WEIL DRIN SEIN KANN, WAS NICHT DRAUF STEHT
Wenn die Grünen öffentlichkeitswirksam für ein Bleiberecht ohne Wenn und Aber für Arigona Zogaj eintreten, dann tun sie das nicht, um ihre Grundwerte an den Mann und an die Frau zu bringen. Wenn sich die Grünen mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln für einen Rücktritt von Martin Graf als Drittem Nationalratspräsidenten kämpfen, dann haben sie nicht ihr Parteiprogramm im Visier. Und wenn das AKW Mochovce stillgelegt, einer ökosozialen Steuerreform zum Durchbruch verholfen oder das Bildungssystem auf neue Beine gestellt werden soll, dann nicht, weil gewisse Grundwerte auf der To-do- Liste abghakt werden müssen.
Die hundert Jahre alte Forderung nach gleichem Lohn für gleiche Arbeit lässt die kreativen Köpfe im Vorfeld des 8. März immer wieder kräftig schwitzen auf der Suche nach neuen Darstellungsformen für die Öffentlichkeit. Nicht, weil der Beschluss des Bundeskongresses vom Juli 2001 das vorschreibt, sondern, weil es um die Identität Grüner Politik geht. Weil es um die Vertretung jener Interessen geht, denen Grüne verpflichtet sind, derentwegen die Grünen gegründet wurden, für die Grüne gewählt werden. Mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg.
Grünes Über-Ich
Bei der tagtäglichen Pressearbeit spielt die Vermittlung der Grundwerte – Hand aufs Herz – keine Rolle. Niemand zückt das Parteiprogramm bei der Vorbereitung einer Pressekonferenz. Dennoch könnten wohl alle Politikfelder, die die Grünen beackern, auf die Erfüllung der Grundwerte durchleuchtet werden. Mit positivem Ergebnis. Denn: Sie finden sich implizit fast immer und manchmal zwischen den Zeilen wieder. Das bedeutet: Ohne dass sie in der Öffentlichkeitsarbeit aktiv eine Rolle spielen, erfreuen sie sich permanenter Präsenz.
Das liegt einerseits am enorm hohen Identifikationsgrad der Beteiligten, ohne dass diese auch nur eine Sekunde aktiv an die Grundwerte denken. Andererseits nehmen die Grünen in der österreichischen Parteienlandschaft eine profilierte Stellung ein, die von den MitbewerberInnen punktuell aber nicht als Gesamtes bedroht wird. Niemand sonst deklariert sich beispielsweise so vorbehaltlos für Menschenrechte oder für eine bedingungslos moderne Umweltpolitik. In den wenigen inhaltlichen Feldern, die Überschneidungen mit anderen Parteien in einem gewissen Ausmaß aufweisen, lassen sich wohl auch Parallelen bei den zu Grunde liegenden Wertehaltungen finden, – ich denke hier an manche kultur- oder bildungspolitische Übereinkunft mit der Sozialdemokratie.
Nie explizit
Hilfreich scheint für eine Betrachtung, ob und wie sehr sich die Grundwerte an sich in der Öffentlichkeitsarbeit wiederfinden, eine Teilung der Handlungsformate in drei Kategorien, die im selben Atemzug Perspektiven beinhalten:
1. Langfristige politische Ziele
2. Mittelfristige politische Projekte
3. Kurzfristige und zum Teil reaktive politische Aktivitäten
Bei den langfristigen politischen Zielen ist es wohl noch am einfachsten die Grundwerte als solche in der Kommunikationsarbeit per definitionem zu postulieren und zu propagieren. Abgesehen von vereinzelten Anlässen – wie beispielsweise besondere Veranstaltungen oder bestimmte Phasen in Kampagnen – und von Anfragen von Interessierten sind Langfrist-Ziele nur sehr begrenzt bis gar nicht medientauglich. Und somit nur eingeschränkt öffentlichkeitstauglich.
Eine breite Öffentlichkeitsarbeit, die nicht nur via Medien läuft, verschlingt entweder enorme finanzielle Ressourcen, verlangt exorbitant hohen Arbeitseinsatz und/oder kann meist nur auf einen Einmal-Effekt abzielen. Konkrete Umsetzungsstrategien zeichnen klassischerweise mittelfristige politische Ziele und somit Projekte aus. Die Veränder- und Verbesserungsabsicht wird samt Daten, Zahlen und Fakten erläutert. Hand in Hand geht damit ein PR-Konzept einher, das einzelne Kommunikationsschritte umfasst und dessen ständige Aktualisierung und allfällige Korrektur fixer Bestandteil des gesamten Projektplanes ist. Die Vermittlung der Grundwerte ist normalerweise nicht Teil dieses Planes. Wenn sie nicht selbst das Projekt ausmacht, dann hat sie darin auch keinen Platz.
Der Job der Kommunikationsverantwortlichen ist es, so einfach, so klar, so prägnant wie nur irgend möglich, über dieses Projekt zu erzählen und dafür zu begeistern. Und sämtliches ablenkendes Beiwerk tunlichst zu vermeiden und zu verhindern. Als viel zu abstrakt und abgehoben erschiene die tagespolitische und durch die Oppositionsfunktion oftmals zwingend reaktive Pressearbeit, wenn sie sich der Kommunikation der Grundwerte verpflichtet fühlte. Zu Regierungsvorhaben oder Initiativen der konkurrenzierenden Parlamentsparteien wird eine eindeutige Stellungnahme erwartet, die schnell und unkompliziert öffentlich wahrgenommen werden kann. Mitunter gönnen Medien den Beteiligten gerade mal einen Satz oder Halbsatz, um die einzelnen Meinungen abzuzirkeln.
Wiedererkennungswert
Nichtsdestotrotz verstärke ich die aufgestellte These insofern, als sogar bei Kurzmeldungen ein Röntgenblick Aufschluss über die Werthaltungen „Ökologisch. Solidarisch. Selbstbestimmt. Basisdemokratisch. Gewaltfrei. Feministisch.“ gibt oder geben kann. PR-Arbeit baut auf vorhandene – also im Laufe vieler Jahre erworbene – Identifikationsmuster und Erwartungshaltungen, Eigenschaften und Zuschreibungen, Klischees und Charakteristika auf.
Wenn Online-Medien mit den wenigen Worten „Grüne gegen Verschärfung Asylrecht“ die Haltung der Menschenrechtssprecherin zum aktuellen Gesetzesentwurf aus dem Innenministerium zusammenfassen, so verweist dies ohne anstrengende Denkzwischenschritte auf die Grundwerte „solidarisch“ und „selbstbestimmt“. Wenn sich im Wirtschaftsteil einer Tageszeitung ein Kurzzitat zur Förderung erneuerbarer Energieformen findet, so kann selbst bei oberflächlichster Betrachtung „ökologisch“ als erkennbar gelten. Und da aller guten Dinge angeblich drei sind: Die Erhöhung der Erwerbsquote bei Frauen stellt nicht nur eine wirtschaftspolitische Notwendigkeit dar, sondern führt uns diretissima zu „feministisch“ und „selbstbestimmt“.
Fazit: Nie explizit. Immer implizit.
Salopp ausgedrückt bedeutet es, dass die Grundwerte in der Öffentlichkeits- und Pressearbeit immer vorkommen ohne jemals selbst aufzutauchen. Alles klar?
Andrea Danmayr war bis 2006 Pressesprecherin der Grünen. Sie lebt in Wien.
