisseurIn, DrehbuchautorIn, Kamerafrau/ mann, CutterIn, ProduzentIn, DramaturgIn, ja auch als SchauspielerIn stellt sich je nach temporären beruflichen Hochs und Tiefs in schöner Regelmäßigkeit die Frage, wovon die Miete zu bezahlen und was dem Steuerberater zu sagen ist, und das bedeutet nicht nur Alltagsstress, sondern nicht selten auch Unverständnis und Besorgnis im sozialen Umfeld. Als MittdreißigerIn mit Magistertitel ständig an der Armutsgrenze herumzuschlingern, vermittelt das Bild des Versagens, des Es-nicht-geschafft-Habens, denn jetzt sollte es doch wirklich so langsam ... Es ist von außen schwer zu verstehen, wie diese ständige Ungewissheit, das Hinarbeiten auf Vielleichts und andererseits die langen, aber unkalkulierbar unregelmäßigen Arbeitstage auf Film-, TV- oder Werbesets ein Berufsbild ergeben sollen. Und von innen ist es gelegentlich schwer zu ertragen, weil wir ja nie wissen können, ob und wie es weitergeht und ob die Anstrengungen sich irgendwann lohnen.

Eine Kollegin sagte vor kurzem trocken, als wir über Entlassungen in Großbetrieben sprachen: „Uns fragt auch keiner, wie’s uns geht, und wir sind das ganze Jahr auf Jobsuche.“ Tatsächlich ist es für junge Filmschaffende gar nicht einfach, beim AMS unterzukommen, sprich: Arbeitslose zu beziehen, weil dafür die Phasen der Anstellung auch in Summe meist nicht lang genug sind. Oder weil unsere Berufe uns längst in die Selbständigkeit gezwungen haben. Was wiederum Arbeit macht, wenn man sich endlich zugesteht, dass der ganze Papierkram Arbeit ist. Wie überhaupt das ganze Selbstmanagement. Sich selbst ChefIn und SekretärIn zu sein, während man eigentlich KünstlerIn ist, bedeutet ständigen inneren Kleinkrieg. Man müsste und sollte eigentlich immer, wenn es so gar keine fixen Arbeitsstunden und meist noch nicht einmal einen externen Schreibtisch gibt. Dass Arbeit und Leben so ineinander verschränkt und verworren sind, ist für mich ganz normal und trotzdem immer Thema. Es gibt weder außen noch innen eine Tür, die ich um 17 Uhr schließen kann.

Gelassenheit und Ausdauer

Dass wir auf die Filmförderung angewiesen sind, weiß man dank der Presse rund um den Erfolg österreichischer Filme in den letzten Jahren. Es erhöht das Ansehen unserer Berufe aber nicht gerade, weil Subventioniertes für Viele den Geruch des Unrentablen hat. (Wenn man dann antwortet, dass Kunst nicht rentabel sein muss, geht die Diskussion los, ob Film Kunst ist oder sein muss.) Es wird viel über Filmförderung gesprochen und gemutmaßt, wie es weitergeht. Dann heißt es sehr schnell wieder, dass nur gejammert wird und dass das wieder einmal sehr österreichisch ist. Und dass es halt ein Wettbewerb ist, wie überall. Und dass es anderswo, wo Film wirklich eine Industrie ist, noch viel härter ist.

Ich bin unentschlossen, ob ich es verheerend oder nachvollziehbar finde, dass man uns auf der Filmakademie nicht auf die Widrigkeiten des Berufsalltags vorbereitet hat. Eigentlich beides. Ich werde heute schon von Jüngeren um Rat gefragt und kann keinen geben. Meine Ratschläge sind kitschig. Ich finde, dass es wichtig ist, bei sich zu bleiben und sich immer wieder zu fragen, warum man das eigentlich will. Und am Kern der Antwort festzuhalten. Partner zu finden, die die eigene Vision teilen und unterstützen. Ich glaube, dass Gelassenheit und Ausdauer wichtiger sind als Talent, weiß aber noch nicht, was ich in ein paar Jahren darüber sagen werde. Ich weiß noch gar nichts. Aber für mich gibt es keine Alternative. Die wenigen Sekunden, die der Extremsportlerin ihr Rekordsieg sind, das werden für mich die Sekunden sein, in denen das Licht in einem Kinosaal ausgeht, bevor mein Film beginnt.

Es ist leichter, gelassen zu sein, wenn man gerade konkret einen Film vorbereitet, als wenn einer abgeschlossen und der andere noch nicht in Reichweite ist. Es ist diese Unregelmäßigkeit der Arbeit und der Emotion, die unsere Berufe, glaube ich, schwierig macht. Mit 32 kann man es nämlich noch ganz lustig finden, nicht genau zu wissen, was passiert. Trotzdem habe ich seit Monaten vor, endlich meditieren zu lernen. Komisch, ich komm nur nicht dazu.selbst fast fünf Jahre nach Abschluss meines

 

(1) My First Movie, Hgg. v. Stephen Lowenstein, Verlag Faber and Faber Limited, 2000

Marie Kreutzer ist Drehbuchautorin/Regisseurin. Sie ist auf der Diagonale 2010 mit dem Kurzfilm Ingrid vertreten und bereitet ihren ersten Langspielfilm, Die Vaterlosen, vor.