SCHWEDEN – SAME SAME BUT DIFFERENT

Schweden – das Land der Seen, endlosen Wälder, von Wohlfahrtsstaat und Gleichberechtigung, der Stieg Larssons und Håkan Nessars, in dem vieles so vertraut wirkt und doch so anders ist. Nach drei Jahren, in denen ich hier nun lebe, nähere ich mich immer noch an.

Aus dem deutschen Universitätssystem hat es mich als Soziologin an die Universität Umeå verschlagen, das an der Ostseeküste liegt, etwa 600 km nördlich von Stockholm und 200 km südlich des Polarkreises. Umeå? Kennt jenseits der Grenze zu Dänemark kaum jemand. Kein Wunder: Mit 110.000 EinwohnerInnen nicht gerade eine Großstadt, kaum Plätze, Gebäude, Sehenswürdigkeiten, die einen Besuch lohnen würden und deutschsprachige Reiseführer haben eher selten etwas über diese Stadt zu sagen.

Und dennoch: Umeå ist das Ausbildungs- und Verwaltungszentrum des Nordens und hat seit 1963 eine der mittlerweile größten Universitäten des Landes, mit Volvo Lastvagner AB Umeå ein Automobilwerk, das tatsächlich derzeit keine roten Zahlen schreibt. Umeå hat den Zuschlag als Europäische Kulturhauptstadt 2014 erhalten und ist Sitz einer der weltweit erfolgreichsten Frauenfussball-Mannschaften. Letzteres zumindest bis vor kurzem, bevor zwei der wichtigsten Spielerinnen den Verein verließen und damit bedeutende Sponsoren absprangen, so dass der Verein seine Steuerschuld nicht mehr aufbringen konnte. Nun kann es vorkommen, dass diese Mannschaft auch schon mal verliert.

Im Grunde genommen ist Umeå eine typische Stadt in einem kleinen, vergleichsweise homogenen Land, in dem sich knapp 9 Millionen EinwohnerInnen auf 450.000 km2 verteilen. Als Universitätsangestellte profitiere ich von den umfänglichen Infrastrukturmaßnahmen und Subventionen – von denen Universität, Volvo und die Auslobung als Kulturhauptstadt 2014 nur einige sind – mit denen der schwedische Staat verhindern will, dass noch mehr Menschen aus den ländlichen Gebieten des Nordens in die größeren Städte Stockholm, Göteborg und Malmö abwandern.

Denn hier im Norden flackern zwar im Winter spektakulär die Nordlichter über den Himmel und im Sommer wird es drei Monate lang nicht richtig dunkel – das Leben ist aber selbst in den wenigen Städten, die hier den Namen verdienen, sehr stark von den harschen klimatischen Bedingungen geprägt, die sich auch mit moderner Technik nicht vollständig kompensieren lassen. Dem Astrid-Lindgren-Bild, das viele MitteleuropäerInnen von Schweden haben und das IKEA so erfolgreich vermarktet, entspricht denn auch eher der Süden des Landes.

Hier im Norden sind die kulturellen und verwandtschaftlichen Bindungen nach Finnland historisch rege und da die Finnen in Schweden keinen besonders guten Ruf genießen, werden die „Norrländer“ auch gern als Ostfrieden Schwedens verlacht. Doch trotz der Hassliebe zwischen den Skandinaviern, die ihren Ausdruck nicht nur in heißen Eishockey-Schlachten, sondern auch in bisweilen gewöhnungsbedürftig bissigen Bemerkungen findet, stammen dennoch etwa zwei Drittel der knapp 14 Prozent in Schweden lebenden Menschen mit Migrationshintergrund aus den benachbarten skandinavischen Ländern.

Während insbesondere zur Zeit der Industrialisierungsphase im 19. Jahrhundert viele Finnen nach Schweden kamen, um dort in der Metallverhüttung zu arbeiten, emigrieren heute Schweden, um im benachbarten Norwegen besser bezahlte Verwaltungstätigkeiten zu übernehmen. Man versteht einander – sprachlich und kulturell – über die Nachbarschaftsgrenzen hinweg. Neben Autos und Mobiltelefonen, IKEA, Pippi Langstrumpf und Wallander ist der Wohlfahrtsstaat sicher Schwedens bekanntestes Exportprodukt. Und tatsächlich gehen in Schweden fast 57 Prozent des nationalen Bruttoinlandsprodukts auf die Ausgaben des Staates zurück, im europäischen Durchschnitt sind es etwa 50 Prozent. Schweden hat damit eine vergleichsweise hohe Staatsquote. Die staatliche Umverteilungspolitik scheint dabei recht erfolgreich: Die 20 Prozent mit dem höchsten Einkommen verdienen etwa 3,5 Mal so viel wie die 20 Prozent mit dem geringsten Einkommen – im Europäischen Durchschnitt liegt dieses Verhältnis bei etwa 5:1. Wer zu den 20 Prozent mit den höchsten Einkommen gehört, ist in Schweden kein Geheimnis – einmal im Jahr veröffentlicht die Lokalzeitung in Umeå die Namen und Einkommensverhältnisse der reichsten zehn Personen im Ort – eine Liste, die jedes Mal mit Spannung erwartet wird, obwohl sich weder die Namen noch die Reihung von einem Jahr zum anderen verändern.

Aber es ist nicht nur das schwedische „folkhem“ mit der überraschend hohen Zustimmung für Umverteilung und Gleichheit, die Zugezogene wie mich überraschen.
Im Alltag stoße ich immer wieder auf Gepflogenheiten, die das Potential haben, hochgradig zu irritieren. Dazu gehört nicht nur, dass das in Nordschweden sehr verbreitete Zischgeräusch, das beim Einsaugen von Luft durch die Zähne entsteht, keine unangenehme Angewohnheit ist – es signalisiert Zustimmung – sondern auch das Nummernsystem, mit dem fast überall geregelt wird, wer wann dran ist, und dessen Fehlen zu fast chaotischen Zuständen führen kann.

Dieses System ist allerdings so eindeutig praktisch, dass man es zu vermissen beginnt, wenn man wieder nach Mitteleuropa reist. Überraschend ist denn auch die gänzliche Abwesenheit kleiner Höflichkeitsgesten, wie des gegenseitigen Aufhaltens von Türen oder von Entschuldigungen bei unerwünschtem, zufälligen Körperkontakt.
Dies kann man gewöhnungsbedürftig oder aber charmant finden.

Schwieriger für das gegenseitige Verständnis und typische Quelle von Missverständnissen sind meiner Erfahrung nach jedoch die Eigenarten der schwedischen Rechts- und Regelsetzung, welche ausschließlich beim Individuum ansetzt. Hat dies einerseits zur Folge, dass jeder und jede die gleichen Rechte und Pflichten hat, so verunmöglicht es auf der anderen Seite die Verhandlung von Gruppenrechten. Für Wohlfahrtsstaatspolitik bedeutet dies, dass Leistungen unabhängig vom familiären Hintergrund zugewiesen werden und die Gesellschaft, nicht aber die Familie, für die Versorgung derjenigen Personen, die sich noch oder nicht mehr selbst versorgen können, einsteht. Wer als solch eine Person gilt, ist wiederum Gegenstand gesellschaftlicher Konsensfindungsprozesse.

Wenn es um Gleichberechtigung geht, so impliziert die Orientierung am Individuum nicht nur ein maximal barrierefreies Schweden, sondern auch einen institutionellen Rahmen, der gleichermaßen für Männer und Frauen sicherstellt, dass Familie und Arbeitsleben vereinbar sind und der dafür sorgt, dass an Universitäten keinerlei Veranstaltungen nach 17 Uhr stattfinden. Wenn allerdings Regeln der Gleichstellung verletzt sind, so lässt sich dagegen nicht als Vertreter oder Vertreterin einer Gruppe argumentieren, sondern man bedient sich der semantischen Figur der persönlichen „Kränkung“.

Diese zunächst gewöhnungsbedürftige Formulierung ermöglicht, dass ein Ombudsmann oder eine Ombudsfrau angerufen werden können, die dann in direkter Konfrontation entscheiden, ob die Kränkung durch Nichtbeachtung einer Regel entstanden ist oder ob eben die akkurate Anwendung der Regel zur Kränkung geführt hat, sodass die Regel überdacht werden muss – wie jüngst im Fall einer muslimischen Basketballjuniorin geschehen, die sich „gekränkt“ sah, als sie des Spielfeldes verwiesen wurde, weil sie entgegen der Regeln des Internationalen Basketballverbands Fiba ein T-Shirt unter dem vorgeschriebenen ärmellosen Trikot trug.

Das Setzen und Verhandeln von Regelungen ist in Schweden eine Sache für sich. Schweden ist eine stark auf Konsens ausgerichtete Gesellschaft, Konflikte werden nur ungern manifestiert. Das führt dazu, dass in (Personal)Versammlungen, dem „möte“, über alles so lange geredet wird, bis eine einvernehmliche Lösung gefunden ist. Dem Austausch von Argumenten setzt dabei das schwedische Bedürfnis nach einer Kaffeepause nach spätestens 11/2 Stunden ein quasi-natürliches Ende, zu dem hin dann auf meist mysteriöse Art und Weise ein Entschluss „emergiert“ (Schweden hat übrigens den weltweit höchsten Pro-Kopf- Konsum an Kaffee). Das Geheimnis dieses Prozesses besteht in einem äußerst sensibel orchestrierten Ballett von „wer-sagt-wann-was“, das am Ende dazu führt, dass eine Seite, sei es aus Mangel an Vorschlägen oder aus Mangel an (Überzeugungs)Macht, keine Argumente mehr geltend macht und damit die bis dahin etablierte Lösung allgemeine Anerkennung erfährt.

Vielleicht resultiert genau aus diesem Verfahren das fast überraschend ungebrochene Vertrauen der Schweden in ihre Institutionen, was zur Folge hat, dass Datenschutz und der Schutz des Individuums vor dem Staat keine Themen von öffentlichem Interesse zu sein scheinen und das zumindest hier im Norden (noch) mit einem nicht minder überraschenden Vertrauen in die Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit der Mitmenschen gepaart ist.
Diese alltäglichen und institutionellen Besonderheiten machen Schweden, vor allem hier im Norden, zu einem spannenden, aber auch verunsichernden, fremden und sehr exotischen Platz zum Leben – wenn man den Begriff des Exotischen von seinem Palmen-Image befreit hat.

Annette Schnabel studierte in Köln Volkswirtschaft und Soziologie. Sie arbeitet seit 2007 als Soziologin an der Universität Umeå.